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ESC 2019: Knatsch um Jerusalem

Israelis feierten im Mai den ESC-Sieg. Jetzt steht Jerusalem als Austragungsort in Frage – wegen der politischen Situation.
Von Stefanie Järkel, dpa

Sängerin Netta aus Israel gewann den 63. Eurovision Song Contest. Ob Israel jetzt auch Gastgeber des nächsten ESC wird, ist jedoch unklar. Foto: Jörg Carstensen
Sängerin Netta aus Israel gewann den 63. Eurovision Song Contest. Ob Israel jetzt auch Gastgeber des nächsten ESC wird, ist jedoch unklar. Foto: Jörg Carstensen

Tel Aviv.Nach dem Sieg der israelischen Sängerin Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest (ESC) im Mai gratulierte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf Twitter: „Netta, du bist ein echter Schatz. (...) Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Für den israelischen Regierungschef war klar: 2019 wird der Wettbewerb in Jerusalem stattfinden – der Stadt, die Israel als seine Hauptstadt ansieht und um die sich Israelis und Palästinenser seit Jahrzehnten streiten.

Doch nur rund sechs Wochen nach Nettas Sieg ist nicht nur Jerusalem als Austragungsort unsicher – auch Israel als Gastgeberland. Es geht um die politische Situation vor Ort und um einen Streit um den Fernsehsender Kan, der die Veranstaltung letztlich auch für Millionen Zuschauer weltweit ausstrahlen soll.

Der ESC soll nicht politisiert werden

Jerusalem ist ein zentraler Streitpunkt im Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Israel hat den Ostteil der Stadt 1967 im Sechstagekrieg erobert. Die Palästinenser beanspruchen Ost-Jerusalem dagegen als Hauptstadt für einen künftigen eigenen Staat Palästina.

Die Stimmung im Heiligen Land ist aktuell besonders aufgeheizt, seit US-Präsident Donald Trump im Dezember Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hat. Im Mai verlegte die Regierung die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. An dem Tag töteten israelische Soldaten bei teilweise gewaltsamen Protesten an der Gaza-Grenze 60 Palästinenser.

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Nach Medienberichten befürchtet die veranstaltende Europäische Rundfunkunion eine Politisierung des Wettbewerbs in Israel. Dabei fand der Wettbewerb bereits 1999 in Jerusalem statt, ein Jahr nach dem letzten Sieg Israels beim Eurovision Song Contest (ESC). Doch Israel hat erst vor drei Wochen eine PR-Schlappe erlitten, als ein WM-Testspiel der argentinischen Nationalmannschaft in Jerusalem platzte. Argentinien hatte nach palästinensischen Protesten gegen den Auftritt des Vize-Weltmeisters in der Juden und Muslimen gleichermaßen heiligen Stadt das Spiel abgesagt.

Israelische Oppositionspolitiker machten damals die rechtsorientierte Kulturministerin Miri Regev für die Absage verantwortlich, weil das Spiel auf ihr Drängen hin von der Küstenstadt Haifa nach Jerusalem verlegt worden war. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) bestätigte nun, dass der Austragungsort erst nach einem Bieterwettbewerb bis spätestens September festgelegt werden soll. Nach Medienberichten kommen Jerusalem sowie die Küstenstädte Tel Aviv, Haifa und Eilat infrage.

Allerdings soll es nach einem Bericht der „Haaretz“ lediglich einen einzigen Veranstaltungsort im Land geben, der die „organisatorischen und politischen Anforderungen“ erfüllen würde - das Tel Aviv Convention Center. Eine Vorgabe der EBU ist etwa eine Einrichtung mit Platz für rund 10 000 Zuschauer. Das Kongresszentrum in Jerusalem, wo vor 20 Jahren der ESC stattfand, kann nach eigenen Angaben allerdings auch bis zu 10 000 Gäste unterbringen.

Auch rundfunkrechtlich ist die Lage schwierig

Doch unklar ist auch noch, ob Israel den Wettbewerb 2019 überhaupt ausrichten darf. Der Grund dafür ist ein Streit um den Fernsehsender Kan, wie die „Haaretz“ berichtete. Die Regierung will die Nachrichtenabteilung der für die Übertragung zuständigen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt ausgliedern.

Durch die Ausgliederung könne Kan die Mitgliedschaft in der Europäischen Rundfunkunion (EBU) entzogen werden, berichtete „Haaretz“. Ohne die könne Israel aber nicht den ESC ausrichten. Eine Sprecherin von Kan wollte sich nicht dazu äußern. Die EBU wies lediglich darauf hin, dass Kan eine vorläufige Mitgliedschaft habe. Netanjahus Büro ließ verlauten, „die Regierung werde nach den Vorgaben der Europäischen Rundfunkunion agieren“.

Und dazu droht auch wieder wie vor 20 Jahren schon Ärger mit strengreligiösen Juden. Der stellvertretende Gesundheitsminister Jakov Litzman forderte bereits, durch die Vorbereitungen des Wettbewerbs dürfe der Sabbat nicht verletzt werden. Der jüdische Ruhetag endet erst am Samstagabend - kurz bevor traditionell das ESC-Finale beginnt.

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