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Kammerspiel

Erstmal sprechen über Sex

„Sex oder Ex“ im Theater am Haidplatz fordert viel von den Darstellern. Mehr Mut bei der Regie hätte ihnen geholfen.
Von Wolfgang Spornraft

Keine Angst: Guido Wachter und Katharina Solzbacher tragen Badeklamotten drunter. In der rosa Plüschwelt wird vor allem: viel geredet. Foto: Christina Iberl
Keine Angst: Guido Wachter und Katharina Solzbacher tragen Badeklamotten drunter. In der rosa Plüschwelt wird vor allem: viel geredet. Foto: Christina Iberl

Regensburg.Der Titel ist der Inhalt. Midlife-Crisis-Paar. Lange nichts gelaufen bei Jess und Jimmy. Sie spricht es aus: Jetzt, hier, Badewanne – oder nimmermehr. „Dann war’s das.“ Tschüss. „Etwas nervös“ ist darum Guido Wachter. Er lächelt fahrig und bestellt bei der Regie andere Musik. Das Hamondgeorgel („I was made for loving you“) wechselt zu Walgesängen mit Klingbim. Das Entblättern der Seelen beginnt.

Es wäre interessant gewesen, wenn das Spiegelrund hinter der rosa Herzbadewanne wirklich das Publikum gespiegelt hätte. Mattiert durfte es aber ganz Voyeur bleiben bei der – nein, es sei hier gleich verraten: eine Pornopiepshow, die das Bühnenbild von Michael Lindner suggerierte, wurde der Samstagabend nur im Wort. Das abwaschbare Séparée mit plüschigem Bordellflair blieb unbefleckt. Bei der hemmungslosen Offenlegung der Figuren kamen dafür die Flecken aus dem Vergangenen zutage. Das Schwarzlicht der Bühne strahlt auf einsame Ergüsse, böse Erinnerungen, schamdurchsetzte Geheimnisse. Die Last des bisher Unausgesprochenen wird zum Markt getragen in der Hoffnung auf Erleichterung, auf Vergebung, auf Verständnis.

„Es“ ist kompliziert

Die Spielvorlage von Anthony Neilson ist dabei nie bloße Paartherapie-Sitzung. Einfühlsam und mit feinem, sehr britisch humorigen Sinn dafür, wo Männer und Frauen heute stehen, wenn es in die Horizontale geht, beschreibt er pointiert einen Wendepunkt im Sein seiner Protagonisten. Jetzt oder nie. Jetzt – nach Me-too – ist Mann besser vorsichtig, wenn es leidenschaftlich wird. Basic Instinkt geht heute einfach nicht mehr. Erst mal fragen. Ein „Deal“ muss verhandelt werden. Andere Orientierungen müssen toleriert bleiben. Tausend Tabus sind abgründige Fallgruben auf dem Weg zum korrekten Koitus.

Da kann man schon einmal blockiert sein, da darf man sich „gedemütigt“ fühlen, wenn man nur immer „liefern muss“. Und sie? Wenn kein Gefühl sich einstellt, „dann denk an England“? Oder einfach Wonder-Woman? „Ich nehm mir, was ich haben will!“ So verschreckt man den gehemmten Mann nur noch mehr. Es ist heute alles nicht einfach im Bett.

„Jetzt mach es halt nicht so kompliziert“, sagt Jess später einmal. Das Publikum lacht. Der Abend exerziert es vor: Heute ist „es“ kompliziert. Die Antwort, die einzig mögliche Antwort, traut man sich ob der Schlichtheit fast nicht zu formulieren: das L-Wort. Sie nimmt seine Hand fest in die ihre.

So gerät das Stück in der Inszenierung von Klaus Kusenberg endgültig zur Gesellschaftskomödie. Eine Chance, die die Spielvorlage durchaus hergibt, blieb ungenutzt: tiefer eintauchen in das Menschsein unter der Oberfläche gesellschaftlicher Spielchen. „Sextalk zerfiel mir zu Asche im Mund“, darf Jimmy da einmal sagen. „Wie modrige Pilze“, könnte man mit Hoffmannstals Chandos-Brief ergänzen.

„in-yer-face-theatre“

  • Vertreter:

    Die Dramatiker Anthony Neilson, Sarah Kane und Mark Ravenhill schleudern ihr Anliegen seit den 90ern dem Publikum „ins Gesicht“: laut, vulgär und bis über die Schmerzgrenze hinaus. Konsequent werden moralische Normen verhandelt und Tabus gebrochen.

  • Kritik:

    Neilson verwehrt sich inzwischen gegen diesen Begriff. Er will sein Publikum nicht abstoßen, sondern auf die Reise mitnehmen.

Kein Beckett-Moment entsteht

Wachter spielte das, wo er durfte. Ein Kuss. Die Darsteller sitzen nebeneinander an der Rampe und wackeln mit der Zunge ins Publikum. Die Regie hätte Katharina Solzbacher anleiten müssen, dass das keine lustige Nummer ist, wo man Grimassen schneidet. Die Balletteinlage „Avoidance“ war ebenso ein Moment, wo die Komik mit etwas mehr Anstrengung in der Sache in einen Beckett-Moment hätte kippen können, in ein Bild, das der Zuschauer mit nach Hause nimmt, das bleibt.

Konvention ist nach Kevin Spacey nicht nur ein Hemmnis bei der Erektion. „Ich habe es noch nicht getan“, ist alles, was Jimmy zu Kinderschänden, Vergewaltigen und Morden in schierer Verzweiflung sagen kann. Bis jetzt war ich noch kein Monster und ich gebe mir Mühe. „So ist das Leben“, erwidert Jess in aller Plattheit. Dieser Satz wäre einen Strich wert gewesen.

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