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Kultur
Freitag, 22. Juni 2018 18° 3

Konzeptkunst

Einzelteile entwickeln ein Eigenleben

Der international bekannte slowakische Künstler Roman Ondak stellt in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg aus.
Von Claudia Böckel

Sehr poetisch: „Planets I – IX, Eclipse“ Foto: Dita Lamacová
Sehr poetisch: „Planets I – IX, Eclipse“ Foto: Dita Lamacová

Regensburg. Man glaubt gar nicht, in wie viele Teile sich eine alte Schreibmaschine zerlegen lässt. Die Remington füllt mit den zugehörigen Sockeln, Podesten, Gestellen, Platten oder Schranktüren den 200 Quadratmeter großen Hauptsaal des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. So eine Schreibmaschine ist ja an sich schon aus Zeit und Raum gefallen.

Der Konzeptkünstler Roman Ondak verleiht den Einzelteilen ein Eigenleben. So entsteht zum Beispiel aus fünf gebündelten Tasten eine kleine Hand, Daumen abgeknickt, „Fingernägel“ in Rosé. Diese Schreibmaschine aus Ondaks Familienbesitz hat ihn schon immer beschäftigt, auch, weil sein und ihr Name so viele Ähnlichkeiten aufweisen. So dienen ihm jetzt auch Bruchstücke als Signatur: Die beiden Tasten R und O stehen am unteren rechten Eck einer Platte, die früher mal ein Zeichentisch gewesen sein könnte, auf der sich kryptische Krakeleien, Linien, Spuren finden. Eine andere Platte trägt die Verkleidung der Schreibmaschine und die Restbuchstaben R und ON.

Die Installation heißt „Signature“, stammt aus dem Jahr 2014 und wird hier erstmals im Museum präsentiert. Im Sinne einer visuellen Poesie entstehen Buchstabenbilder. Es wird vom privaten Raum in den öffentlichen hinein gedacht, bis in politische Dimensionen: Schließlich war die Remington doch ein Produkt des Erzfeindes USA. Auch konkrete Poesie galt in der Tschechoslowakei als subversive Geste des Widerstandes.

„Perfect Society“, Ondaks jüngste Installation von 2018, ist eine Ansammlung von Kupferrohren. Sie stammen aus Ondaks Haus in Bratislava und waren Teil der Zentralheizung. Der Künstler zersägte sie in tausende kurze Stücke, sortierte nach Größe, installierte sie in Reih und Glied, verband die organischer wirkenden Verbindungsstücke mit Ketten zu flach liegenden Gebilden besonderer Ordnung, eher zufällig, aber doch zwangsweise aneinanderhängend. Auch hier liegen politische Deutungsdimensionen auf der Hand.

Roman Ondak ist ein international bekannter slowakischer Künstler. Seine Arbeit „Observations“ war 2012 bei der documenta 13 ausgestellt, wirkte kleinteilig – und öffnete doch den Blick. Viele kleine Reproduktionen von schwarz-weißen Fotos aus einem amerikanischen Buch über nonverbale Kommunikation wurden da in Rahmen gefasst, die Beschriftungen beibehalten, die Bilder aber anders gruppiert. Man betrachtet Historisches, nimmt nebenbei Neues und Anderes wahr.

Unter dem Titel „New Observations“ hat Ondak für das Kunstforum eine zweite Serie dieser Arbeiten gemacht. Die kann man auch in Form eines Künstlerbuches nach Hause tragen, das in diesem Fall einen Ausstellungskatalog ersetzt. Zur Verleihung des Lovis-Corinth-Preises 2018 erscheint aber auch eine kleine, informative Publikation zur Ausstellung „Based on True Events“. Der Preis wird heute Abend im Kunstforum vergeben, ist mit 10 000 Euro dotiert und mit dieser Ausstellung verbunden. Dr. Nina Schleif, die Leiterin der Grafischen Sammlung, kuratierte sie, arbeitete dabei sehr eng seit über einem Jahr mit dem Künstler zusammen, so dass die Ausstellung selbst zum konzeptionellen Kunstwerk geriet.

Besondere Blickachsen setzen einzelne, auch kleinere Kunstwerke bestens in Szene. Auf Schriftliches wurde weitgehend verzichtet, ganz unauffällig weisen schwarze Buchstaben auf dem Fußboden auf die Titel der Werke hin. „Based on True Events“: Der Titel steckt schon den Rahmen ab. Es geht um wahre Begebenheiten. Aber was ist schon wahr in Zeiten von Fake-News? Was ist Fakt, was Fiktion? Ondak begibt sich zur Vermessung dieser Welt-Voraussetzungen, bearbeitet Alltägliches, nimmt nur minimale Veränderungen vor, die aber weitreichende Wirkung haben können.

Sehr poetisch ist seine Arbeit „Planets I – IX, Eclipse“. Schultafeln und Schultische hängen an der Wand, eingelassen in sie sind merkwürdige Schalen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Suppenkellen, die Vertiefungen und Spuren hinterlassen wie die Vertiefungen in manchen kultischen Steinen. Die Verbindung zum Kosmos, in Kombination mit dem realen Leben in der Schule, im sozialen Kontext, steht hier im Mittelpunkt.

Auch die kleineren Werke erzählen alle eine Geschichte: der Feuermelder, der selbst schon angekokelt ist, das wie ein Blatt Papier zusammengeknautschte Kupferdach einer Dachgaube, die Klingel, unter der Roman Ondak wartet: „Waiting for Someone to Ring at My Door“.

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