MyMz

Eine vergnügte WG bricht auseinander

Gekonnt zwischen Komödie und Drama: Thomas Vinterbergs Wettbewerbsbeitrag „Die Kommune“ spielt sich unter die Favoriten.
Von Fred Filkorn, MZ

  • Die Haare lang, die Hosen weit, die Diskutierfreude groß: eine fröhliche Hausgemeinschaft im Kopenhagen der 1970er. Aber: Die Freiheit muss man auch aushalten können. Foto: Prokino Filmverleih GmbH
  • Eine Szene aus „Die Kommune“: Trine Dyrholm gibt eine bärenstarke Performance ab. Foto: Prokino Filmverleih GmbH

Berlin.Man hat ja bei der Berlinale selten was zu lachen. Es überwiegen die schweren Themen, gern mit politischem oder gesellschaftlich relevantem Inhalt. Eine positive Ausnahme: der dänische Wettbewerbsbeitrag „Die Kommune“ von Thomas Vinterberg.

Im Kopenhagen der 1970er sind die Haare lang, die Hosen weit und die Diskutierfreude groß. Erik (Ulrich Thomsen mit Föhnfrisur) hat eine schöne Villa am Öresund geerbt und beschließt mit seiner Frau Anna (Trine Dyrholm), eine Wohngemeinschaft zu gründen. Um die Kosten zum Unterhalt hereinzubekommen, aber auch um der Langeweile der bürgerlichen Zweisamkeit zu entfliehen. Ihre heranwachsende Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrom Hansen) bestaunt das Treiben mit stiller Verwunderung.

Schnell hat man im Freundeskreis Mitbewohner gefunden, Hausordnung und Kochplan aufgestellt. Es wird viel geraucht und Bier getrunken (mit Strichliste). Bei den gesellig-turbulenten Abendessen geht es drunter und drüber. Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg beschreibt das Szenario mit viel Liebe zum Detail. Bei einer Hausversammlung wird zunächst abgestimmt, ob abgestimmt werden soll. Die Debattierkultur feiert fröhliche Urständ.

Vinterberg schwört auf Kommune

Der 46-jährige Vinterberg ist selbst in einer Kommune in Kopenhagen aufgewachsen und zeigt sich heute noch begeistert von der Offenheit jener Zeit: „Würden heute mehr Leute in einer WG zusammenleben, hätten wir das Problem der Vereinsamung nicht.“ Vinterberg gehört zu den Mitbegründern der Dogma-95-Bewegung und wurde 1998 mit „Das Fest“ schlagartig berühmt. Von der damals so beliebten Wackelkamera ist glücklicherweise wenig geblieben, doch besticht auch sein neuer Film durch eine natürliche Ausstrahlung und Farbgebung. Angenehm fällt auch der Soundtrack auf, der einmal nicht aus den immergleichen Evergreens besteht, die gemeinhin für die 1970er stehen.

Lesen Sie mehr über die Berlinale.

Doch die vergnügte Kommunen-Komödie wandelt sich zum packenden Trennungsdrama, als Erik in seiner Funktion als Architekturdozent mit seiner Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann, Vinterbergs Ehefrau) anbandelt. Dass Anna sich darauf einlässt, dass Emma in die WG mit einzieht, ist der damaligen Aufgeschlossenheit neuen Lebensformen gegenüber geschuldet. Nachdem sich Anna zunächst selbst etwas vormacht, merkt sie doch bald, dass sie an offener Beziehung und freier Liebe innerlich zerbricht. Alkohol und Tabletten kosten sie letztlich ihren geliebten Job als Fernsehmoderatorin. In einer ergreifenden Nahaufnahme sieht man, wie sich mit dem Sendebeginn-Countdown Annas Augen mit Tränen füllen.

Bärenstark: Trine Dyrholm

In Dyrholms nuanciertem Spiel offenbart sich Kummer und Leid, die berühren. Mit dieser bärenstarken Performance gehört Trine Dyrholm sicher zu den Mitfavoritinnen um den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Ihre Konkurrentinnen Julia Jentsch („24 Wochen“) und Isabelle Huppert („L’Avenir“) spielen ähnlich angelegte Charakter: Starke, unabhängige Frauen, die eine Lebenskrise bewältigen.

Bei den geselligen Abendessen in „Die Kommune“ geht es drunter und drüber.
Bei den geselligen Abendessen in „Die Kommune“ geht es drunter und drüber. Foto: Prokino Filmverleih GmbH

Stark auch: Dyrholms Counterpart Ulrich Thomson, als leicht durchgeknallter, unberechenbarer Mann, der zu cholerischen Ausbrüchen neigt. Er ist so ambivalent angelegt wie Emma, die durchaus Verständnis für Annas Situation aufbringt und Erik zum Handeln zwingt. Dass die Dänen viel direkter sind als wir Deutschen, kommt schön zum Ausdruck, als Anwärter auf einen WG-Platz schonungslos ausgefragt werden.

So bewegt sich „Die Kommune“ gekonnt zwischen vergnüglicher Komödie und tieftraurigem Drama, das für Vinterberg neben Beziehungsproblemen das Leben an und für sich zum Thema hat: „Eine Liebe vergeht, eine andere entsteht. Menschen sterben, neue werden geboren. Alles ist immer im Fluss.“

Hier geht’s zur Kultur.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de jetzt auch über WhatsApp. Hier können Sie sich anmelden: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Verfolgen Sie die Berlinale im Live-Blog

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht