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Kabarett

Eine Schwäche für Schwächen

Andreas Vitásek deutet in „Austrophobia“ die Be- und Empfindlichkeiten seiner Landsleute wie einst Freud die Träume.
Von Peter Geiger

Am Ende seiner zweistündigen Vorstellung ist der im Arbeiterbezirk Favoriten geborene Andreas Vitásek so durchgeschwitzt, als hätte er Kohlen für den nächsten Winter in den Keller geschaufelt. Foto: Peter Geiger
Am Ende seiner zweistündigen Vorstellung ist der im Arbeiterbezirk Favoriten geborene Andreas Vitásek so durchgeschwitzt, als hätte er Kohlen für den nächsten Winter in den Keller geschaufelt. Foto: Peter Geiger

Regensburg.Zeiten der Krise, das sind die fetten Jahre der Kabarettisten. Denn ihnen gehört das Himmelreich des Spotts. Österreich, unser südöstlicher Nachbar, erlebt gerade Epochales, und zwar im Modus des „Zack-zack-zack“. Zuerst stürzt der Vizekanzler. Und dann noch auch der Kanzler, mitsamt der Regierung.

Die Qualität eines solchen Lordsiegelbewahrers der Deutungshoheit – vulgo: eines Kabarettisten also – die erkennt man auch daran, ob er nunmehr nach einem solchen politischen Blitz- und Donnerschlag sein Programm anpassen muss? Ob er gezwungen ist, es umzuschneidern, es neu zu konfektionieren? Oder ob der Entwurf, das am heimischen Montage- und Schreibtisch ersonnene Schnittmuster der Kritik, auch dann noch sitzt, wenn die Wirklichkeit einen großen Sprung gemacht hat?

Und wer wollte bezweifeln, dass die Veröffentlichung des Ibiza-Videos inklusive Straches Offenbarungen über Parteienfinanzierung, Meinungsfreiheit und öffentliche Auftragsvergabe und die daraus resultierenden dramatischen Dominoeffekte, nicht eine gewaltige Zäsur bedeutet?

Treffsicher und passgenau

Andreas Vitásek aber, am Maifeiertag des Jahres 1956 im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten als Sohn eines böhmischen Änderungsschneiders geboren, darf sich glücklich schätzen: Denn sein „Austrophobia“ überschriebenes Programm, das im vergangenen Herbst Premiere feierte, das geht nahezu glatt durch. Ohne, dass es bei seinem Auftritt auf der großen Bühne des Theaters am Bismarckplatz vor nahezu ausverkauftem Haus zentraler Ein- oder Zuschnitte bedurft hätte! Und warum hat es nichts eingebüßt an Treffsicherheit und Passgenauigkeit, angesichts der Beulen und Dellen, die die austriakische Gegenwart seit gut drei Wochen im Antlitz trägt?

Kern unseres Wesens

Weil die Stärke des Andreas Vitásek eindeutig in seiner Hinwendung zu den Schwächen liegt! Und zwar zu jenen, die ihre Wirkmächtigkeit so langfristig entfalten wie schleichendes Gift. Und das sind die Phobien, jene Ängste also, die oft unbegründet sind. Die gleichzeitig aber den Kern unserer Wesen bestimmen und ausmachen. Weil Vitásek aber selbst ein Mensch ist, und zwar einer aus Fleisch, Blut und eingestandenem Übergewicht, weiß er dementsprechend, wovon im Falle von Phobien die Rede ist.

Und bezieht als bekennender Melancholiker an diesem roten Faden der psychischen Abgründe entlang Stellung - nimmt dabei das Publikum mit auf eine furiose Reise durch die Geschichte und Gegenwart seines Landes. Dies geschieht nicht nur gedankenschnell, reich an Abschweifungen und – ja eh! – im Wiener Dialekt. Sondern sympathischerweise auch so, dass er sich nicht realitätsblind gepanzert als Oberschlaumeier aufspielt. Nein, das Spiel dieses der Clownerie und der Pantomime entstammenden souveränen Meisters, es ist vor allem seiner Bühnenpräsenz und seiner Zungenfertigkeit zu verdanken.

Der Tod als Handpuppe

Gleich zu Beginn, da hatte Andreas Vitásek einen Koffer in der Hand. Aber weil er einfachen Mittel vertraut und außerdem auch was von Suspense versteht, parkt er ihn einstweilen am hinteren Bühnenrand. Erst ganz am Ende - keiner hatte ihn mehr auf der Rechnung, da offenbart er des Koffers Kern: Und packt eine kleine Handpuppe aus. Als Köpfchen trägt sie einen blanken Knochenschädel.

Richtig – das ist der Tod. Und mit ihm, dem alten Knaben, tritt Andreas Vitásek nunmehr in einen finalen Dialog – und führt uns so zum guten Schluss ganz en passant vor Augen, dass dieses, sein mit der Glückszahl 13 ausgestattetes Bühnenprogramm, viel mehr ist, als ein bloßes, etwaige Politschrammeln und Parlamentsschrullen versammelndes Kabarett. Nein, „Austrophobia“ ist vor allem eine Höhen und Tiefen der menschlichen Psyche ausleuchtende Analyse. Österreich als Bühne fürs große Drama des Welttheaters? Geh, bitte!

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