MyMz

Ausstellung

Eine Malerei ohne Pinsel

Die Welt ist aus den Fugen: Die Galerie ArtAffair zeigt faszinierende Werke von Raoul Kaufer und Peter Nowotny.
Von Helmut Hein

Eine sehenswerte Ausstellung: ArtAffair-Inhaber Karl-Friedrich Krause mit Peter Nowotny und Raoul Kaufer (v. l.) Foto: Peter Nowotny
Eine sehenswerte Ausstellung: ArtAffair-Inhaber Karl-Friedrich Krause mit Peter Nowotny und Raoul Kaufer (v. l.) Foto: Peter Nowotny

Regensburg.Manchmal liebt Peter Nowotny die Rätsel. „Wer ist das?“, drängt er, als ginge es um die Eine-Million-Euro-Frage, während wir in das Gesicht dreier Frauen starren. Oder ist es ein und dieselbe, seriell variiert? Schwer zu sagen, weil von dem Gesicht nichts übrig ist. Oder vielmehr: Eine gleichmäßige farbige Fläche, die alles löscht, was einst Identität war. Wie der Volksmund sagt: Diese Frauen haben ihr Gesicht verloren.

Nowotny nimmt das vielleicht allzu wörtlich. Es war, als sollte die Scham ihn überleben, heißt es am Ende von Kafkas „Prozess“, in dem es auch darum geht, wie ein Mensch ausgelöscht wird. Weiterhelfen kann in Nowotnys Fall vielleicht der Titel des Triptychons: „Visconti“. So hieß einst das Mailänder Fürstengeschlecht, so hieß aber auch, als ferner Nachgeborener, der marxistisch-dekadente Film- und Opernregisseur Luchino Visconti. Aus dessen Film „Gewalt und Leidenschaft“ stammen die Frauen. Aber welche genau: Silvana Mangano? Claudia Cardinale? Dominique Sanda? Die vorderasiatischen Hochreligionen – Judentum und Islam – kennen das Bilderverbot, dem sich auch Nowotny seit einiger Zeit fügt. Mit verblüffenden Resultaten. Wenn man viel weglässt, wird das, was bleibt, erst so richtig sichtbar. Etwa „Grundhaltungen“: drei Männer im Anzug, ebenfalls ohne Gesicht, in einem weiteren Triptychon. So also stehen wir, so zeigen wir uns?! Wenn es nicht zu Missverständnissen führen könnte, müsste man sagen: Nowotny lässt sich von der Ästhetik der Bilderverbotsreligionen faszinieren, er folgt ihren Imperativen und schaut zu, was das für den postmodernen westlichen Kunstbetrieb an Ertrag abwirft.

Bilder werden zu Ikonen

Konkret heißt das: Er hat ein Faible für das Ornament, das an die Stelle der Figuration tritt; und wenn die Figur (noch) erhalten ist, dann nur ihr Rest, ihre Peripherie, also die Kontur und die Kleidung. Seine Bilder werden zu Ikonen, gerade weil in ihnen vom Subjekt nicht mehr die Rede ist. Folgerichtig setzt Nowotny auch auf das, was eine Kultur der Authentizität gern verpönt: die Pose etwa oder die Mode. Malt Nowotny noch? Kaum. Jedenfalls ist der Pinselstrich nicht mehr erkennbar. Das Haptische fehlt. Nicht ganz, meint der Künstler. Und kann zum Beweis zumindest auf eine Stelle verweisen, wo sich noch ein gestisches Ausdrucksmoment, eine Verformung der konsequent flachen Leinwand zumindest in Spuren erkennen lässt.

Die Künstler

  • Raoul Kaufer:

    Der Künstler wurde 1957 in Weidenau/Siegen geboren. Seit 1978 ist er Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz.

  • Peter Nowotny:

    Der Künstler wurde 1953 in Schwäbisch Gmünd geboren. Er ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Gesellschaft für Untertagebau“ und Mitglied der Künstlergruppe „PARADOXA“.

Beide, Peter Nowotny und Raoul Kaufer, verbinden, was manchmal unmöglich scheint: pure, manchmal überwältigende sinnliche Präsenz und ein Nachdenken über ihr Metier, eine Reflexion, die an Radikalität nichts zu wünschen übrig lässt. Da stellen sich dann Fragen wie: Was ist ein Bild? Was heißt Gegenwart – der Welt, der eigenen Seele – im Bild? Was sind die Geheimnisse der Repräsentation; dass man also etwas in etwas anderem darstellt und dadurch sichtbar macht? Oder müsste es heißen: zum Verschwinden bringt? Beide Künstler lieben die Reduktion – und schauen, was dabei herauskommt.

Raoul Kaufer geht dabei vielleicht noch einen Schritt weiter. Er ist stolz darauf, dass er, der „Maler“, schon lange keinen Pinsel mehr in der Hand hatte. Oder müsste es besser und genauer heißen: noch nie? Er setzt an die Stelle des handwerklichen Farbauftrags Pigmentdruck und Ähnliches.

Ästhetik der Fraktur

Zu seinen Lieblingswörtern gehört: „rekursiv“. Das heißt: Schauen wir mal, was passiert, wenn wir eine Form, ein Prinzip immer wieder – und auch auf sich selbst – anwenden. Seine Arbeiten haben, anders als die Nowotnys, keine Titel, sondern Nummern. Und sie ordnen sich in zwei Gruppen: „Cortex“ und „Frax“. Ersteres bezeichnet die Hirnrinde, die wir sind und dann doch wieder nicht. Weil wir letztlich nicht über die cortikalen Abläufe verfügen, diese aber – anders als es ein modisches Missverständnis unterstellt – auch nicht über uns. Im „Frax“ steckt viel, wie der Künstler ironisch erläutert, natürlich das Fraktale, aber auch die Fraktur. So könnte man Kaufers Ästhetik zusammenfassen: Sie folgt den Regeln der Selbstanwendung – und den Wunderwelten, die dadurch entstehen – und sie schätzt das Brüchige. Beim Wort „Schredder-Ästhetik“ zuckt er dann doch zusammen. Nicht nur Bücher, auch einzelne Worte haben ihre Macht und Geschichte. Dabei kann sich doch kein Betrachter der Verblüffung entziehen, die ihn erfasst, wenn er in die verrückten Untiefen von Szenarien eintaucht, die eben noch ganz realistisch wirkten. Die faszinierende Ausstellung läuft bis 16. Juni.

Weitere Nachrichten aus der Kultur gibt es hier

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht