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Kultur
Montag, 18. Juni 2018 26° 2

Literatur

Eine Welt mit Hang zum Netten und Niedlichen

Die „Erste Regensburger Nacht der Poesie“: ein Sommerabend mit mitunter allzu lauschiger Lyrik
Von Florian sendtner, MZ

Regensburg. Wir schreiben das Jahr 1911. Die beiden Regensburger Schriftstellerverbände haben sich zu einer gemeinsamen „Nacht der Poesie“ zusammengetan. Der Wettergott ist den Dichtern hold: Es ist der erste lauschige Sommerabend, an dem 16 Schriftsteller vor 120 Zuhörern ihre Verse auf der Terrasse des Naturkundemuseums zum Besten geben. Liebesglück und Liebesleid, Irrungen und Wirrungen, auch manch humoristischer Vierzeiler, begleitet von Amsel- und Rotkehlchengesang aus dem dahinterliegenden Herzogspark, zwischendurch Gitarrenspiel – das Publikum ist begeistert.

Nur der Herr von der kaiserlichen Zensurbehörde ist unzufrieden: Wieder nichts von Belang, was er seinem Vorgesetzten melden könnte. Neun von zehn Autoren machen um die Politik einen großen Bogen, und der zehnte verliert sich in Andeutungen, die nicht der Rede wert sind. Alles in bester Ordnung: Politik und Militär bereiten den nächsten Krieg vor, und die bürgerliche Literatur kreist um die eigene Befindlichkeit.

Ja, o.k., der Vergleich hinkt natürlich. 2011 ist nicht 1911. Und überhaupt, warum sollte die Poesie nicht um die eigene Befindlichkeit kreisen dürfen? Muss sie das nicht? Worum sonst geht es in einem Gedicht, wenn nicht um die subjektive Gefühlslage, um das ach so abenteuerliche bürgerliche Seelenleben? Und ist politische Lyrik nicht ein Graus ganz besonderer Art? Wohl wahr. Nur: Zweieinhalb Stunden lang Gedichte anhören, und keine zehn Minuten sind mit der politischen Realität verlinkt, das ist Eskapismus, die Flucht in eine Scheinwelt, in der alles recht nett ist. Das Leben ist aber nicht nett, außer vielleicht zu den oberen Zehntausend, und nicht mal zu denen.

Die Realität kam kaum vor

Immerhin, es gab sie, die wenigen Einbrüche der Realität in die poetische Parallelwelt, bei dieser „Ersten Regensburger Nacht der Poesie“ des Schriftstellerverbands (VS) und der Regensburger Schriftstellergruppe International (RSGI) auf der Terrasse des Naturkundemuseums im Jahre 2011.

Etwa Elfi Hartensteins Reminiszenz an Brecht („Es gibt viele Arten zu töten. [...] Nur wenige sind in unserem Staat verboten.“) Oder Siegfried Schüllers Gedicht auf einen riesigen Tulpenstrauß, der die Donau hinabschwimmt: eine banale Beobachtung, die mit wenigen Strichen ungeahnte Ausblicke in die große Welt eröffnet. Oder auch Stefan Rimeks „Usbekistan“ von 1997: Orient und Okzident werden aufeinandergehetzt; eine frühe Wahrnehmung eines ganz und gar blödsinnigen Krieges, Jahre vor dem 11. September, knapp und melancholisch verdichtet. Da passte die liebliche Gitarrenmusik von Milorad Romic auf einmal nicht mehr ganz so gut, die heimelige Abfent-im-Juni-Stimmung war kurzzeitig gestört. Auch Marita Panzers Elegie von der Donau als immerwährender Göttin widersetzt sich, trotz eines leichten Dralls ins Klassizistische, dem Hang zum Netten und Niedlichen.

Das weitverbreitete Missverständnis, ein erhabener Gedanke, ein witziger Einfall, augenblicklich hingeschrieben, sei ein Gedicht, repräsentiert Friedrich Hirschl. „Madame Luna / im wolkigen / Negligee“, Überschrift: „Verführerisch“, und fertig ist das Gedicht. Man muss schon zwei Gedichtbände von Hirschl nehmen („Herbstmusik“, „Nachthaus“, beide Karl-Stutz-Verlag) und sie fest zusammenpressen, um die Dichte auch nur eines einzigen Gedichts von Roland Scheerer zu erreichen.

Detailgetreu und radikal subjektiv

Scheerers „Ilm-Tagebücher“ (lichtung-Verlag) bestechen durch detailgenaue Beobachtung, leichtfüßige Beherrschung auch so komplizierter Formen wie der Sapphischen Ode und eine radikale Subjektivität: „in den mulden sammelt sich kies – die erde / dreizehn komma sieben milliarden jahre / nach dem anfang des universums – und sankt / nepomuk trampt nach // reichertshausen – dort an der brücke steigt er / in einen octavia – angeschwemmte / tetra-paks – im nebel der nächste unbe- / deutende checkpoint“

Man muss ja nicht gleich „Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof“ als Maßstab nehmen, jene legendäre Gedichtkritik von Peter Rühmkorf in der Konkret, aber die totale Beliebigkeit ist der Lyrik ihr Tod. Nur so larifari und ganz ohne Strenge geht es nicht. Man muss dem Franz Büchl einfach sagen, dass seine schwülstigen Liebesgedichte nur unfreiwillig komisch sind. Während sein sprachspielerisches Nonsensegedicht auf das Insekt auf der eigenen Nase schon fast von Gernhardtschen Gnaden ist.

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