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Klassik

Erregter Dialog in wilden Figuren

Ein spannender Sonatenabend mit Hilmar Kupke, Eckehard Kupke und Masako Ohta im Foyer des Neuhaussaals: Bach, Mozart und Neue Musik in bewusster Dramaturgie
Von Gerhard Dietel, MZ

Geiger und Bratscher Hilmar Kupke und seine Mitstreiter gestalteten den Sonatenabend in einer sehr bewusst gewählten Dramaturgie. Foto: Theater Regensburg

Regensburg. „Nach diesem Stück bitten wir Sie, auf Beifall zu verzichten“: so wünschen es sich die Ausführenden des fünften Sonatenabends im Foyer des Neuhaussaals gleich zweimal, wenn sie in bewusster Dramaturgie Neuer Musik solche der Vergangenheit folgen lassen. Befremdendes oder Aufwühlendes wollen Hilmar Kupke (Violine und Viola), Eckehard Kupke (Fagott) und Masako Ohta (Klavier) ohne zwischenzeitlichen Applaus in vertraute Klänge münden lassen, die das Publikum auf den sicheren Boden der Tradition zurückführen.

Mit einer rätselhaften Komposition der russischen Zeitgenossin Sofia Gubaidulina beginnt der Abend. Ihr „Quasi Hoquetus“ entfaltet sich mit langem Atem aus hellen diatonischen Klängen, die sich später, mit Clustern und wühlenden Tremoli in der Tiefe des Klaviers merklich eindunkeln. Dazwischen bauen sich erregte Zwiegespräche auf: über hymnisch schreitenden Akkorden des Klaviers führen Hilmar Kupkes Bratsche und Eberhard Kupkes Fagott einen erregten Dialog in ungebärdigen, wild gezackten Figuren: ganz dem Werktitel gemäss, der auf mittelalterliche Satztechniken anspielt, in denen sich musikalische Stimmen kleinräumig ineinander verschränken.

Der Nachhall von Gubaidulinas Komposition scheint noch im Raum zu schweben, da lassen die drei Musiker eine entspannende „Pastorale“ von Wilhelm Friedemann Bach folgen. Aus sanfter Grazie schwingt sie sich manchmal kräftiger auf, ohne je ihren leicht elegischen Unterton zu verlieren. Diese „Pastorale“ bildet die inhaltliche Brücke zu den folgenden zweistimmigen „Inventionen“, einst vom Vater Johann Sebastian Bach für die pianistische Ausbildung des Sohnes Wilhelm Friedemann geschrieben. Dass diese im Original für Tasteninstrument gedachten Inventionen auch als Duo für Viola (oder Violine) und Fagott gute Figur machen, zeigen Hilmar und Eberhard Kupke mit ihren in Dynamik, Phrasierung und Artikulation ausgefeilten Interpretationen. Bedachtsamer und reflektierter lassen sie die in Moll stehenden Stücke wirken, während diejenigen in Dur oft einen nur bei abschließenden Reprisen einmal kurz unterbrochenen vorwärtseilenden Bewegungszug entwickeln.

Danach steht der Ton „g“ im Zentrum. Dieses nicht zu verlassen und immer wieder zu ihm zurückzukehren: das ist die in sich spannungsvoll widersprüchliche Spielanweisung, die Karlheinz Stockhausen für seinen „Treffpunkt“ gab. Masako Ohta am Klavier leitet die Kollektivimprovisation ein, welche sie und ihre Mitmusiker daraus entwickeln. Erst vorsichtig, dann freizügiger schweifend entfernen sich die Einzelstimmen vom Mittelpunkt, ohne ihn je ganz aus dem Auge zu verlieren, und beziehen dabei auch ungewöhnliche Techniken der Klangerzeugung ein.

Nahtlos schließt diesmal Mozarts Klaviertrio KV 564 an, dessen erstes Unisono-G quasi aus Stockhausens „Treffpunkt“ herauswächst. Masako Ohta besticht in ihrem werkgemäss leicht dominanten Klavierpart mit leichtflüssigem, doch auch markant tönendem Spiel, während Hilmar und Eckehard Kupke immer wieder die Gelegenheit zu melodischem Aussingen ergreifen, aber auch, im Rondo-Finale, geradezu lustvoll tänzerische Begleitfloskeln pointieren. Mit einer überraschenden Zugabe warten die drei Musiker nach dem – jetzt erlaubten – Schlussapplaus auf: einem teils rhythmisch gepfefferten, teils melodisch schmachtenden „Primavera Portena“ von Astor Piazzolla.

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