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Ein „Tatort“-Vortrag ohne Thrill

Mit dem Filmexperten und Schnellredner Matthias Dell das Kritikwürdige der Fernseh-Krimiserie zu ermitteln, war für die Zuhörer ziemlich ermüdend.
Von Fred Filkorn, MZ

Matthias Dell Foto: Kai von Kröcher

Regensburg. Wie werden Schriftsteller, Musiker und Schauspieler im „Tatort“ dargestellt? Wie weichen die vermeintlichen „schrägen Vogel“ von der gesellschaftlichen Norm ab, die durch den Kommissar vertreten wird? Der reichhaltige Fundus der über 40-jährigen „Tatort“-Geschichte hätte bestimmt einiges hergegeben, um diesen spannenden Fragen nachzugehen.

Filmkritiker Matthias Dell, Autor des Buches „Herrlich inkorrekt – die Thiel-Boerne-Tatorte“ und Mitglied der Jury des Deutschen Wettbewerbs bei der Kurzfilmwoche, hat sich bei seinem Vortrag im W1 dann aber leider auf nur wenige Beispiele konzentriert. Sehr ausführlich und in alle möglichen Details gehend, die mit dem eigentlichen Thema mitunter wenig zu tun hatten, erzählte er einzelne Szenen nach, um sie erst dann dem Publikum zu zeigen. Das war ermüdend. Dass er so schnell sprach, als müsste er noch einen Zug erreichen, trug nicht eben zur Verständlichkeit seines Vortrags bei. Einige Aussagen waren deshalb nur schwer nachvollziehbar oder neigten zur Überinterpretation.

So mokierte Dell sich etwa über Lena Odenthals vermeintliche anti-amerikanische Vorurteile, als sie sich im Kino über die prüden Amerikaner auslässt. Wer amerikanische Filme oder Serien kennt, weiß, dass die Protagonisten in Bettszenen gerne noch etwas anhaben, wo im europäischen Film nackte Haut gezeigt wird. Warum also dazu nicht einmal einen bösen Kommentar abgeben? Dell ist in vielem päpstlicher als der Papst, seine subjektive Meinung überhöht er zu einer Allgemeingültigkeit, die sie nicht besitzt. Auf der anderen Seite vermisste man wirklich allgemeingültige Aussagen über die Darstellung von Künstlertypen im „Tatort“ und darüber, wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.

Dass Dell auf Geschlechterrollen, das hierarchische Chef-Assistent-Verhältnis und den angeblich schlechtesten „Tatort“ aller Zeiten (laut der Fanwebsite „tatort-fundus.de“) eingeht, ist gewiss nicht uninteressant, kommt der Fokussierung auf das eigentliche Thema aber nicht zugute.

Man hätte auch erwarten können, dass Dell mehr zu seinem Buch „Herrlich inkorrekt“ sagen würde. Dort wirft er dem „politisch inkorrekten“ Münsteraner „Tatort“ vor, gesellschaftliche Minderheiten negativ darzustellen. Im Sinne von: Endlich spricht einmal jemand aus, was wir alle denken, sich aber niemand mehr zu sagen traut.

Dell unterfüttert seine These mit konkreten Beispielen, die man als Filmausschnitte gut auf die Leinwand hätte werfen können. Viele seiner Argumente sind nachvollziehbar, manches diskussionswürdig, es hätte den Gegenstand jedenfalls eingegrenzt. Dell hält das Sujet seines Buches allerdings für ein Schlechte-Laune-Thema, dass nur schwer zu erklären sei. Und das ist schade.

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