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Literatur

Ein relativ finsteres Buch: „Des passt!“

Wie geschaffen für die Oberpfalz: Friedrich Ani liest in der Buchhandlung Pustet aus seinem Roman „Nackter Mann, der brennt“.
Von Florian Sendtner, MZ

Friedrich Ani in der Buchhandlung Pustet  Foto: Borst
Friedrich Ani in der Buchhandlung Pustet Foto: Borst

Regensburg.„Ich hatte meinen einzigen schwarzen Anzug und ein dunkles Hemd angezogen und eine schmale schwarze Krawatte umgebunden.“ Friedrich Ani sitzt in der Buchhandlung Pustet und liest die erste Seite seines Romans „Nackter Mann, der brennt“ (Suhrkamp Verlag, 223 Seiten, 20 Euro), und die Selbstbeschreibung seines dunklen Helden Ludwig Dragomir, der sich gerade für eine Beerdigung fertig macht, passt wunderbar auf Friedrich Ani selbst – nur die schwarze Krawatte fehlt. „Dieses doch relativ finstere Buch“, bemerkt Ani (57) einleitend trocken und charmant, sei doch „wie geschaffen für die Oberpfalz“. Ja, doch: „Des passt!“

Und als wär’s ein Gag einer höheren Regie, zieht kurz darauf draußen ein Rudel Mädels vorbei und skandiert mit heller Stimme, aber finster entschlossen irgendwas mit „Oberpfalz!“. Ani unterbricht, er ist drauf und dran, einen Gegenchor anzustimmen: „Niederbayern!“ oder: „Obergiesing!“, lässt es angesichts der feindlichen Überzahl dann aber doch bleiben. Und belässt es dabei, seiner Begeisterung über diese Einlage Ausdruck zu verleihen: „Manche Sachen kann man sich einfach nicht ausdenken!“

Der dunkle Herr Dragomir

„Gelobt sei Jesus Christus!“ – mit diesem Stoßgebet beginnt der Roman, aber noch im gleichen Satz stellt sich heraus: Der da seine Geschichte erzählt, der da betet, der hält gleichzeitig in seiner Abstellkammer einen Mann gefangen und genießt dessen Angst: „Er starrte mich an, und ich schloss die Tür wieder. Der Tag versprach mir zu gefallen.“ Denn es gibt ja, wie gesagt, eine Beerdigung. Der alte Apotheker Eduard Rupp wird zu Grabe getragen, und irgendwie wird man bereits hier das Gefühl nicht los, dass dieser dunkle Herr Dragomir auch einiges dazu beigetragen hat, dass es zu dieser Beerdigung gekommen ist.

Ziemlich schnell stellt sich heraus, dass die Wirtin Regina Lange, die während der Trauerfeierlichkeiten mit Ludwig Dragomir flirtet, die Ehefrau des Gefangenen in der Abstellkammer ist. Und auch das erfährt man beizeiten: Der verstorbene Apotheker war ein freundlicher Herr im weißen Kittel, der für jedes Kind einen Lutscher in der Tasche hatte. Und er war „ein Verbrechen auf zwei Beinen“. Nein, nicht nur er. „Aber er hatte Ferdl auf dem Gewissen, er allein.“ Heimelige Gefühle ergreifen den Leser dieses „Noir“, der in einem süddeutschen Dorf mit dem klingenden Namen Heiligsheim spielt, von Anfang an: Dahoam is einfach dahoam.

Vom Alkohol gezeichnet

„Nackter Mann, der brennt“ ist die Geschichte einer Rückkehr: Dieser „Luggi“ Dragomir hat Heiligsheim mit 14 fluchtartig Richtung Berlin verlassen, und nun, 40 Jahre danach, ist er zurückgekommen. Vom Alkohol gezeichnet, mit sich und der Welt am Ende. Und brennend vor Wut über die Verbrechen, die damals in dem adretten, bigotten Dorf an ihm und seinen Spielkameraden geschahen. Verzweifelt darüber, dass er diese Verbrechen nicht verhindern konnte. Nur: „Wen hätte meine Geschichte interessiert? Wer hätte mir geglaubt, obwohl ich von Gläubigen umzingelt war?“ Ja doch, des passt. Die bischöfliche Pressekonferenz mit den neuesten horrenden Zahlen der im Lauf der Jahrzehnte geprügelten und geschändeten Domspatzen ist erst ein paar Stunden her.

Eine Dreiviertelstunde liest Ani aus dem „Nackten Mann“, unbekümmert in den Kapiteln hin- und herspringend. Dann stellt er sich den Fragen. Warum das Katholische in seinen Romanen so eine große Rolle spiele? „Keine Ahnung“, entgegnet Ani, „wahrscheinlich ein Trauma“. Oder zumindest unausweichlich, wenn man in einem katholischen Dorf wie Kochel aufgewachsen sei. Der „Nackte Mann“ gerät zwischendurch immer wieder beinahe zum theologischen Traktat. Da liest der Kidnapper seinem Gefangenen in der Besenkammer aus den alten Heften vor, in die ihnen der Pfarrer seinerzeit tugendterroristische Sprüche diktiert hat: „Hilf mir, dass alles, was ich heute hier in der Schule, draußen auf der Straße und daheim bei meinen Eltern rede und tue, Deinem göttlichen Willen entspricht!“

Auf eine sehr eigene Art nimmt Ani den Glauben aber durchaus ernst. Am Ende der Geschichte steht der Kinderwunsch, Pfarrer zu werden. Warum? „Dann kann ich zu den Menschen immer Vergebung sagen.“ – „Was willst du ihnen denn vergeben, Coelestin?“ – „Dass sie Menschen sind.“

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