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Kunst

Eine Ausstellung, die sich was traut

Am Sonntag eröffnete „Auf Augenhöhe“. Die Schau zeigt Werke von geistig Behinderten neben denen von bekannten Künstlern.
Von Florian Sendtner

Galeristin Wilma Rapf-Karikari vor einer Collage der Regensburgerin Sara Blümel, die 2016 beim „Kunst.Preis“ ausgezeichnet wurde. Foto: Sendtner
Galeristin Wilma Rapf-Karikari vor einer Collage der Regensburgerin Sara Blümel, die 2016 beim „Kunst.Preis“ ausgezeichnet wurde. Foto: Sendtner

Adlmannstein. Drei Bleistift-/Buntstift-Zeichnungen hängen nebeneinander, in der Mitte eine kerzengerade stehende Blume mit großer Blüte von Wolfgang Herzer, eingerahmt von zwei bunten Zeichnungen von Rafael Ziegert, die mit eigenwilligem Strich das Gegenständliche hinter sich lassen und Formen teils nur noch andeuten.

Die drei Zeichnungen passen wunderbar zusammen, der künstlerische Wert aller drei steht außer Frage. Wobei Wolfgang Herzer ein weithin bekannter Künstler ist, während von Rafael Ziegert bislang erst wenige Werke in der Ausstellung „Kunst.Preis für Menschen mit geistiger Behinderung“ im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein zu sehen waren. Die Ausstellung „Auf Augenhöhe“ in der Kunstpartner-Galerie Adlmannstein traut sich was: Sie zeigt insgesamt 16 Künstler, sechs davon sind als solche anerkannt, die anderen zehn noch nicht ganz – sie hat die Galeristin Wilma Rapf-Karikari aus der „Kunst.Preis“-Ausstellung 2016 ausgesucht. Die Werke der geistig behinderten und der nicht behinderten Künstler hängen nebeneinander, wie sie gerade künstlerisch zusammenpassen – und sie passen ausgezeichnet zusammen.

Kein Thema für den Giftschrank

Rapf-Karikari: „Auf Augenhöhe begegnen sich KünstlerInnen mit geistiger Einschränkung und wohlbekannte, bereits etablierte KünstlerInnen aus der regionalen und überregionalen Szene.“ Der historische Sprengstoff, der in der Idee der Ausstellung steckt, liegt auf der Hand. Man braucht dazu nur den „Ausstellungsführer Entartete Kunst“ von 1937 aufzuschlagen. Auf der vorletzten Seite des Hefts, das zu der berüchtigten gleichnamigen Wanderausstellung erschien, sind drei Zeichnungen abgebildet, dazu der Text: „Welche von diesen drei Zeichnungen ist wohl eine Dilettantenarbeit vom Insassen eines Irrenhauses? Staunen Sie: Die rechte obere! Die beiden anderen dagegen wurden einst als meisterliche Grafiken Kokoschkas bezeichnet.“ Die Vernichtungswut der Nazis richtete sich gegen die moderne Kunst und ihre Schöpfer genauso wie gegen alles irgendwie Behinderte.

Zur Ausstellung

  • Noch bis 1. Juli

    Die Ausstellung mit Malerei, Zeichnungen, Holzassemblagen, Keramikskulpturen ist bis 1. Juli in der Kunstpartner Galerie Adlmannstein zu sehen. Geöffnet ist sie sonntags von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung.

  • Begleitprogramm:

    Samstag, 30. Juni, 19.30 Uhr: Die Diven und der Schmidt: „Das wird nie was!“ – Eine Musikrevue, inklusive Speis und Trank 25 Euro (Anmeldung unter 09408/ 1316 oder 0175/3609109)

Die Ausstellung wählt den offensiven Weg

Anstatt dieses Kapitel der Kunstgeschichte ängstlich im Giftschrank zu belassen, geht Wilma Rapf-Karikari es mit dieser Ausstellung offensiv an. Und jeder, der das Ausstellungsgewölbe der Kunstpartner-Galerie betritt, wird ihr bescheinigen, wie recht sie damit hat und wie rundum gelungen diese mutige Ausstellung ist. Die mörderische Verfemung der modernen Kunst und der Massenmord an Behinderten und Kranken stehen in einem Zusammenhang. Und positiv gewendet zeigt sich: Anerkannte Künstler vergeben sich nicht das Geringste, wenn sie sich auf das Wagnis einlassen, mit behinderten Künstlern zusammen auszustellen. Beide Seiten gewinnen und profitieren voneinander.

Am meisten hat der Besucher dieser Ausstellung davon. Vielfältigste Affinitäten sind hier zu entdecken und zu bestaunen. Da hängen zwei Holzassemblagen von Margot Luf, einer Künstlerin, der sich die Kunstpartner-Galerie seit Jahren verschrieben hat, neben einer Collage von Sara Blümel, die 2016 beim „Kunst.Preis“ ausgezeichnet wurde – und die drei Werke scheinen wie füreinander geschaffen. Die aus Holzlatten zusammengenagelten befremdlich-befreienden Figuren von Margot Luf bevölkern zusammen mit archaisch-skurrilen Keramikskulpturen von Gabi Hanner einen eigenen Raum (Letztere auch noch den Garten).

Lebensfroh: „Der nackerde Mo“

Und was würde besser dazu passen als Josef Sigls Zeichnung „Der nackerde Mo“: ein mit Farbstift gezeichnetes winziges Manschkerl von umwerfend-offensiver Lebensfreude: weit geöffneter Mund, bleckende Zähne, ausgebreitete Flugzeugarme mit Fingerfedern, und ein Phallus, der bei der Korrektheitskommission definitiv nicht mehr durchginge. Ein zweites Bild von Josef Sigl liefert den Ton dazu: „Bi Bi Bi Bi“ – Grandios!

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