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Literatur

Eugen Oker zum Trost und Triumph

Vor zehn Jahren starb der Schriftsteller Eugen Oker. Eine Lesung in Regensburg erinnert an den eigensinnigen Oberpfälzer.
Von Florian Sendtner, MZ

Eine Spielernatur im besten Sinne: Eugen Oker im Jahr 2004, zwei Jahre vor seinem Tod.
Eine Spielernatur im besten Sinne: Eugen Oker im Jahr 2004, zwei Jahre vor seinem Tod. Foto: Geiger

Regensburg.„Lieber Leser!“ Vor 55 Jahren stellte sich ein Schriftsteller bei seiner Kundschaft noch vor. Zumindest tat das Eugen Oker, als 1961 mit „Winnetou in Bayern“ sein erstes Buch erschien. Und allein die paar Zeilen, die der 42-jährige Schwandorfer da im Klappentext über sich mitteilte, sagten schon viel über ihn aus: „ich bin Jahrgang 1919 und gehöre damit einer Generation an, die eine schöne Jugend hatte.“ Der geneigte Leser versteht: Hier spricht einer, dem das ewige Lamentieren seiner eigenen Generation über Krieg und Not und verlorene Jugend peinlich ist. Einer, der in der Ironie à la Kästner geschult ist: „Die Zeiten waren unsicher, meine Eltern, Hafnermeisterseheleute, konnten sich über Mangel an Geldknappheit nicht beklagen, und so erhielten die kleinen Dinge des Lebens ihre Bedeutung.“

Eugen Oker an seinem Schreibtisch Foto: Geiger
Eugen Oker an seinem Schreibtisch Foto: Geiger

Kein Mangel an Geldknappheit – mit dieser dreifachen Verneinung, mit diesem satirischen Salto mortale springt Eugen Oker wie nichts über das sattsam bekannte „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schlecht es uns ging!“ hinweg. Und nicht die leiseste Andeutung verrät, dass der verbale Dreifachsalto durchaus seine Gründe hat. Man wird sie erst in späteren Büchern nachlesen können: Dieser Eugen Oker, der mit bürgerlichem Namen Fritz Gebhardt heißt, findet es schlicht degoutant, das Klagelied über die schlechten Zeiten anzustimmen, denn die waren seiner Meinung nach ganz und gar selbstverschuldet.

Krieg ist Verreisen auf Staatskosten

„Hafnermeisterseheleute“ als Eltern – Eugen Oker ist wahrlich nicht als Schriftsteller auf die Welt gekommen. In der Schulzeit, noch minderjährig, wird Fritz Gebhardt als Tankwart eingespannt. Als ersten offiziellen Beruf übt er „den damals zeitgemäßesten“ aus: „Jenen, in welchem man halt gerade untergebracht werden konnte“. Bei Oker hieß das: Topograph und Photogrammeter. Es folgen fünf Jahre als Soldat bei der Hitlerwehrmacht. Andere tun diesen Irrsinn in ihrem Leben mit eben diesem einen Wort ab: Soldat. Oker versucht sich 1961 in verzweifeltem Sarkasmus: „Ich reiste viel auf Staatskosten: nach Frankreich, Polen, Rußland, Italien.“ Jahrzehnte später wird er das näher ausführen, in seinem, auf sein eigenes Tagebuch gestützten, Kriegsbuch „Zahlbar nach dem Endsieg“ (2008 in der Reihe Kuckuck & Straps im Lichtung Verlag neuaufgelegt).

Zwei Dichter und Denker am Wirtshaustisch: Eckhard Henscheid und Eugen Oker Foto: Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Zwei Dichter und Denker am Wirtshaustisch: Eckhard Henscheid und Eugen Oker Foto: Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Die Kapitulation 1945, „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“, und wie die larmoyanten Schlagwörter sonst noch heißen – bei Eugen Oker löst die „Niederlage“ eine unbeschreibliche Euphorie aus, einen „ungeheuren Auftrieb“, ein „Gefühl ohnegleichen“, wie er auf der letzten Seite seines autobiografischen Romans „Lebensfäden“ schreibt („Eine Oberpfälzer Schelmenbiografie“, zuletzt 1999 neuaufgelegt im MZ-Verlag).

Und dann? „Nach dem Kriege wurde ich kurz hintereinander: Maurer (es gab so wenig Ziegel), Buchhändler (es gab so wenig Bücher) und Lokalredakteur (es gab so wenig Papier). Dann entschloß ich mich, Hafner zu werden. Das bin ich heute noch.“ (So der Klappentext von 1961.)

Vor allem letzteres war ein weiser Entschluss, denn in seiner Eigenschaft als Ofenbauer kam Oker eines Tages in den „Goldenen Löwen“ in Kallmünz, um einen Ofen zu reparieren. Maria, eine der drei Wirtstöchter, wurde seine Frau und unbeirrbare Gefährtin, die noch heute seinen Nachlass hütet (der nach und nach an das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg geht).

Eugen Oker mit seiner Ehefrau Maria, die aus Kallmünz stammt. Sie ist eine Wirtstochter aus dem „Goldenen Löwen“. Foto: Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Eugen Oker mit seiner Ehefrau Maria, die aus Kallmünz stammt. Sie ist eine Wirtstochter aus dem „Goldenen Löwen“. Foto: Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Für jedes seiner beiden Kinder schrieb Eugen Oker ein eigenes Buch: „Die Bärbi und der Herr Lexikon“ und „Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen“. Für das „Babba-Maxl-Buch“ erhielt er 1973 den Astrid-Lindgren-Preis. Neben den Lausbubengeschichten „Winnetou in Bayern“ von 1961 steht aber auch ein Kinder- und Jugendbuch der anderen Art: „...und ich der Fahnenträger“, die Geschichte eines Hitlerjungen, die so gnadenlos mitten ins Verderben führt, dass einen „das eiskalte Genicksausen“ überkommt, um einmal mit Oker zu sprechen (2010 im Lichtung Verlag neuaufgelegt).

Bücher mit sprechenden Titeln

Bei manchen Büchern von Eugen Oker muss man eigentlich nur den barocken Titel zitieren: „Zum Teufel mit meinem Garten – Ein Trostbüchlein für alle, die einen Garten haben, aber mehr noch für solche, die schon immer gern einen gehabt hätten, und ein Triumphbüchlein für alle, die noch nie einen haben wollten.“ Oder diesen: „Scheißmaschin – Von Geräten, Apparaten, Instrumenten und Institutionen, die uns das Leben erleichtern, indem sie es uns zur Hölle machen.“

Am Montag erinnern Silke Heimann, Gerd Burger und Erhard Bablok (Akkordeon) mit einer musikalisch-szenischen Lesung an Eugen Oker. Zum zehnten Todestag wird das Werk des gebürtigen Schwandorfers und Wahl-Münchners in all seinen Facetten vorgestellt.

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Eugen Oker wird „R-lesen“

  • Kreativer Tausendsassa:

    Eugen Oker war ein vielseitiger Künstler, war Autor, Verleger, Sammler, Spielerkritiker u.a. des BR und der „Zeit“, Fernseh- und Radiomacher.

  • Ein ganzes Leben:

    „fo an ganzn lem“ ist die Lesung zur Erinnerung an Oker am Montag, 7. März, um 19 Uhr im Lesesaal der Staatlichen Bibliothek Regensburg, Gesandtenstraße, überschrieben.

  • Die Veranstalter:

    Die Lesung findet im Rahmen der Reihe „R-lesen“ des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di, Regionalgruppe Ostbayern, und der Staatlichen Bibliothek Regensburg statt.

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