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Enzyklopädie in leuchtenden Farben

Hüten und schützen, nicht zerstören: Ana Matts „Nächstenliebe“-Ausstellung im Lichthof des Caritas-Krankenhauses St. Josef
Von Helmut Hein, MZ

Klar, kräftig, suggestiv: „Fürsorge“ von Ana Matt (Ausschnitt)Foto: Matt

Regensburg. Am Anfang war nicht das Wort. Auch nicht das Bild. Sondern eine Performance im Lichthof des Caritas-Krankenhauses St. Josef. Erdacht und in Szene gesetzt von der Choreographin Alexandra Karabelas.

Ein Kind, ein junger Mann, zwei Frauen, ein alter Mann. Dasein „in Bewegung“, aber eben auf sehr unterschiedliche Weise: von der Neugier bis zur Skepsis, von triumphierender Vitalität bis zur Ahnung des Verfalls. Körper, die sich erkunden, die Nähe und Distanz vermessen, die durch Gesten bannen und beschwören, die das ganze Repertoire an Verhaltensweisen, an Möglichkeiten rein physischer Existenz erproben.

Ana Matts Bilder sind tänzerisch. Sie betören durch das kräftige Rot, das schon in den ältesten Mythen das Mann- und das Frau-Sein, aber eben auch Hierarchien, Zugangsbedingungen, „Schönheiten“ definierten. Dieses Rot steht für die schöpferische wie für die destruktive Macht der Wünsche, für die Präsenz der „Unterwelt“ in allem, was wir tun. Wer sich rot kleidet, will gesehen werden. In dieser hellen Röte erreicht die Sichtbarkeit ihren größten Glanz.

Paradoxien der Nächstenliebe

Aber Ana Matt will ja nicht die erotische Liebe feiern, jedenfalls nicht so direkt. Ihr geht es in ihren Bildern um Nächstenliebe. Also um Fürsorge, Aufmerksamkeit, eine bedingungslose Anerkennung, die natürlich auch die Kinder und die Alten, die Tiere und darüber hinaus die ganze Schöpfung erfasst. Nächstenliebe ist die sublimierte Form der Liebe. Sie setzt die Wunde, die Bedürftigkeit voraus. In der Nächstenliebe sind wir – zumindest scheinbar – frei von eigenen Interessen. Nächstenliebe, das ist ihre Crux, ist nicht symmetrisch; sie gibt, ohne zu nehmen. Zu ihren Paradoxien gehört, dass leicht ein Stück Verachtung in ihr steckt: „Dich nicht bewerten oder verurteilen – sondern dich annehmen so wie du bist“. Solche Formeln enthalten in freudianischer Lesart schon ihr Gegenteil: Ich nehme dich an so wie du bist, das heißt du erscheinst mir mangelhaft. Wer auf Nächstenliebe angewiesen ist, ist der anderweitig und andernorts schon Verworfene. Ana Matt weiß um die Gefährdungen der Existenz, aber sie scheut sich davor, sie drastisch darzustellen. Ihre Bilder bleiben schön, selbst wenn die Menschen versehrt sind. Die Frau, die nur noch ein Auge hat, erscheint bei ihr nicht monströs, sondern verführerisch.

Versöhnung ist Ana Matts Ziel

Das Erste ist bei Ana Matt die Farbe. Aber dann kommt sofort die Kontur. Ihre Menschendarstellungen scheinen realistisch, obwohl sie es bei näherem Hinsehen gar nicht sind. Die Linien brechen oft rasch ab oder lösen sich auf. Aber sie sind so klar, so kräftig, so suggestiv, dass das Auge des Betrachters sie verlängert, jede Figur, auch die nur angedeutete oder halb zerstörte, „ganz“ werden lässt.

Ana Matt hat sich für ihre Ausstellung im Krankenhaus ein passendes Thema gesetzt: „Nächstenliebe“. Sie behandelt es enzyklopädisch. So wie es einst Programmmusik gab, so gibt es auch Programmmalerei. In der Moderne suchten viele Künstler Zuflucht beim Text bzw. der Chiffre. Diese oft abbrechenden, verschwimmenden Sätze, wie sie Ana Matt ihren Bilder gewissermaßen „appliziert“, waren immer beides: verrätselte Botschaften, Kryptogramme und Mittel der Gestaltung. Graphische Momente, die der Körperlichkeit der Bilder guttun.

Versöhnung ist Ana Matts Ziel, mit einer „Ästhetik der Hässlichkeit“ kann sie nichts anfangen. Schönheit, auch wenn sie „gebrochen“ ist, lindert den Schmerz. Vor der Gefahr des Kitsches, die nie fern ist, wenn man es sich in seinen eigenen Gefühlen bequem macht, schützt sie das Bewusstsein der Bedrohung. Diese Bedrohung kommt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Für Ana Matt ist der Trieb, der nichts von sich weiß, vernichtend. Sehr schön zeigt sie, dass in ihrer Arbeit „Bewusstsein/Liebe“, das ein geradezu manichäisches Szenario in Schwarz-Weiß entwirft. In uns kämpft das Dunkle, das „Unterbewusstsein“, mit dem Hellen, dem klaren Geist, der nicht frisst, sondern bewahrt.

Am deutlichsten spricht sie das, was sie will, in einer Holzobjekt-Installation mit dem Titel „Black Box I“ aus: „hüten und schützen – nicht zerstören“. Der Betrachter dieser Installation ist deshalb noch lange nicht in Sicherheit. Es gab schon welche, die das Objekt für einen Kindersarg hielten.

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