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Kultur
Donnerstag, 20. September 2018 27° 1

Interview

Er brennt für die Lust am Spiel

Klaus Kusenberg wechselt von Nürnberg ans Theater Regensburg. Die Rolle des Meuchelmörders bleibt ihm erspart.
Von Claudia Bockholt

Klaus Kusenberg wird im September Schauspieldirektor am Theater Regensburg Foto: altrofoto.de
Klaus Kusenberg wird im September Schauspieldirektor am Theater Regensburg Foto: altrofoto.de

Nürnberg.Sie werden in der kommenden Spielzeit Schauspieldirektor in Regensburg. In Berlin würde man sagen „in der Provinz“.

In solchen Kategorien habe ich nie gedacht. Bevor ich in Nürnberg gelandet bin, habe ich an unterschiedlichsten Theatern gearbeitet: Mannheim, Konstanz, Wiener Burgtheater, Düsseldorf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auf die Leute ankommt, darauf, ob die Arbeitsatmosphäre stimmt. Und natürlich auf die Neugier! Wenn man sich auf diese Faktoren verlassen kann, macht es eigentlich überall Spaß.

Welche Regensburger Premieren haben Sie sich schon angeschaut?

Ich habe schon einige Produktionen gesehen. „Black Rider“, „Bilder von uns“, „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“, „Shakespeares Schädel“, „Die Lehmann Brothers“, „Maria Stuart“, „Medea“, „Blütenträume“.... Aber ich habe eine Verabredung mit dem Intendanten und dem Ensemble, dass ich nicht zu den Premieren gehe. So eine Endprobenphase ist ja eine heikle Phase, in der die Nerven blankliegen. Im Schauspiel noch mehr als im Musiktheater. Eine Premiere ist doch sehr vom Probenstand und der Tagesform abhängig. Was sich bei uns manchmal noch in den letzten vier bis fünf Tagen ändert , das hält man nicht für möglich. Da kann die Nachricht, dass der neue Chef sich die Premiere auch anguckt, für unnötigen Druck sorgen

In der Redaktion haben wir uns schön häufiger gefragt, ob es richtig ist, immer die Premiere zu besprechen. Vielleicht sollte man sich lieber die vierte oder fünfte Aufführung ansehen...

Das habe ich auch schon öfter überlegt. In Frankreich und in England zum Beispiel gibt es ja die „Press Night“. Das ist nicht die erste, sondern die siebte oder achte Aufführung, und die Kritiker sehen ein erprobtes, mit größerer Sicherheit gespieltes Stück. Natürlich geht es meistens gut, aber es ist immer ein sehr brüchiges und gefährdetes Unterfangen, so eine Premiere. Bei uns ist das aber eigentlich gar nicht zu machen. So viele Aufführungen und so viel Publikum wie in Paris gibt es bei uns nirgends. Aus einem ganz anderen Impuls heraus hat das ja mein alter Mentor Claus Peymann gemacht: Der wurde von der Presse so gebeutelt, dass er manchmal 14, 15 Voraufführungen gemacht hat - und dann irgendwann hat er sie dazugeladen. Das war natürlich eher eine kraftmeiernde Trotzreaktion.

Im Regensburger Schauspiel-Ensemble habe ich zuletzt gewisse Auflösungserscheinungen beobachtet.

Der Intendant und Stephanie Junge haben zuletzt sehr viel mit Gästen gearbeitet, aus dem Gedanken heraus, dass man dann größere Freiheit hat, die Stellen wieder neu zu besetzen. Ich konnte sieben Neue engagieren und musste dafür nicht als Meuchelmörder auftreten und keine Nichtverlängerungen aussprechen. Ich hatte große Freiheiten. Ich bin ein großer Verfechter des Ensemblegedankens und denke, dass es keine effektivere, produktivere Form von Theater gibt. Wenn man die richtigen Leute hat, kann das zu einem richtigen Kraftzentrum innerhalb des Theaters, auch innerhalb einer Stadt werden.

Als 2012 der neue Intendant kam, wurde hier Tabula rasa gemacht. Das hat bei den Theatergängern für ziemliche Unruhe und auch Verärgerung gesorgt.

Natürlich ist es für ein Publikum schmerzlich, wenn es seine Lieblinge verliert. Deshalb bin ich froh, dass ich das nicht ausgelöst habe. Es gab diese Auflösungstendenz – und ich baue das jetzt wieder auf.

Wie setzt sich ein gutes Ensemble zusammen?

Man muss alle Generationen vertreten haben. Das ist aber nur ein äußeres Kriterium. Ich suche Leute, die über ihre Mittel souverän verfügen, aber trotzdem keine kalten, äußerlichen Virtuosen sind. Handwerker mit Seele also. Dann kann man gemeinsam mit Spaß und angstfrei ausprobieren, sich auf die Suche begeben – man kann sich aber auch darauf verlassen, dass alles Hand und Fuß hat. Das Ergebnis der Suche ist dann in keinem Fall, dass jemand hinten rechts nuschelnd in der Ecke sitzt und es allen egal ist, ob den jemand versteht oder nicht.

Was meinen Sie mit „Seele“?

Das hat mit dem Ur-Vorgang der Schauspielerei zu tun. Es gibt aktuell Tendenzen, das nicht mehr so wichtig zu nehmen, sondern sich selbst als Person an die Rampe zu stellen oder nur Text abzuliefern. Das interessiert mich aber nicht. Mich interessiert die Lust, sich in eine andere Figur zu versetzen und mir dadurch etwas zu erzählen. Das wäre vor zehn Jahren selbstverständlich gewesen und Sie hätten gar nicht verstanden, was ich meine. Aber aktuell muss man sich damit beschäftigen. Ich verliere den Anker, den Grund, warum ich diesen Beruf mache, wenn ich es nicht mit Leuten zu tun habe, die sich mit Lust zu verwandeln.

Was halten Sie denn vom heutigen Hochleistungstheater, in dem immer mehr Produktionen auf dem Spielplan stehen?

Eine Zeit, wo weniger gemacht wurde, kenne ich gar nicht so. Ich habe am stärksten und leistungsfähigsten Stadttheater gelernt, das es damals gab, und das war das Schauspiel Bochum. Da wurde eigentlich rund um die Uhr gearbeitet. Als Assistent hatte ich da am Samstag Premiere und am Montagmorgen Leseprobe. Als ich 2000 nach Nürnberg kam, hab ich mich bemüht, die Leistungsfähigkeit eines Ensembles und eines Theaters auch unter Beweis zu stellen. Ich denke, in einer Zeit, wo man sich auch verstärkt rechtfertigen muss für die öffentlichen Mittel, die man bekommt, muss man auch verstärkt Flagge zeigen hinsichtlich der Produktivität. Wir müssen alles dafür tun, selber Einnahmen zu erzeugen, das Publikum zu erreichen - aber auch die Freiräume schaffen, um Neues auszuprobieren. Beides erwartet ja das Publikum. Die Anforderungen an die Leitung, an das Management, die haben sich definitiv erhöht.

Der neue Mann am Theater Regensburg

  • Herkunft:

    Der neue Regensburger Schauspieldirektor Klaus Kusenberg wurde 1953 in Oberhausen im Rheinland geboren.

  • Privates:

    Klaus Kusenberg hat zwar eine Wohnung in Regensburg, seine Familie bleibt aber vorerst in Franken. Die beiden Kinder gehen noch zur Schule. Seine Frau Meike Kremer arbeitet als Theaterpädagogin am Kinder-Theater Mumpitz.

  • Laufbahn:

    Direkt nach dem Studium kam Kusenberg als Regieassistent und Dramaturg erstmals nach Nürnberg. Von 1981 bis 1985 arbeitete er am Schauspielhaus Bochum, danach als freier Regisseur. Ab 1993 war er Oberspielleiter in Osnabrück und Karlsruhe. Danach wechselte er als Schauspieldirektor an die damals Städtischen Bühnen, heute das Staatstheater Nürnberg.

Statistisch gibt es mehr Produktionen denn je. Leidet nicht die Qualität?

Ich denke, das Publikum würde merken, wenn es so wäre. Man muss ja auch sehen: Wir haben heute eine der bestausgebildeten Schauspielergenerationen, die es je gab. Es ist wirklich beeindruckend, was die jungen Leute können, wenn sie von der Schule kommen. Und die wollen ja ihren Beruf ausüben, an ihrer eigenen Vervollkommnung arbeiten. Aber natürlich muss man darauf achten, dass es immer wieder auch Phasen der Regeneration gibt. Das zu organisieren, ist in der Tat anspruchsvoller geworden. Die Zahl der Produktionen hat natürlich auch mit der Zahl der Spielstätten zu tun. Hier in Regensburg gibt es drei, in Nürnberg auch, aber etwas günstiger aufgeteilt: eine große, eine mittlere und die Bluebox, in die nur 80 Leute reinpassen. Das sind Formate, die sehr unterschiedliche Texte ermöglichen. Eine Uraufführung von Jakob Nolte, die in der Blue Box mit guter Auslastung vor 75 Leuten gezeigt wird, könnten sie ja nicht im Velodrom machen. Da wird das dann plötzlich zum Flop. Wir haben junge Autoren und Texte, für die wir Orte schaffen müssen.

Haben Sie immer selbst inszeniert?

Ja, mir war immer der direkte Kontakt zu den Schauspielern wichtig. Das müssen nicht die Schlüsseltexte sein, die Speerspitze der Avantgarde oder der beste Faust aller Zeiten. Aber ich brauche die Schauspieler auf der Probebühne - und auch die sollen wissen, was ich für einer bin. Alles muss sich aus einem Grundimpuls speisen. Ich kann nicht von irgendwoher Schauspieler engagieren, die dann gar nicht zusammenpassen. Das gilt auch für die Regisseure. Man muss vielmehr versuchen, einen Kosmos zu konstruieren, in dem dann vieles möglich ist. Dazu gehört für mich, Stücke zu inszenieren, mit denen ich mich gerne sechs, sieben Wochen beschäftige – zusammen mit den Schauspielern. Weil ich unglaublich finde, was die können. Die Fähigkeit sich als jemand anderes in eine fiktive Situation zu begeben, die finde ich atemberaubend und so reich, dass ich immer wieder gerne dabei bin, wenn das passiert.

Kusenberg freut sich auf die neue Wirkungsstätte. Foto: altrofoto.de
Kusenberg freut sich auf die neue Wirkungsstätte. Foto: altrofoto.de

Wer stößt denn neu zum Ensemble?

Ich glaube, das darf ich noch nicht verraten. Aber soviel: Es sind drei Anfänger, zwei junge Schauspieler aus Wien und Salzburg und eine junge Frau aus Stuttgart. Und dann noch ein paar aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kommende Schauspieler, die zu mir persönlich einen Bezug haben oder zu den Regisseuren, die hier inszenieren werden. Denn es wird auch eine Regisseurin geben, die wie ich mehr als ein Stück macht. Schließlich mussten auch Mittelpunktspieler wie Patrick O. Beck und Gunnar Blume, deren Weggang ich sehr bedauere, adäquat ersetzt werden. Ich denke, das ist uns mit diesem neuen 16-köpfigen Ensemble gelungen.

Sie bringen niemanden aus Nürnberg mit?

Ich bringe meine Erfahrung mit. (Er lacht)

Woran wird das Regensburger Publikum spüren, dass hier eine neue Hand führt und die Fäden in der Hand hält?

Ich finde es gut, wenn man – wie in Regensburg – nicht sagen muss: So, und ab jetzt wird alles anders und zwar ganz, ganz toll. Ich kann auf tolle Vorarbeit aufbauen, werde aber selbstverständlich eigene Akzente setzen. Meine Verpflichtung ist ja kein Zufall. Es gibt natürlich einen Link zwischen dem, was ich in Nürnberg gemacht habe, und dem, wie Intendant Neundorff das Theater Regensburg führt: als lebendiges zeitgenössisches Theater, das große, alte Stoffe neu befragt, das versucht, intelligente Unterhaltung zu machen.

Wie haben Sie bisher das Regensburger Publikum im Vergleich zu Nürnberg erlebt?

Das Regensburger Publikum ist ein bürgerlicheres. Nürnberg ist immer noch eine Arbeiterstadt, das Publikum im Schauspiel ein kernigeres. Wenn das Experiment allzu ästhetisierend daherkommt, dann ist das in Nürnberg chancenlos. Es muss immer auf eine reale Art und Weise packen. In Regensburg steht das Publikum dem Theater auf eine bürgerlich-liberale und sehr weltoffene Art gegenüber. Das gefällt mir eigentlich sehr gut. Ich habe sogar das Gefühl, man könnte den Regensburgern noch mehr zumuten als den Nürnbergern.

Sie sind jetzt 65 und haben einen Vierjahresvertrag. Wie lange kann man diesen Beruf denn machen?

Bis man umfällt. Es gibt kein Rentenalter für uns. Einen Ruhestand auf Mallorca habe ich aber auch nie angestrebt und war immer umgeben von Leuten, die das genauso sehen.

Werden Sie in Regensburg ein Projekt anstoßen, das Ihnen ein Herzensanliegen ist?

Es gibt tatsächlich etwas, das ich hier gerne realisieren würde. Im Sprechtheater ist es ja vor allem wegen der Sprachbarriere lange schwierig gewesen, Internationalität zu erzeugen. Ich bin aber auf den Geschmack gekommen, seit ich in der Jury des Internationalen Dramenwettbewerbs „Talking about borders“ war. Ich habe die Uraufführung des Siegerstücks in Nürnberg gemacht und das Projekt dann fest ans Haus geholt. Ich hätte das gerne zur Keimzelle eines kleinen internationalen Theaterfestivals gemacht. Allerdings war mir damals nicht klar, was das kosten würde. Allein für den Wettbewerb fallen Preisgelder, Reise- und Übersetzungskosten an. In Nürnberg hat uns das vier Jahre lang die Datev gesponsert. Es ist echt nicht meine Lieblingsbeschäftigung, Drittmittel zu akquirieren. Aber ich denke immer, wenn ich durch Regensburg laufe: Das ist eine so wohlhabende Stadt und so weltoffen. Wenn sich jemand fände, der uns hilft, das hier fortzusetzen und auszubauen, das wäre wahnsinnig toll.

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