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Erinnerung an einen Besuch beim „Sadisten von Straubing“

Vor 20 Jahren starb Günter M. Schelwokat, der als Chefredakteur und Lektor drei Jahrzehnte die Perry- Rhodan-Serie prägte.
Von Helmut Hein, MZ

Alaska Saedelaere, der Mann mit der Maske und einsamste Mensch des Universums Foto: Pabel-Moewig

Regensburg. Manche nannten ihn schlicht „Perry Rhodans Vater“. Andere, wie der damalige Chef-Autor Ernst Vlcek, schimpften ihn anerkennend „Sadist von Straubing“, weil er für seine Akribie und Unerbittlichkeit berühmt-berüchtigt war. Bei Orthographie, Zeichensetzung und vor allem der inneren Logik in der Handlungsführung des seit Herbst 1961 bis heute Woche für Woche in Fortsetzungen erscheinenden Zukunfts-Epos der Menschheit kannte er keine Gnade.

Mitte der 80er Jahre war Perry Rhodan längst die größte Science-Fiction-Serie der Welt. Und in der damaligen Regensburger „Woche“ erschien ein großer Artikel unter dem durchaus boulevardesken Titel „Straubinger an Milliardenauflage beteiligt“. Seine Basis war hingebungsvolle Lektüre und intimste Vertrautheit mit allen das Rhodan-Multiversum betreffenden Fragen seit Kindestagen beim Autor. Und seriöse Recherche – ein mehrstündiges Interview inklusive. Die Besuchsanbahnung gestaltete sich schwierig, weil Schelwokat von Journalisten, die allerlei „entlarven“ wollten, ohne jemals einen mehr als flüchtigen Blick in einen der Romane geworfen zu haben, schon übel mitgespielt worden war. „Faschistoid“ war da fast schon ein Kosewort. Er ließ sich erst überreden, als er bemerkte, dass da ein Kenner anreisen wollte.

Schelwokat lud sogar in sein akkurates Einfamilienhaus ein. Die Atmosphäre war angenehm, das Gespräch ein permanentes assoziatives Hin und Her. Doch hatte das Treffen auch etwas Bedrückendes. Schelwokat selbst war schon krank. Und vor allem war William Voltz, charismatischer Chefautor und „Mastermind“, eben erst mit Mitte 40 an Lungenkrebs gestorben.

Es herrschte Untergangsstimmung. Viele der Autoren wollten nicht weiterschreiben. Sie meinten, 1200 Hefte, die man ja immer wieder publizieren könne, seien genug. Auch Schelwokat zweifelte. Und ich erinnere mich noch genau, wie wir gemeinsam William Voltz‘ letzte „Werke“ apokalyptisch und sehr autobiographisch re-interpretierten. Die permanente Präsenz der Gegenwart selbst in der fantastischsten Zukunft war immer Perry Rhodans Prinzip und Erfolgsgeheimnis gewesen. Aber jetzt wurde es persönlich und philosophisch, „tief“ und fatal. Die Intensität dieser Stunden mit Schelwokat in memoriam William Voltz ist schwer zu vermitteln. Es war eine Art Exegese als scheues Andenken. Der krebskranke Voltz hatte in einige der wichtigsten Personen und Völker der Serie sein ureigenes Schicksal hineingeschrieben.

Alaska Saedelaere, seine Lieblingsfigur seit vielen Jahren, hatte als relativ junger Mann einen „Transmitterunfall“ erlitten. Seitdem trug er in seinem Gesicht ein sog. Cappin-Fragment. Wer ungeschützt in dieses Gesicht schaute, der wurde wahnsinnig und starb rasch. Saedelaere musste eine Maske tragen und wurde zum einsamsten Menschen des Universums. Während sich in Voltz der Krebs ausbreitete, rutschte dieses Cappin-Fragment mit einem Mal ins Innere Saedelaeres. Sein Gesicht war jetzt leer und totenbleich. Ihm selbst wurde von Tag zu Tag schlechter.

Damit nicht genug: Ernst Ellert, eine der wichtigen Figuren der frühen Jahre, ein „Teletemporarier“, der Zeitreisen unternehmen konnte, wurde einst aus dramaturgischen Gründen halb aus der Serie geschrieben. Jetzt aber, während Voltz todkrank war, erschien er plötzlich wieder, in einem „richtigen“ Körper, der aber allmählich bei lebendigem Leib zu verfaulen begann und von Tag zu Tag mehr stank. Schelwokat schluckte schwer, als er darüber sprach. Es war klar, wer Ellert „in Wahrheit“ war.

Die kurze Reise zu Günter Schelwokat, dem „Mann mit der Milliardenauflage“, war also nicht zuletzt ein apokalyptisches Exerzitium bzw. eine todesnahe Psychoanalyse. Aber der „unsterbliche“ Perry Rhodan, den seine sterbenden Protagonisten damals schon fast totgesagt hatten, überlebte bis zum heutigen Tag. Und seit dem großen Perry-Rhodan-Kongress, der „Con“ im vergangenen Herbst, gibt es diesen Zukunftsmythos sogar doppelt: Die Original-Serie ist mittlerweile bei Nummer 2641 angelangt und spielt im Jahr 1469 NGZ (Neuer Galaktischer Zeitrechnung), die dem Jahr 5056 unserer Zeitrechnung entspricht. Und mit der Taschenheft-Serie „Perry Rhodan NEO“ beginnt, im Jahr 2036, alles noch einmal von vorn, post-modernistisch und sehr krisenbewusst.

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