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Kultur
Dienstag, 22. Mai 2018 27° 3

Bühne

Ein Werk von Liebe und Schuld

Am Holocaust-Gedenktag erlebt Regensburg die Uraufführung einer Oper über die streitbare und umstrittene Hannah Arendt.
Von Claudia Bockholt

Ella Milch-Sheriff ist seit Wochen in Regensburg und bereitet gemeinsam mit Regisseur Itay Tiran die Uraufführung ihrer Oper „Die Banalität der Liebe“ vor. Foto: Michael Lindner/Theater Regensburg

Regensburg.Außergewöhnlicher Intellekt ist ein zweischneidiges Schwert. Er kann eine Frau wie Hannah Arendt zu einer der faszinierendsten Persönlichkeiten ihres Jahrhunderts machen. Er kann aber auch, so hat sie es als nicht mehr junge Frau eingeräumt, zu einer „Art Fremdheit unter den Menschen“ führen. Es war ihr wohl am Ende egal. Sie wusste: Jede Freiheit hat ihren Preis, auch die des Denkens. Und sie stellte trocken fest: „Ich will nicht wirken, ich will verstehen.“

Bis heute ist die Politologin, Soziologin und Historikerin bewundert und umstritten. Das von ihr postulierte „Denken ohne Geländer“ setzte sie konsequent und radikal um. Sie beschrieb den Organisator des millionenfachen Judenmords Adolf Eichmann als lächerlichen „Hanswurst“. Das wirft man ihr in Israel bis heute vor. Es schien eine unerhörte Verharmlosung, als sie von der sprichwörtlich gewordenen „Banalität des Bösen“ sprach und schrieb, dem da 1961 im Glaskasten im Jerusalemer Gerichtssaal der Prozess gemacht wurde. Arendt blieb jedoch stets dabei, dass die technokratischen Einlassungen des Deportationslogistikers von schrecklicher Komik waren. „Ich hab das 3600-Seiten-Polizeiprotokoll gelesen und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe. Aber laut!“, unterstrich sie in einem Interview 1964.

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Der Monate dauernde Eichmann-Prozess hielt die Holocaust-Überlebenden weltweit in Atem. „Ich war ein kleines Kind“, erzählt Komponistin Ella Milch-Sheriff, Jahrgang 1954. „Meine Eltern haben jeden Tag stundenlang im Radio den Prozess verfolgt“. Hannah Arendt reiste als Prozessbeobachterin aus New York an. Ihr Bericht und ihr Buch gerieten zum Skandal, auch weil Arendt den Ältestenräten der Juden in Deutschland wegen ihrer anfänglichen Kooperation mit den Nationalsozialisten eine Mitverantwortung zuwies. In den 80ern wurde zudem bekannt, dass sie vor dem Krieg einen Mann, so brillant wie sie und trotzdem Verehrer Hitlers, geliebt hatte. Und dass sie sich auch nach dem Krieg nicht von ihm distanzierte, sondern sogar Kontakt hielt, ihm half, in den USA seine Bücher zu veröffentlichen.

Schreckliche Geheimnisse

„Es ist ein Enigma“, sagt die Komponistin, ein Rätsel. Eines, das auch sie bis heute fasziniert. Im Auftrag des Theaters Regensburg hat sie jetzt eine Oper über Hannah Arendt und den Philosophen Martin Heidegger komponiert. Das Libretto beruht auf dem Theaterstück „Die Banalität der Liebe“ ihrer Landsfrau Savyon Liebrecht. Es wurde 2007 in deutscher Sprache in Bonn uraufgeführt – noch bevor es in Israel zu sehen war. Regensburgs Intendant Jens Neundorff von Enzberg war damals Chefdramaturg am Rhein.

Später, schon Operndirektor in Braunschweig, bewegte er Ella Milch-Sheriff dazu, aus ihrer Kantate „Ist der Himmel leer?“ eine Kammeroper zu machen. „Baruchs Schweigen“ wurde 2010 in Braunschweig uraufgeführt. Die Kritiken waren positiv. Die Oper erlebte seither vier weitere Produktionen. „Ungewöhnlich viel für ein zeitgenössisches Werk“, betont der Intendant. Die Komponistin hat darin das Vermächtnis ihres Vaters verarbeitet: das Tagebuch des Überlebenden Baruch Milch, den sie zeitlebens als kühl und verschlossen erlebt hatte. Es enthüllt, dass er schon eine Familie gehabt und im Holocaust verloren hatte. Dass er mitansehen musste, wie sein kleiner Neffe vom eigenen Vater aus Angst vor Entdeckung getötet wurde.

Projektwoche „Le Cham – auf das Leben“

  • Projekttage:

    Begleitend zur Uraufführung der Oper „Die Banalität der Liebe“ am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz finden am Theater Projekttage zu israelischer Kultur statt. Eröffnet werden sie mit einem Podiumsgespräch zur aktuellen Kulturszene in Israel, unter anderem mit der Autorin Savyon Liebrecht und dem Dirigenten Noam Sheriff (Freitag, 26. Januar, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz)

  • Lesung:

    Mit der Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger haben sich Maria-Elena Hackbarth und Catharina Kottmeier beschäftigt: „Selma - wenn das Gestern heute ist“, szenische Lesung mit Musik, ab 13 Jahren (Donnerstag, 25. Januar, 10 und 19.30 Uhr, Freitag, 26. Januar, 10 Uhr, Junges Theater am Bismarckplatz).

  • Ausstellung:

    Eine Ausstellung zeigt Bilder von Bedrich Fritta, die er im Ghetto Theresienstadt für seinen Sohn Tommy zeichnete. (Eröffnung: 26.1., 19 Uhr, Theatercafé)

  • Kino:

    „Past Life“ von Avi Nesher (Israel 2016): Zwei Schwestern bringen Licht ins das Dunkel eines Familiengeheimnisses. Der Film ist inspiriert von der Lebensgeschichte Ella Milch-Sheriffs, die im Anschluss Fragen beantwortet (Sonntag, 28. Januar, 19.45 Uhr, Filmgalerie im Leeren Beutel)

  • Konzert:

    Ein Konzert zum Gedenken an die Opfer des Holocaust unter dem Titel „Von Jerusalem bis Europa“ ist am Montag, 29. Januar, 20 Uhr, im Rewag-Casino in der Greflinger Straße zu hören. Es spielen Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Regensburg und das „Dalberg-Quartett“, Rezitation: Susanne Berckhemer.

Als sie das Tagesbuch des Vaters gelesen hatte, verstand die Tochter Ella. Und sie betrachtet es seither, wie so viele Überlebende und ihre direkten Nachfahren, als eine Pflicht, die Erinnerung an die Shoa am Leben zu erhalten. Das Thema ist in der Kunst Israels allgegenwärtig. Ob Boulevard oder Oper: Man umkreist das Trauma mit Witz, Dramatik und Poesie.

Die Liebe zwischen der jungen jüdischen Studentin Hannah Arendt und dem viel älteren Philosophieprofessor Heidegger steht im Zentrum der Oper. Sie beginnt 1924, als Hannah in Marburg auf den wesentlich älteren, wie Ella Milch-Sheriff befindet „hochcharismatischen“, Professor trifft. Am anderen Ende der Zeitschiene spricht die fast 70-jährige Arendt, die in New York auf ihr Leben zurückblickt.
In der Oper geht es um die Unmöglichkeit der deutsch-jüdischen Beziehungen. Sie gilt für diese eine Liebe zwischen zwei berühmten Denkern, die Geschichte schrieben, wie für alle Deutschen und Juden bis heute, 73 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. Da ist und bleibt der schwarze Schatten von Schuld. Erinnerung, die ewig frösteln lässt.

Ella Milch-Sheriff ist seit Wochen in Regensburg und bereitet mit Regisseur Itay Tiran (links) die Uraufführung ihrer Oper „Die Banalität der Liebe“vor, rechts: Intendant Jens Neundorff von Enzberg. Foto: Jochen Quast

Ella Milch-Sheriff klagt an: die Jüdin, die sich über ihr Volk stellte, den Antisemiten Heidegger, die Kirchen, die die Verfolgten nicht schützten. Sogar die Juden selbst, die ohne die deutsche Kultur nicht leben könnten. „Die Banalität der Liebe“ sei eine politische Oper, sagt sie. Doch die Komponistin behandelt das Schwere mit Leichtigkeit – mit Ironie. „Ohne diesen Humor hätte ich das nicht komponiert“, sagt sie. „Oper ist größer als das Leben.“ Ihre Stärke liege darin, dem auf den Intellekt zielenden Theaterstück emotionale Tiefe zu geben.

Milch-Sheriff mixt in ihre Komposition ein altes Studentenlied, Walzer, auch Reminiszenzen an den von ihr verehrten Kurt Weill. „Ella ist der Tonalität ihres Landes verbunden, gleichzeitig hat sie sich mit dem ganzen Kanon der klassischen und zeitgenössischen Musik auseinandergesetzt“, sagt der Intendant. „Diese Mischung ist es, die ihre Musik im positiven Sinne hörbar macht.“

Ella Milch-Sheriff, die Schriftstellerin Savyon Liebrecht und Regisseur Itay Tiran sind in Israel große Namen. Entsprechend groß ist das Interesse, auch der Medien, an der Uraufführung. Fast 60 Gäste aus Israel werden am Samstag dabei sein.

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