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Theater

Ein Spagat zwischen Politik, Pietät und Pointe

Thomas Spitzer hat mit „zwölf zu null“ ein Stück zu den tödlichen Schüssen auf einen Regensburger Studenten geschrieben.
Von Veronika Lintner, MZ

Sprayer Henry (Alois Dirnaichner) und Theaterfrau Simone Merk (Angelina Kammerlohr) diskutieren: Was darf Theater? Foto: Alexander Urban

Regensburg. „Ist das nicht ein bisschen heikel?“, zweifelt der Mann, der da auf der Bühne des Studententheaters Regensburg seinen Plan durchdenkt. Es ist der Protagonist des Stücks „zwölf zu null“, der diese Frage kritisch in den Raum wirft und zugleich die Brisanz, die mit dem Stück selbst einhergeht, in Worte fasst.

Der Regensburger Student Thomas Spitzer, der sich bisher einen Namen als gewitzter Poetry Slammer gemacht hat, präsentierte mit der Uraufführung am vergangenen Sonntag sein Debüt als Dramatiker. Hierfür hat er mit Roland Weisser, dem Leiter und Regisseur des Studententheaters, ein konfliktgeladenes Thema aufgegriffen. Drei Jahre nach dem Tod des Studenten Tennessee Eisenberg durch Schüsse von Regensburger Polizeibeamten versetzt „zwölf zu null“ das Publikum in diese Situation. Spitzer riskiert dabei einen fiktiven Spagat zwischen Politik, Pietät und Pointe, der – auch selbstreflexiv – weitere Fragen hervorruft. Darf Theater so etwas? Noch dazu mit Humor?

Im Zentrum stehen Student Henry und seine politisch engagierte Freundin Kim. Vom Tod eines unbenannten Studenten erschüttert, beschließen sie, ein kritisches Zeichen zu setzen und das Konterfei des Toten als Graffiti-Motiv zu verbreiten – angelehnt an das Bild Eisenbergs. Es beginnt ein so fiktives wie kontrastreiches Spiel der Figuren und Standpunkte. Spitzers Stil, sein Hang zu Wortwitz und Ironie, zieht sich als roter Faden durch Dialog und Handlung. Die Mehrzahl der wohlgezielten Pointen und popkulturellen Referenzen fügen sich nahtlos in die jeweilige Stimmung, andere irritieren als Zäsur.

Manch ein Polizist, der die Bühne betritt, erscheint überzeichnet, versehen mit Bart à la Magnum oder gar Cowboystiefeln. Auch die Darstellung eines zunächst planlosen Engagements der Studenten geschieht augenzwinkernd. Ein irrwitziger Dialog zwischen dem Beamten Oliver Müller-Meier (Roland Weisser) und seiner exzentrischen Vorgesetzten (brillant dargeboten von Christina Resch) zeugt von Spitzers Sprachgefühl und Chuzpe. Insbesondere der zweite, zunehmend abstraktere Akt des Stücks spielt mit dem Gewirr der Standpunkte.

Eine völlig andere Atmosphäre schaffen die Momente der Schwere. Unbehagen wird spürbar, als die Schwester des unbenannten Toten ihr Leid klagt. Hier lastet die stark reduzierte, dunkle Kulisse schwer auf der Szene. Es drängt sich die Frage auf, ob Pathos und extreme Nähe nötig sind, um politische und gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen. Die Szenen der Begegnung lassen dann die Kontraste kollidieren. Der Polizist stellt sich dem Leid der Angehörigen, der Student verständigt sich mit dem Polizisten, Gedanken werden plötzlich hörbar. Die Darsteller vermitteln souverän dieses Wechselspiel und setzen sich durchdacht zueinander in Szene.

Da Spitzer schonungslos an allen Enden hobelt und karikiert, ohne den gebotenen Ernst des Themas aus den Augen zu verlieren, gelingt die Vermittlung seines Anliegens. Weisser und er wollen Fragen erneuern, anstatt sich anzumaßen, Wahrheiten zu deklarieren. Die Form des Dramas bietet ihnen dabei die Plattform, verschiedenste Perspektiven zu eröffnen. Der Ruf nach Wahrheit wird verdeutlicht, jedoch auch die Krux, dass diese reine Wahrheit in der Realität wohl theoretisches Idealkonstrukt bleibt. Das Stück wirbt für Transparenz, eine selbstkritische Hinterfragung auf Seiten der Polizei als auch seitens des Protests sowie für ein gegenseitiges Vertrauen. „Etwas, was junge Menschen dazu bringt, sich zu informieren und selbst ein Bild zu machen“ – das verspricht sich sowohl Henry von den Graffiti als auch sein literarischer Schöpfer von seinem Werk.

„Zwölf zu null – ein Stück Regensburg“ von Thomas Spitzer ist am Do., 3. Mai und am Fr., 4. Mai, jeweils um 19.30 im Theater an der Uni zu sehen.

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