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Kunst

Ein Wanderer zwischen den Welten

Von der Figur zum Ornament: Peter Nowotnys „Moving Ornaments“ in der Galerie ArtAffair
Von Helmut Hein, MZ

Durch Reduktion stößt er zum Kern der Dinge vor: Peter Nowotny in der Galerie ArtAffair Foto: altrofoto.de

Regensburg. Der mythische Narziss ertrinkt bei dem Versuch mit seinem verführerischen Selbstbild auf der Wasseroberfläche zu verschmelzen. Die übergroße Verliebtheit ins eigene Ego nimmt die Luft zum Atmen, bringt den Tod. Auf das Schönheitsversprechen folgt die Schreckenserfahrung. Der Bad Abbacher Künstler Peter Nowotny folgt den Spuren des Narziss in den post-modernen Gesellschaften, die im Bann von Mode und Markt stehen. Nicht mehr die Liebe zählt, sondern der Blick in den Spiegel, mit dem man seine Position und seine Optionen im entfesselten Feld des Begehrens abschätzen kann.

Der Triumph des reinen Scheins, des jeweils pursten Reizes im raschen Takt der Augenblicke bewirkt, dass selbst die Gestalt entleert wird. Es geht nur noch um die jeweils kräftigste Kontur, um Hülle und Maske. Die Gesichter bleiben in Nowotnys „Narzisstischen Ornamenten“ leer, „gelöscht“. Was einst die Individualität, die Unverwechselbarkeit jedes Einzelnen garantierte, wird zur bloßen Projektionsfläche für die wechselnden Wünsche aller. Wichtig ist nur, dass die Oberfläche glänzt. In der allgemeinen Gesichtslosigkeit kann sich jeder selbst spiegeln wie einst Narziss im täuschenden Wasser.

Bei Peter Nowotny verbindet sich freilich das sozial- und medienkritische Motiv mit Reflexionen über die Regeln der Abbildung. Er misstraut nicht nur der Figur, sondern der vertrauten Realitäts-Illusion, die in der Renaissance mit Zentralperspektive und Tiefenraum entstand. Von da an bestand die Gefahr, dass man das Bild mit dem verwechselt, was es darstellt. Der Realismus seit der Renaissance tut so, als liefere er die Schöpfung noch einmal.

Derlei Anmaßung, die Ersetzung der Transzendenz von Gott und Welt durch Fetische, muss dem Strengergläubigen wie Blasphemie vorkommen. Deshalb kannte das christliche Mittelalter Zeiten des Bildersturms. Der Islam hält bis heute am Bilderverbot fest.

Nowotny, der nie nur Maler ist, sondern einer, der das, was er tut, diskursiv begleitet und gerade auch die Ästhetik und ihre Geschichte als Feld der Forschung sieht, zeigt sich fasziniert von der flächigen Vor-Renaissance-Kunst und von der reichen ornamentalen Tradition des Orients. In seinen aktuellen Arbeiten ist aber die Figur nicht von vornherein abwesend. Wir werden vielmehr zu Zeugen, die wahrnehmen können, wie sie sich auflöst und verschwindet.

Das Reich der Zeichen verdankt sich in Nowotnys Arbeiten einem verblüffenden Prozess der Abstraktion, bei dem Details der Figuration, die man als solche zunächst gar nicht wahrnimmt, durch ein Weglassen ihrer vertrauten Umgebung zu bloßen Signets werden, die Teil eines virtuellen Raums sind, in dem sie weiter verarbeitet, „transformiert“ werden können. Wobei sich Nowotny für beides interessiert: Für die konsequente Entleerung des Bildes, bis nur noch ein Rest bleibt, dem alles Gegenständliche ausgetrieben ist. Und für die Verdichtung des Bildraums durch permanente Wiederholung.

Beides, die Aufhebung jeder Wirklichkeitsillusion in einer Rune oder einem Kode, dessen Semantik man noch nicht kennt, und der gewollte Verlust jeder Figuration in der Undurchdringlichkeit des Ornaments, kann gelesen werden als Kritik des Schönheitskults und als dessen Überbietung. Denn die Reinheit der Formen, um die es in der Mode geht, deren Illustrationen Novotny seine Vor-Bilder entnimmt, ist nichts gegen Rune und Ornament, denen jeder Bezug zum Gewicht der Welt abhanden gekommen ist.

Jedem Narzissmus ist der Zug zum Nihilismus eigen. Wer den „Schmutz“ der Realität nicht erträgt, landet in der Leere. In der christlichen Mystik und im Sufismus, die jede Verdinglichung scheuen („Leer werden von allem Leeren“, heißt es bei Meister Eckhart), wird der Nihilismus Programm, die intensivste und „wütendste“ Form der Gottes- und Selbsterfahrung. In Nowotnys Bildern schimmert dort, wo nichts mehr ist, nur noch monochrome Fläche, der Goldgrund des Daseins durch.

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