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Musik

Empfindsames und rhetorisches Musizieren

Julia Fischer, Nils Mönkemeyer und die Berliner Barock Solisten begeisterten.
Von Gerhard Dietel

Die Streicher spielten im Stehen. Foto: Dietel
Die Streicher spielten im Stehen. Foto: Dietel

Regensburg.Ein Raunen geht vor Konzertbeginn durch die Publikumsreihen im Regensburger Audimax. Offensichtlich erfahren manche Zuhörer erstmals, dass in der Nacht zuvor der Dirigent Mariss Jansons verstorben ist. Seinem Gedenken widmen die Berliner Barock Solisten ihren Auftritt mit Werken Carl Philipp Emanuel Bachs und Wolfgang Amadeus Mozarts.

Zur „historisch informierten Aufführungspraxis“ bekennt sich das 1995 gegründete Ensemble, wobei als äußeres Indiz ins Auge fällt, dass die Streicher, von den Celli abgesehen, im Stehen musizieren, angeführt an diesem Abend durch den Geiger Willi Zimmermann. Zum klein besetzten Streicherapparat treten bisweilen zwei Hörner und zwei Oboen, klangverstärkend oder auch, bei Mozart, mit eigenständigen thematischen Beiträgen.

Eine Sinfonie in Es-Dur Carl Philipp Emanuel Bachs erklingt zu Beginn. Musik, die im heutigen Repertoire kaum Platz findet, aber in der Interpretation der Berliner Barock Solisten fasziniert: in ihrem unruhigen Vorwärtsstürmen, oft abrupt gestoppt wird und dann weich-empfindsamen Tönen Platz macht.

Eine ähnliche Faktur weist das danach folgende a-Moll-Konzert C.P.E. Bachs auf, das der Solist Nils Mönkemeyer aus der originalen Cello-Fassung für seine Viola transkribiert hat. Eine Art gruppendynamischen Prozess können die Zuhörer hier miterleben: Der lebendigen Orchestereinleitung begegnet Mönkemeyer mit sanftem Melos, scheint das Orchester besänftigen zu können, bevor dieses neuerlich furios loslegt und nun umgekehrt den Solisten zu aggressiverem Spiel animiert. Die Wiener Klassiker wussten Carl Philipp Emanuel Bachs Musik durchaus noch zu schätzen. Beethoven studierte dessen Partituren, Haydn nannte ihn gar den „Vater“, zu dessen „Buben“ er gehöre. Wolfgang Amadeus Mozart ließ sich von ihm (und Vater Johann Sebastian) zu Fugen-Experimenten animieren, von denen eines nach der Konzertpause zu hören ist: die thematisch fast überdicht konstruierte c-Moll-Fuge KV 546 nebst einer Adagio-Einleitung, die zuerst im Stil einer französischen Ouvertüre beginnt und dann klagende Töne in kühnen harmonischen Wendungen entwickelt.

Den abschließenden Höhepunkt des Konzerts bildet die Aufführung von Mozarts „Sinfonia Concertante“ KV 364. In festlichem Es-Dur-Marschtonfall eröffnen die Berliner Barock Solisten das Werk, nun verstärkt durch Julia Fischer (Violine) und abermals mit Nils Mönkemeyer. Beide sind sich nicht zu schade, in den Tutti-Partien mitzuspielen, bevor sie sich wie unmerklich aus dem Orchesterverband lösen: im Unisono-Gesang zunächst, bevor ihre Solostimmen sich zur Eigenständigkeit trennen.

Soll man es einen Dialog nennen, den die beiden nun miteinander führen? Eher ist es ein Vorsprechen des einen, ein zustimmendes Bestätigen des anderen. Meist ist es die Violine Julia Fischers, welche die Führungsrolle übernimmt, bevor in tieferer Lage Nils Mönkemeyers Antwort folgt. Doch zumal im Finalrondo kehren sich die Rollen auch einmal um.

Ganz auf Gleichberechtigung der Partner zielt diese Komposition Mozarts, was Julia Fischer und Nils Mönkemeyer ideal umsetzen: zwei Vollblutmusiker, die sich an körperlicher wie geistiger Beweglichkeit in nichts nachstehen, und in völliger Übereinstimmung der Artikulation die einzelnen Phrasen von Mozarts Musik zur Klangrede werden lassen. Danach gibt es lange anhaltenden Beifall für Orchester und Solisten, die immer wieder hervorgerufen werden, und sogar ein greller Pfiff der Anerkennung mischt sich ins Klatschen der begeisterten Zuhörer.

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