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Literatur

Ein sehr beweglicher Geist

Keiner war so einflussreich wie er: Jetzt wird der Lyriker, Essayist und Buchreihengründer Hans Magnus Enzensberger 90.
Von Helmut Hein

Hans Magnus Enzensberger wird 90.Foto: Nicolas Armer/dpa
Hans Magnus Enzensberger wird 90.Foto: Nicolas Armer/dpa

Regensburg.„Ein guter Dichter sagt mehr als er weiß“, heißt es in „Tumult“ (2014), diesen späten, kritisch-autobiographischen Prosa-Miniaturen. Das stimmt. Aber auf Hans Magnus Enzensberger trifft es nur halb zu. Denn er ist ja nicht nur Poet, Dramatiker und Romancier, sondern auch Übersetzer, Literaturvermittler und unermüdlicher Projektemacher; und der bei weitem (selbst)kritischste Intellektuelle in diesem Land. Und in jeder Hinsicht ein sehr beweglicher Geist. Ein großer Reisender, der überall dabei war, ohne je ganz dazu zu gehören. Und – was ihm weniger erfolgreiche Kollegen vielleicht am meisten übelnahmen – er war einer, der stets überaus geschäftstüchtig auf die Füße fiel.

Als Hörfunkredakteur in Alfred Anderschs wegweisendem Süddeutschen Rundfunk verfasste er schon mit gerade einmal Mitte 20 einen vernichtenden Radio-Essay über „Die Sprache des ‚Spiegel‘“, den das Hamburger Nachrichtenmagazin dann heroisch-raffiniert nachdruckte. Und weil sie aus nächster Nähe erfahren konnten, wie unbeirrbar-scharfsinnig dieser Enzensberger war, nahmen sie ihn sicherheitshalber gleich selbst unter Vertrag.

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Auch als Lyriker war er auf Anhieb erfolgreich. Seine Gedichte erinnerten in ihrer Klarheit und Härte an den späten Brecht. Nur ersetzten sie dessen moralisch-politische Botschaften durch einen beunruhigenden Hintersinn. Genau der aber machte sie, ein typisches Enzensberger-Paradox, lesebuchtauglich. Bestes Beispiel: „Die Verteidigung der Wölfe“, das Titelgedicht des 1957 erschienenen Debüts. Die Kapitalismus- und Machtkritik erschloss sich nur dem, der einen zweiten oder dritten Blick und vor allem hinreichend Reflexion riskierte. Denn vordergründig pries der Autor ja die unverbrüchliche Treue und Solidarität der „Wölfe“, während sich die „Schafe“ lieber selbst zerfleischten und so als hilflose Opfer anboten.

Anschluss ans Weltniveau

Als Enzensberger 1963 mit gerade einmal 33 den renommierten Büchner-Preis erhielt und endgültig in den Olymp der bundesdeutschen Literatur aufstieg, hatte er schon einiges hinter sich: Er war Lektor des Verlags, der gerade an der weltweit gerühmten „Suhrkamp-Kultur“ bastelte. Er lebte mit Frau und Tochter scheinbar weltabgeschieden an einem norwegischen Fjord und blieb doch der ewige Adabei. Er ließ sich als „Repräsentant“ (wofür?) in die Sowjetunion einladen, die er mit kritisch-offenen Augen und fürsorglich betreut von Menschen, die zugleich Freunde, Übersetzer und KGB-Informanten waren, bereiste. Und er sorgte mit der legendären Sammlung „Museum der modernen Poesie“ (1960) dafür, dass die ausgehungerten Deutschen Anschluss ans lyrische Weltniveau fanden und fast zeitgleich mit der Kinderreim-Kollektion „Allerleirauh“ (1961) dafür, dass die Kindheit nicht in Kitsch ertrank.

Im Visier des Staatsschutzes

  • Kommune:

    Enzensbergers Bruder Ulrich, auch ein bekannter Autor, kümmerte sich nach der Scheidungl um die verlassene Frau Dagrun, und nistete sich als Mitglied der berüchtigten „Kommune 1“ in Enzensbergers Berliner Haus ein.

  • Attentat:

    Nach dessen Rückkehr aus Kuba besetzten sie Uwe Johnsons Wohnung. Weil die Kommunarden ein Pudding-Attentat auf den US-Vizepräsidenten Humphrey planten, geriet auch Enzensberger auf die Liste des Staatsschutzes.

  • RAF:

    Dass er von unauffälligen Herren in schwarzen VWs dauerbelagert wurde, bewahrte ihn davor, dass sich Baader, Meinhof und Ensslin auf dem Weg in den Untergrund bei ihm einnisteten. Enzensberger erzählt das selbst in „Tumult“.

1965 gründete Enzensberger, wie immer „just in time“, das „Kursbuch“. Was nach trockenem Fahrplan-Service klang, wurde rasch zum Zentral-Organ der beginnenden Studentenbewegung. In wüsten Themenheften und in einer Auflage, von der heute selbst namhafte Zeitungen nur träumen können, wurden politische Bekenntnisse und erschöpfende Dokumenten-Dossiers, flirrende Essays und avancierte Poesie zu einer Einheit montiert, die sich oft nicht sofort erschloss. Aber alles war voller Geheimnis und ziemlich sexy. Bot es Orientierung? Nicht unbedingt. Das hätte auch nicht zu Enzensbergers Charakter und Selbstverständnis gepasst. Er sah sich gern als einen, auf den man besser nicht baute. Es sei denn, man wollte eigenständiges Denken bei ihm lernen. Und er suchte nicht nach Halt, sondern experimentierte und forschte lieber (mit offenem Ausgang!) und war vor allem nomadisch, ein ewiger Reisender, immer unterwegs.

Als Reiseschriftsteller ist Enzensberger einfach großartig. Das zeigen seine Notizen aus der Sowjetunion und aus Kuba genauso wie die späteren Reportage-Essays, die er Mitte der 80er-Jahre für die „Zeit“ verfasste und die dann unter dem sprechenden Titel „Ach Europa!“ als Buch erschienen. Enzensberger war hellsichtig, weil er lieber seinen Augen und Ohren traute und nicht unerschütterlichen Überzeugungen. Seine ungeschützte Neugier und geradezu manische Offenheit führte aber immer wieder auch zu Schiffbrüchen: politisch wie privat.

Dem Liebes-Furor verfallen

Auf seiner zweiten Russland-Reise lernte er eine junge Genossin aus der Nomenklatura kennen, schön und klug, aber vollkommen lebensunfähig, erotoman bis zur Besessenheit. Nachdem er sich im Liebes-Furor von Frau und Kind getrennt und diese gerade 23 Jahre alte Mascha geheiratet hatte (ein Abenteuer für sich!), erwies sich rasch, dass sie manisch-depressiv war, was er bisher in bester „Amour fou“-Tradition übersehen hatte, und jenseits von saturnischer Romantik und wildem Sex kein Zusammenleben denkbar war.

Sein jüngerer Bruder Ulrich, auch ein bekannter Autor, kümmerte sich derweil um die verlassene erste Frau Dagrun, und nistete sich als Mitglied der berüchtigten „Kommune 1“ in Enzensbergers Berliner Haus ein. Nach dessen Rückkehr aus Kuba besetzten sie Uwe Johnsons Wohnung, der gerade in New York seine „Jahrestage“ vorbereitete. Weil die Kommunarden ein Pudding-Attentast auf den US-Vizepräsidenten Humphrey planten, geriet auch Enzensberger auf die Liste des Staatsschutzes. Dass er von unauffälligen Herren in schwarzen VWs dauerbelagert wurde, bewahrte ihn immerhin davor, dass sich Baader, Meinhof und Ensslin auf dem Weg in den Untergrund bei ihm dauerhaft einnisteten. Enzensberger erzählt das selbst in „Tumult“ mit einer gewissen ironischen Distanz und Altersgelassenheit.

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Für ihn waren die 1970er-Jahre eine Dekade des politischen Blues – der aber in seinem Fall nicht so groß war, weil er sich nie übermäßige Illusionen gemacht hatte – und der literarischen Ernte. Er würdigte den spanischen Anarchisten Durutti in einem Roman. Vor allem aber resümierte er den Stand der Emanzipation und der Moderne in balladesken Lyrik-Bänden, die zum Besten gehören, was die deutsche Literatur zu bieten hat. Vor allem „Mausoleum“ (1975) wurde zum rasch zerschlissenen Standard-Werk nach Jahren des Rausches wieder zur Besinnung gekommener Jung-Akademiker.

In wunderbar mit Zitaten und Dokumentar-Material durchsetzten prosanahen Langgedichten erzählt Enzensberger von der Geschichte des Fortschritts und seinen Kosten: 37 Mini-Biographien von Dichtern und Philosophen, Künstlern und Politikern der Neuzeit, die man so dicht und exemplarisch noch nie gelesen hatte. Es folgten „Der Untergang der Titanic“, ein komödiantisches Versepos, das eine Katastrophe zur Metapher des allgemeinen Welt- und Gemütszustands machte und „Die Furie des Verschwindens“. Den Titel hatte er sich bei Hegel geliehen.

Die 80er Jahre wurden wieder zur Gründerzeit. Zunächst mit dem Magazin „Transatlantik“, das in der Tradition der frivolen Diderot-Fraktion der französischen Aufklärung und der großen amerikanischen Zeitschriften wie dem „New Yorker“ stand und, hierzulande ungewohnt, literarische Reportagen und blendend geschriebene Essays bot. Dann, ab 1985, „Die andere Bibliothek“, eine Art Bertelsmann Buchklub für höchst Anspruchs- und Geschmackvolle, wo man als Mitlied einmal im Monat eine bestens ausgestattete Rarität erhielt; Enzensberger, das Trüffelschwein.

In Interviews hatte er schon früh betont, er hätte auch Chemiker oder Bankier werden können. Dass das nicht nur haltlose Angeberei war, wussten alle, die ihn kannten. Spät bewies er es mit Büchern wie „Der Zahlenteufel“, der Kindern und Jugendlichen unterhaltsam die verhasste Mathematik nahebrachte und vielfach prämiert wurde; und „Immer das Geld“, eine Art Einführung in die Untiefen der Welt-Ökonomie mit den Mitteln eines reich bebilderten Romans.

Am 11. November wird der unermüdliche Hans Magnus Enzensberger 90 – und steigt immer noch ohne zu klagen und zu schnaufen die fünf Treppen zu seiner Schwabinger Wohnung hoch.

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