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Lesung

Elke Heidenreich – das sprudelnde Leben

Die Kölner Literaturkritikerin, Moderatorin und Schriftstellerin erobert den Leeren Beutel in Regensburg im Sturm.
Von Florian Sendtner, MZ

Elke Heidenreich eroberte den Leeren Beutel bei ihrer Autorenlesung im Sturm.
Elke Heidenreich eroberte den Leeren Beutel bei ihrer Autorenlesung im Sturm. Foto: altrofoto.de

Regensburg..Man glaubt es ja nicht, wie eng man den Leeren Beutel bestuhlen kann. Die Tierschützer, die immer anprangern, dass einem Legehuhn nur die Fläche eines DIN A 4-Blatts zugestanden wird, sollten mal im großen Saal im Souterrain des Leeren Beutels vorbeischauen und sich auf einen dieser Sardinenbüchsenplätze zwängen. Ist das noch DIN A 4? Oder schon DIN A 5? Die Arme fest an den Körper gepresst, sitzt man da, die Knie stoßen an die vordere Stuhlreihe. Aber dann betritt Elke Heidenreich die Bühne, sagt zwei, drei Sätze, und man spürt die räumliche Enge kaum mehr, so schnell wird der Saal mit Gedankenfreiheit regelrecht geflutet.

Nachdem sie in den Jahren zuvor lauter Sachbücher geschrieben habe, habe sie Lust gehabt, „dummes Zeug zu schreiben“, stimmt Heidenreich am Dienstag ihr Publikum auf die lange ausverkaufte Lesung ein. Das ist noch nicht mal gelogen. Was die Kölner Literaturkritikerin, Moderatorin, Kabarettistin und Schriftstellerin in ihrem soeben erschienenen Buch „Alles kein Zufall“ (Hanser Verlag, 238 Seiten, 19,90 Euro) an „kurzen Geschichten“ zusammengewürfelt hat, ist ein Kessel Buntes von Selbsterlebtem und Aufgeschnapptem, von Trivialem und Anspruchsvollem, von Banalem und Bedeutsamem, von Kalauern und funkelnden Aphorismen.

Ohne Punkt und Komma

Ein Teil dieser kurzen Geschichten, die oft nur eine halbe Seite lang sind, könnte jederzeit den hochtrabenden Titel „Maximen und Reflexionen“ haben, aber schon auf der nächsten Seite bricht in Elke Heidenreich wieder Else Stratmann durch und bringt die Sache schonungslos schnoddrig auf den Punkt. Das eigene Leben spielt eine wichtige Rolle, wird aber durch eingestreute Geschichten aus zweiter und dritter Hand immer wieder relativiert. Es ist wie bei Papst Johannes XXIII., der sich selbst ermahnte: „Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig!“ Die ungekrönte Literaturpäpstin (oder zumindest Nebenpäpstin neben Sigrid Löffler) will ihrer wahrlich harten Kindheit und Jugend kein zu schweres Gewicht beimessen.

Fast beiläufig erfährt man so, dass Elke Heidenreich eine Mutter hatte, die ob ihrer schroffen Erziehungsmethoden heute wohl mit dem Jugendamt Bekanntschaft machen würde. Und dass ihre Eltern so gar nicht zusammenpassten: „Meine Mutter war ernst und sparsam, mein Vater warf das Geld mit vollen Händen aus den Taschen. Sie las, er stand an der Theke, sie hörte Opern, er lachte über Leute, die im Stehen sterben und dabei noch singen.“ Und Heidenreich geht dabei auch ans Eingemachte: „Er wollte Sex, sie hasste Sex. Sie wollte kein Kind und trieb dreimal ab, ehe ich dann doch geboren wurde.“

Aber die Zuhörerinnen (weiblicher Anteil des Publikums: 99 Prozent) kommen gar nicht dazu, die Erzählerin für ihre Mutter zu bemitleiden. Denn die anderen Geschichten – vorgelesen in einem flotten Tempo, ohne Punkt und Komma – handeln von den segensreichen Folgen des Pinkelns in den Schnee, von der unaufhaltsamen Ausbreitung des Buddhismus durch reuige Hoteldiebe, von der Begegnung mit der unsichtbaren sizilianischen Mafia und den sichtbaren Haien vor Neuseeland (im Wasser, ohne Haikäfig, versteht sich), oder von der unglaublichen Wirkung silberner Plateauschuhe bei Männern.

Das sprudelnde Leben

Das eine Mal haben die Geschichten einen fast schlichten, und doch umwerfenden Humor, der dem von Wladimir Kaminer verwandt ist („Englisch“, „Koffer“), das andere Mal leben sie von einem lakonischen Witz, der fast an Fanny Müller heranreicht („Kindergarten“, „Zu Unrecht“). Oder Szenen, die Samuel Beckett nicht besser hingekriegt hätte. Da begegnet die Erzählerin in einer verregneten Winternacht in Köln, als sie morgens um halb vier mitten auf der Straße auf dem Heimweg ist, einem dunkelhäutigen Mann, der die theologische Frage aufwirft: „Dieser Regen! Es regnet seit Wochen in diesem Scheißland, und bei mir zu Hause hat es seit drei Jahren nicht geregnet, da vertrocknet alles, und sie verdursten. Kannst du mir sagen, was das soll? Welches Arschloch denkt sich sowas aus?“

Elke Heidenreich erobert den Leeren Beutel im Sturm, selbst die schwatzhaftesten unter den Zuhörerinnen erliegen nach zehn Minuten ihrem Bann und geben Ruh. Diese Frau ist neulich 73 geworden? Das sprudelnde Leben, das hier auf der Bühne sitzt, würde man eher auf 37 schätzen.

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