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Fantasy

Eine große Entdeckung: Das kleine Michael-Ende-Museum

Seit fast 13 Jahren gibt es das Michael-Ende-Museum in Münchens Schloss Blutenburg. Doch kaum jemand kennt es.
Von Thomas Dietz, MZ

Edgar Ende malte dieses Porträt seines Sohnes Michael 1951.Fotos: Dietz

München. Im mittelalterlichen Wasserschloss Blutenburg in München-Obermenzing steckt ein liebenswürdiges Geheimnis. Nein, nicht die Internationale Jugendbibliothek, die die jüdische Kinderbuchautorin Jella Lepman (1891-1970, „Die Katze mit der Brille“) nach ihrer Rückkehr aus dem Exil 1945 gründete. Es gibt hier noch Geister ganz besonderer Art – nämlich ein reizendes, kleines und ganz gemütliches Michael-Ende-Museum. So bekannt und berühmt der phantastische Schöpfer von „Momo“ und „Jim Knopf“ auch ist – dieses Museum kennt leider kaum jemand. Dabei ist es hier heimelig, schon durch die vielen Bücher aus Endes Bibliothek und den großen Lesetisch, an dem jeder Besucher nach Herzenslust in allen Werken Endes schmökern kann.

„Momo – die erste Theater-Uhr“

Die Ausstellung wurde 1998 von Dr. Barbara Scharioth eingerichtet. Im Gegensatz zum 2009 eröffneten Michael-Ende-Museum im Michael-Ende-Kurpark von Garmisch (seinem Geburtsort) sieht man in München Teile vom Nachlass des Dichters, den seine Witwe Mariko Sato-Ende der Internationalen Jugendbibliothek großzügig geschenkt hat.

So treten wir mit gewissem Erstaunen vor die Stücke aus Michael Endes einstiger Privatwelt, wir sehen seine Pfeifen, Schallplatten und selbst gefertigte Marionettenköpfe, Tarotkarten, Kerzenständer, Rauchgefäße, Mineralien, Bilder und Zeichnungen, seine Gitarre, einen blauen indischen Buddha-Kopf, eine hölzerne Schildkröte und das Exemplar Nr. 5 der auf 200 Stück limitierten, ziemlich teuren mechatronischen Skulptur „Momo – die erste Theater-Uhr“ der Firma patentwerk.de aus Essen. Darin werden kleine Figuren (z.B. Herr Fusi oder Beppo Straßenkehrer) von versteckten Motoren bewegt. Mit etwas Übung kann man daraus die Zeit ablesen...

Wir sehen das akkurat beschriftete Kärtchen „Michael Endes Brille – bis zum 10.2. 2011 als Leihgabe im Geesthacht-Museum“, einen bemalten Schrank aus Endes Besitz, Glaskästchen, die seine Mutter Luise gefertigt hat und Bücher, Bücher, Bücher. 3000 Bände seiner Privatbibliothek, Endes eigene 30 Bücher in Hunderten von Original- und Lizenzausgaben, Übersetzungen in 40 Sprachen, darunter die große kommentierte Gesamtausgabe in 17 Bänden auf japanisch. Einige Bücher hat Mariko Sato-Ende übersetzt. In Japan wird Michael Ende ganz außerordentlich verehrt; viele Einträge im Gästebuch sind auf japanisch.

Ausgestellt ist auch ein Brief Erich Kästners vom 11. Mai 1962, mit dem er das „Jim Knopf“-Manuskript „nach langer, langer Zeit“ ungelesen und unlektoriert zurückschicken lässt. Doch genau dafür hatte Ende schon im Jahr zuvor den Deutschen Jugendbuchpreis bekommen: peinlich, peinlich.

Dort hängt auch die kleine Zeichnung eines Einhorngartens – das Motiv findet sich mehrfach bei Ende wieder, auch im Namen der Casa Liocorno (Liocorno oder unicorno = Einhorn), Endes Villa in der Valle dei Spiriti Beati (Tal der Seligen) in den Albaner Bergen nahe Genzano, 25 Kilometer südlich von Rom.

„Tu was du willst“

Mit Staunen vertiefen wir uns in das Siegel namens „Äquinox“ (= Tag- und Nachtgleiche) mit der Aufschrift „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ – dem Kernsatz der geheimen Bruderschaft „Thelemic Golden Dawn“, die sich den Lehren von Aleister Crowley (1875-1947) verpflichtet hat. Auch das magische Amulett „Auryn“ der Kindlichen Kaiserin aus der Unendlichen Geschichte enthält die Aufschrift „Tu was du willst“ – „...es heißt, dass du deinen wahren Willen tun sollst. Und nichts ist schwerer...“ (Unendliche Geschichte, S. 228). Und in dem aufgeschlagenen Buche „Die Kinder Lucifers“ erblicken wir eine Darstellung des Abraxas. Abraxas ist die Hauptfigur in Michael Endes 1989 erschienenem „Satanarchäolügenialkohöllischem Wunschpunsch“.

Allein um die nachgelassenen Bücher Michael Endes durchzugehen, brauchte man mindestens einen Nachmittag. Rechts stehen die üblichen, wohlaufgereihten Klassikerausgaben von Schiller bis 1001 Nacht. Links eine kostbare Sammlung aus phantastischer, romantischer und Fantasy-Literatur: Philip K. Dick, Lem, Castaneda und natürlich die berühmte 30-bändige Bibliothek von Babel, herausgegeben von Jorge Luis Borges.

Auch das für Michael Ende so wichtige Buch „Die Welt als Labyrinth“ seines Freundes Gustav René Hocke (1908-1985) fehlt nicht. Ganz in Sinne der Romantiker wollte er eine nüchtern gewordene Welt wieder mit Poesie aufladen, die Phantasie der Menschen mobilisieren und auf eine geistige Wirklichkeit verweisen, die hinter den Dingen liegt.

Dankbare Leser

Im Gästebuch finden sich dankbare Mitteilungen: „Legen...där! Wir kommen aus Malaysia und lernen Deutsch mit Momo“ oder: „Jetzt, da ich in Rente bin, kauf ich mir wieder Kinderbücher. Danke für den Schubs. Renate und Heidemarie“.

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