MyMz

Literatur

Eine Jüdin springt – und fällt ins Leere

Deborah Feldman flieht aus einer orthodoxen Sekte – aber erst in Berlin kommt sie wirklich an. Jetzt las sie in Regensburg.
Von Marianne Sperb, MZ

Die kluge Deborah Feldman bei Pustet in Regensburg: Nach ihrem Bestseller „Unorthodox“ erzählt sie in „Überbitten“ ihre Geschichte weiter. Foto: Sperb
Die kluge Deborah Feldman bei Pustet in Regensburg: Nach ihrem Bestseller „Unorthodox“ erzählt sie in „Überbitten“ ihre Geschichte weiter. Foto: Sperb

Regensburg.Bei Bücher Pustet drängen sich am Dienstagabend die Menschen. Mitarbeiterinnen holen immer neue Stühle herbei, so viele Leser wollen Deborah Feldman sehen – und hören, wie es ihr ergangen ist nach ihrer Flucht aus der Sekte der ultraorthodoxen Satmarer in Brooklyn, New York.

Es sind fast ausschließlich Frauen gekommen, und viele haben offenbar „Unorthodox“ gelesen, den Erstling der Schriftstellerin, der zum Bestseller wurde und seine Autorin zum Medienstar machte. Die Gäste in der Regensburger Gesandtenstraße bilden also eine gewissermaßen „erlesene“ Gemeinschaft und besitzen damit einen Status, den Deborah Feldman Zeit ihres Lebens gesucht hat: Zugehörigkeit.

Sieben Jahre dauert der Weg, der die 23-Jährige aus einem Gefängnis führt, wo Juden einem zornigen Gott, der den Holocaust über sie geschickt hat, ein maximal freudloses Leben als Opfer darbringen. Jedes siebte Jahr muss das Land ruhen, das Juden bewirtschaften. Sieben Kapitel hat auch das Buch „Überbitten“. Auf gut 700 Seiten schildert Deborah Feldman in ihrer autobiografischen Erzählung, wie sie ihre Reise ohne Rückfahrschein antritt, ohne Geld, ohne Wissen über die Welt außerhalb der Gemeinde, ohne Plan – aber mit ihrem kleinen Sohn und ihrem starken Bauchgefühl, das sie wie „eine zitternde Kompassnadel“ leitet: in den USA, später nach Europa, nach Berlin, wo sie heute wohnt.

„Eingesperrt in der Freiheit“

Erst lebt die Aussteigerin einsam und ohne Einkommen im Big Apple, dann spült der Bucherfolg sie nach oben, doch ihre innere Klarheit kommt ihr auf dem Weg abhanden. Deborah Feldman zieht aufs Land, liest und liest, verleibt sich den Kanon der europäischen Denker ein und tastet sich entlang der Bücher auf den alten Kontinent vor, in das Land ihrer Vorfahren, an den Schauplatz der Katastrophe. In Berlin, wo der Geist der Aufklärung und der intellektuelle Diskurs herrschen, kommt sie endlich auch innerlich an.

Milchweiße Unschuld

  • Die Lesung:

    Christian Ruzicska kam als Verleger, Übersetzer und Freund von Deborah Feldman zur Lesung in Regensburg. Im Gespräch mit dem Publikum ging es um Hintergründe zum Buch und zu Satmarer Juden, deren politischer und finanzieller Einfluss nach wie vor Reformen bremst.

  • Das Buch:

    „Überbitten“ ist schön aufgemacht: außen feinstporige, milchweiße Unschuld, innen ein warmer Schwall von roter Farbe. Das Buch wurde bei Pustet gedruckt und ist im Secession Verlag Zürich erschienen: 704 Seiten, 28 Euro.

Feldman lernt nach ihrem Absprung, nach dem sie erst einmal ins Leere fällt: Es gibt viele Arten von Juden, liberale und konservative, verarmte und superreiche, weiße und farbige, bekennende und vor allem verdeckte. Aussteiger müssen „hart arbeiten, damit man ihr Judentum nicht mehr riecht“, wie sie bei Pustet sagt. Sie müssen eine andere Identität annehmen, um angenommen zu werden. Sie ändern ihren Namen, studieren den Akzent der Oberschicht, tilgen ihre Vergangenheit. Sie lügen. Dem ersten Doppelleben unter Orthodoxen folgt ein zweites Doppelleben, „eingesperrt in der Freiheit“, wie sie sagt. Das Geheimnis wird eine pochende Wunde. Feldman heilt sie in „Überbitten“, was so viel wie „unwahrscheinliche Eintracht“ bedeutet, mit der Einsicht, dass sich Widersprüche nicht ausreißen lassen, sondern versöhnt werden müssen.

„Eine Jüdin bricht den Deal mit Gott“: Marianne Sperb über „Unorthodox“, den Erstling von Deborah Feldman

„Unorthodox“ schenkt Einblick in den Alltag der Satmarer, in eine Welt voller Demut, Dreck und auch Dummheit, die nach einem kaum vorstellbar kruden Schuldkomplex funktioniert. „Überbitten“ folgt nun Feldmans transkontinentaler Route, aber noch stärker ihrer Reise ins Innere. Die mäandernde Selbstbefragung ist diskursiver geschrieben, auf andere Art packend als der Erstling. Auf langen, fließenden Sätzen tanzen lauter kluge Gedanken. „Bin ich nur für Nicht-Juden eine Jüdin?“ ist eine der Fragen, die sich Feldman stellt. Für einen Teil der Juden hat die Aussteigerin ihr Recht auf Jüdischsein verwirkt; sie ist auf ewig abgeschnitten von den seidenen Faden zwischen Gott und ihrer Seele. Für alle anderen ist sie in erster Linie Jüdin. Und für die Anmelde-Behörde in Berlin eine Atheistin, weil die Rubrik „Jüdisch“ in der Computerliste der Religionsbekenntnisse schlicht nicht existiert.

Humor, starke Bilder, Scharfsinn

Deborah Feldman hat sich verändert seit ihrer ersten Lesung 2016 bei Dombrowsky. Sie wirkt progressiver, im schwarzen Pulli mit raffiniertem rotem Rock. Was geblieben ist: Dieser blitzende Humor, mit dem sie das, was sie fürchet, „entwaffnet“. Die starken Bilder. Die Konsequenz, mit der sie Kontraste seziert und zusammenführt. Der aufrichtige Ton, der zum Zuhören zwingt. Der Scharfsinn, mit dem sie Worte an der Wurzel packt. Einmal schreibt sie zum Beispiel: „Es war, als wäre man aus dem Gefängnis der Identitätszuschreibung befreit, als hätte die Unreinheit mich rein gewaschen.“

Christian Ruzicska  (rechts) kam als Verleger, Übersetzer und Freund von Deborah Feldman zur Lesung in Regensburg. Im Gespräch mit dem Publikum ging es um Hintergründe zum Buch und zu Satmarern, deren politischer und finanzieller Einfluss nach wie vor Reformen bremst. Foto: Sperb
Christian Ruzicska (rechts) kam als Verleger, Übersetzer und Freund von Deborah Feldman zur Lesung in Regensburg. Im Gespräch mit dem Publikum ging es um Hintergründe zum Buch und zu Satmarern, deren politischer und finanzieller Einfluss nach wie vor Reformen bremst. Foto: Sperb

Bei der Pustet-Lesung, die viel mehr ein Gespräch ist als eine Lesestunde, sucht Feldman manchmal nach einem Begriff. Aber sie spricht nach drei Jahren bereits exzellent Deutsch. Auf Deutsch schreibt sie auch ihr drittes Buch. Ein Roman wird es, eine Story, die in Galizien und München spielt. Bei Lesungen wird man sie dann nicht länger als jüdische oder amerikanische Autorin vorstellen können. Feldman hat in Berlin Zugehörigkeit gefunden, als „Mensch und Menschen“, wie sie sagt, und gleichzeitig schon wieder eine neue Identität angenommen: Sie ist eine deutsche Schriftstellerin geworden.

Hier geht es zur Kultur.


Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht