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Tanz

Exotik gepaart mit intellektuellem Frust

Die 12. Ausgabe des Festivals „Schleudertraum“ litt ein wenig unter mangelndem Zuspruch – trotz spannender Entdeckungen.
Von Michael Scheiner, MZ

Zwischen Breakdance und Herzschmerz: Sebastian Eilers „Daihatsucuore“ – eine Interpretation von Ute Steinbergers Liebeskummerstück „Tako-Tsubo“
Zwischen Breakdance und Herzschmerz: Sebastian Eilers „Daihatsucuore“ – eine Interpretation von Ute Steinbergers Liebeskummerstück „Tako-Tsubo“ Fotos: Scheiner

Regensburg.Wo anfangen? Zwei Abende mit insgesamt 16 Tanzstücken, das ist einerseits wunderbar vergnüglich und unterhaltend, andererseits auch strapaziös und enorm fordernd. Mit dem diesjährigen Schleudertraum-Festival machte die tanzstelle R das Dutzend voll. Hiesige Tänzer und Choreografinnen sowie Gäste stellten eigene Stücke, darunter auch mehrere Premieren, im Theater an der Uni vor.

Am zweiten Abend waren Stücke zu sehen, die aus einer städteübergreifenden Zusammenarbeit von Tanzenden aus Nürnberg, München, Regensburg und Passau entstanden sind. „Transformance cityXchange“ ist ein bislang einmaliges Tanztauschprojekt. Dabei haben die Regensburgerinnen Katrin Hofreiter, Ute Steinberger, Heidi Huber und Alexandra Karabelas eigene Stücke Kollegen zur Bearbeitung überlassen – und umgekehrt. So hat Ludger Lamers aus München Katrin Hofreiters um Gefühle ringendes Solo „schwanenfeld“ bearbeitet, das die Regensburgerin aus Peter Tschaikowskis Musik in der ihr eigenen, pathetischen Ästhetik entwickelt hat. In Lamers Uminterpretation „branco sujo. Eine schwarz/weiße Malerei“ wurde daraus das extremste Stück des Festivals – ein Tanz ohne Tanz. Dafür mit überlauter Musik, abstrakten Projektionen, schemenhaften Bewegungen, menschlichen Geräuschen und jeder Menge gesprochenem Text. Der international tätige Choreograf ist damit weit über die gewohnten Grenzen des Tanztheaters hinaus in Richtung experimenteller Multi-Media-Performance gegangen. Sein intellektueller Anspruch, dass sich hier „der Besucher jederzeit mit dem Guten und Bösen, (…) dem Wahren und Unwahren seiner Selbst“ konfrontiert sieht, ist dabei fast gänzlich zwischen Verwirrung und Bedröhnung zermalmt worden.

„Peanuts“ – wunderbar anschaulich

Die Verwendung von Sprache und Text war noch in weiteren Bearbeitungen und Neuinterpretationen derart dominant, dass man durchaus zweifeln konnte, ob man sich noch im Tanz- oder schon im Sprechtheater befindet. Gänzlich unbeleckt von solchen Unsicherheiten katapultierte Ute Steinberger mit „NEONlichtgefühle(n)“ die leider nur wenigen Zuschauer in eine quietschbunte Welt der 80er Jahre. Ihr Duett zwischen neonfarbener NDW-Unbekümmertheit und drohender Depression war ein Lichtblick. Tänzerisch überzeugend waren Anika Weiland und Maximilian Schmid in der sehr einfach gestrickten, bezaubernden Liebesgeschichte „A Love Story“ von Heidi Huber als Sich-Verliebende an der Bushaltestelle am Arnulfsplatz. Wunderbar anschaulich auch David Bloom und Susanna Curtis in ihrer „Peanuts“-Neufassung „Na, puste!“ über Geschlechterfallen und die Auflösung von Identitäten. Zwischen Breakdance und Herzschmerz, herrlichem Humor und überwältigender Liebeswut zwei Männer, ein Schlagzeuger und ein Tänzer, in Sebastian Eilers anrührend-mitreißendem „Daihatsucuore“ – einer Interpretation von Ute Steinbergers Liebeskummerstück „Tako-Tsubo“.

„Being an artist“ – „ein Künstler (zu) sein“, lautete das Motto des ersten Abends mit Choreografien von Martina Feiertag, Alesso Burani, noch einmal Katrin Hofreiter, Dian Bokir, Susanna Curtis und einer improvisierten Performance von Kilta Rainprechter, Anka Draugelates und Fredi Pröll. Obwohl besser besucht als der zweite Abend, war das Theater auch bei den Lokalgrössen kaum mehr als zur Hälfte besetzt. Möglicherweise war die zeitliche Nähe zu den bald beginnenden Tanztagen ein Grund für das mangelnde Interesse, ganz sicher aber die Doppelung zu den Sommer-Tanztagen. Dabei waren erst vor wenigen Wochen das bewegende Duett „Mit jeder Faser“ von Martina Feiertag und Alessio Burani und zwei weitere Stücke im Theatersaal der Mälze zu sehen gewesen. Zwar konnten sich die Tanzenden in Buranis packender Auseinandersetzung zwischen Individuum und Kollektiv, „A part of…“, und auch Feiertag mit ihrem hinreißenden Solo „Anamese“ auf der großen Fläche am Uni-Theater wesentlich besser entfalten und damit eine stärkere Wirkung erzielen.

In keinem Programm zu finden, bildete der kraftvolle Auftritt des indonesischen Tänzers Dian Bokir aber mit seinem Solo „Kuda kuda“ die tänzerisch wie ästhetisch größte Überraschung des Abends. Sein kerniger Tanz weckte Assoziationen zu traditionellen religiösen und Tempelritualen. Gepaart mit durchaus zeitgenössischen Formen und einem männlich-kriegerischen Ausdruck wirkte der bis auf einen golddurchwirkten Lendenschurz unbekleidete Tänzer wie die moderne Verkörperung eines exotischen Wilden.

Einfach vergeigt

Curtis’ getanzte Biografie „P.S. Susanna Curtis“ begeisterte zwischen Selbstentblößung und köstlicher Selbstironie. Dagegen war die als „Frontalangriff auf Hör- und Sehgewohnheiten“ angekündigte Improvisation „recycle mum“ von Rainprechter und Co. ein Reinfall. Nach einem vielversprechenden Beginn vergeigten die drei das Ganze, die Aufführung verlief im Sand.

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