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Kunstbetrug

Eine falsche Venus aus Niederbayern?

Ein Cranach-Gemälde des Fürsten von und zu Liechtenstein wurde in Frankreich wegen Fälschungsverdachts beschlagnahmt.
Von Harald Raab. MZ

Die „Venus“ von Lucas Cranach den Älteren von 1531, war das Prunkstück der Ende März zu Ende gegangenen Ausstellung im Caumont Centre d’Art im französischen Aix-en-Provence.
Die „Venus“ von Lucas Cranach den Älteren von 1531, war das Prunkstück der Ende März zu Ende gegangenen Ausstellung im Caumont Centre d’Art im französischen Aix-en-Provence. Foto: Caumont Centre d’Art

Paris.„Dumm gelaufen für Fälscher und Experten.“ So kommentiert Dr. Michael Hofbauer, Leiter des Heidelberger Cranach Research Institutes, einen spektakulären Fall in Frankreich. Eine Untersuchungsrichterin ließ aus einer Ende März zu Ende gegangenen Ausstellung im Caumont Centre d’Art in Aix-en-Provence das Prunkstück beschlagnahmen, die „Venus“ von Lucas Cranach den Älteren, datiert auf das Jahr 1531. Das auch diplomatisch Pikante dabei: Das sieben Millionen Euro teure Gemälde gehört einem Staatsoberhaupt, dem Fürsten von und zu Liechtenstein. Das Bild soll eine Fälschung sein.

Unter dem Titel „Les Collections du Prince de Liechtenstein“ waren in Aix-en-Provence besonders kostbare Gemälde und Aquarelle aus der größten Privatsammlung Europas zu sehen. Sie gehört Fürst Hans-Adam II. Unter anderem wurden Bilder von Rubens, Rembrandt, Raffael und Vernet gezeigt. Die angebliche Cranach-Venus ziert sogar das Titelblatt des Ausstellungskatalogs.

Das Gemälde einer langbeinigen Venus, die mit nur einem hauchdünnen Schleier vor dem Schambereich kokett posiert, wird jetzt in der Forschungsabteilung des Pariser Louvre eingehend geprüft. Der Heidelberger Cranach-Fachmann Hofbauer glaubt, bereits jetzt nachweisen zu können, woher die mögliche Imitation stammt: Aus dem Atelier des niederbayerischen Restaurators und Cranach-Spezialisten Christian Goller (73) in einer ehemaligen Mühle in Untergriesbach.

Anklageerhebung in wenigen Wochen

Gegen Goller läuft ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Passau. Oberstaatsanwältin Ursula Raab-Gaudin bestätigt der MZ, dass es in wenigen Wochen zur Anklageerhebung kommen werde. Wegen des jetzt in Frankreich aufgetauchten Verdachts habe sich das Bayerische Landeskriminalamt über das Bundeskriminalamt in Wiesbaden mit den französischen Ermittlungsbehörden in Verbindung gesetzt.

Hofbauer hat im Fall Goller 2014 die Spezialisten für Kunstfälschung beim LKA München alarmiert. Er kennt wie kein zweiter die Arbeitsweise des niederbayerischen Restaurators. Gegenüber Medienvertretern erläuterte er: Eine Reihe von typischen Merkmalen der beschlagnahmten „Venus“ sprächen für Gollers Handschrift. So nähmen die Craquelé (Brüche in der Malschicht) keinen Bezug zur Oberflächenstruktur der Holztafel. Die Altersrisse dürften künstlich erzeugt worden sein, „durch brechen oder backen“. Ein weiteres wichtiges Indiz seien die Schattenpartien. Sie seien an vielen Stellen aufgemalt, anstatt durch die Lasur hindurch zu scheinen. Insgesamt wirke die Malerei, als ob sie erst nach der Fertigstellung auf die Holztafel übertragen worden sei.

Ob die „Venus“ des Fürsten zu Liechtenstein in das Passauer Verfahren einbezogen werden kann, ist noch offen.

Oberstaatsanwältin Raab-Gaudin verweist auf die besonderen Schwierigkeiten der Ermittlungen. Goller habe zwar Helfer gehabt. Ein bandenmäßiges Vorgehen sei aber nicht nachzuweisen. Die Folge davon: Es können nur vermutete Fälschungen der letzten fünf Jahre zur Anklage gebracht werden. Ein früher zu datierender Betrug sei verjährt. Bei einem bandenmäßigen Vorgehen wäre die Verjährungsfrist auf zehn Jahre erweitert. Es sollen vorerst nur 40 Bilder in der Anklage gegen Goller aufgenommen werden. Der Wert dieser Arbeiten wird auf 500 000 Euro beziffert. Darunter sind Cranach-Malereien mit Titeln wie „Venus mit Amor“, ein Porträt „Karl V.“, „Bildnis einer lachenden jungen Frau“, „Judith“ oder „Kopf eines Knaben“. Die Bilder sind mit dem bekannten Cranach-Zeichen, einer geflügelten Schlange, signiert.

Goller bekannte sich stolz als Imitator alter Meister

Goller war bereits in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wegen des Verdachts, altmeisterliche Malerei gefälscht zu haben, ins Visier der Ermittler geraten. Das Cleveland Museum of Art in Ohio kaufte für eine Million Dollar eine Bildtafel. Sie zeigt die Heilige Katharina und sollte von Matthias Grünewald stammen. Goller gab zu, das Bild gemalt zu haben. Es konnte ihm aber nicht nachgewiesen werden, dass er es mit Betrugsabsicht in den Handel gebracht hatte. Er bekannte sich jedoch stolz als Imitator alter Meister.

Auch wenn die Liechtensteiner Cranach-Venus bei dem zu erwartenden Prozess in Passau nicht zur Anklage stehe, würde der Fall die Intensität der Fälschungsabsicht untermauern. Immer vorausgesetzt, dass die Spur nach Niederbayern bewiesen werden kann.

Jedenfalls ist heute schon ersichtlich, dass die Provenienz der „Venus“ reichlich unklar ist. Das bis dahin in der Fachliteratur unbekannte Bild tauchte 2012 zum ersten Mal im Handel auf. Das Auktionshaus Christie’s hatte abgelehnt, es zur Versteigerung zuzulassen. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass die Malerei zum Teil mit Titanweiß angefertigt worden sei. Dieses Malmittel gibt es aber erst seit dem 20. Jahrhundert. Johann Kräftner, der Direktor der Liechtensteiner Sammlung, argumentiert: Es könnte ja das Titanweiß bei einer Restaurierung verwendet worden sein.

2013 gelangte das Werk für angeblich drei Millionen Euro in den Besitz des Kunsthändlers Bernheimer-Colnaghi (London/München). Mit Gutachten zweier Schweizer Cranach-Experten versehen, kaufte die fürstliche Sammlung in Liechtenstein das Gemälde für die stattliche Summe von sieben Millionen Euro. Als ursprüngliche Herkunft wurde eine belgische Privatsammlung angegeben. Das alles wurde kaum überprüft. Stellt sich die Tafelmalerei jetzt als Fälschung heraus, dann blamiert sich die Zunft der Kunstgutachter wieder einmal mehr bis auf die Knochen.

Cranach-Forscher Hofbauer resümiert nicht ohne einen deutlichen Anflug von Spott: „Derzeit sitzt der Fälscher Christian Goller in seiner Untergriesbacher Mühle und weiß nicht, ob er über die Cranach-Experten lachen soll oder lieber weinen, weil der lokale Fälscherskandal nunmehr internationale Dimensionen erreicht - und das unmittelbar vor seinem Prozess.“

Cranach-Forscher Hofbauer resümiert nicht ohne einen deutlichen Anflug von Spott: „Derzeit sitzt der Fälscher Christian Goller in seiner Untergriesbacher Mühle und weiß nicht, ob er über die Cranach-Experten lachen soll oder lieber weinen, weil der lokale Fälscherskandal nunmehr internationale Dimensionen erreicht - und das unmittelbar vor seinem Prozess.“

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