MyMz

Literatur

Fanatiker vergiften den Nahen Osten

Amos Oz analysiert in „Liebe Fanatiker: Drei Plädoyers“. Ursachen für die Friedlosigkeit einer Krisenregion.
Von Harald Raab

Der israelische Schriftsteller Amos Oz Foto: Stephanie Pilick
Der israelische Schriftsteller Amos Oz Foto: Stephanie Pilick

Regensburg. „Ich liebe Israel, auch wenn ich es nicht ertragen kann. Sollte es mein Schicksal sein, eines Tages auf einer Straße umzukippen, so möchte ich das auf einer israelischen Straße tun.“ Der das bekennt, ist zweifellos ein Patriot. Gleichzeitig ist er ein entschiedener Kritiker aktueller israelischer Politik: Amos Oz (79), der in Deutschland mehr als in seiner Heimat gelesene Schriftsteller. Bei uns wird er perfide auch dazu missbraucht, via Israel-Kritik für die Bestätigung verdeckter oder offener antisemitischer und antizionistischer Vorurteile herhalten zu müssen.

Totgeschwiegen wird hierzulande auch der leidenschaftliche Appell Amos Oz‘ für den explizit jüdischen Staat Israel. Man dient den Israelis ja so gerne einen Einheitsstaat mit den Palästinensern an, um das „zionistische Gebilde“ endlich den Garaus machen zu können, statt sich weiterhin um eine Zwei-Staaten-Lösung zu bemühen. Oz zu diesem vergifteten Rezept: „Ich kann es auch deshalb nicht akzeptieren, weil ich auf das Recht der israelischen Juden bestehe, wie jedes andere Volk die Mehrheit und nicht die Minderheit zu sein und sei es nur auf einem kleinen Stückchen Land.“ Diese Vorbemerkung ist nötig, um den neuen Essay-Band des Schriftstellers und Gründungsmitglieds der Peace-Now-Bewegung in Israel vor erneuter missbräuchlicher Vereinnahmung in Schutz zu nehmen. Das Buch ist im Suhrkamp Verlag erschienen, Titel „Liebe Fanatiker: Drei Plädoyers“.

Wer in Jerusalem als Sohn osteuropäischer Einwanderer zur Welt kam, ist sozusagen ein geborener Experte für Fanatismus. Es ist jedoch nicht der Nahe Osten allein, der ein Erstgeburtsrecht auf Fanatismus hat. Die Welt an eigenen religiösen, rassistischen oder sonstigen ideologischen Heilslehren (vermeintlich) genesen zu lassen, ist eine alte Geißel der Menschheit. Fanatismus ist – so Amos Oz – viel älter als der Islam, das Christentum und das Judentum.

Kein blauäugiger Idealist

Und doch ist das Pulverfass Naher Osten exemplarisch für die Missgeburt Fanatismus. Je schwieriger die Gemengelage ist, je komplizierter das Leben durch äußere Umstände wird, ein desto leichteres Spiel haben die Fanatiker mit ihren einfachen Lösungen und ihrer schnellen Schuldzuweisung gegenüber den jeweils anderen.

Den Groß-Israel-Träumern hält Amos Oz entgegen: „Wenn es hier nicht bald zwei Staaten geben wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass hier, um die Gründung eines arabischen Staates vom Mittelmeer bis zum Jordan zu verhindern, eine Diktatur extremistischer Juden, eine fanatische, rassistische Diktatur entsteht, die mit eiserner Hand sowohl die Araber als auch ihre jüdischen Gegner unterdrücken wird.“

Andererseits ist es für Amos Oz auch klar: „Ich kann nicht als jüdische Minderheit unter arabischer Herrschaft leben, denn fast alle arabischen Regime im Nahen Osten unterdrücken und erniedrigen Minderheiten.“

Der kritische Analytiker ist alles andere als ein blauäugiger Idealist. Oz lässt keinen Zweifel daran, dass die militärische Stärke Israels das Land vor Zerstörung und Vernichtung bewahrt. Den ersehnten Frieden könne sie aber nicht bringen. Zumal die palästinensische Seite ihren Teil dazu beitrage, dass es den Israelis an Vertrauen fehle, mit den Nachbarn zu einem friedlichen Nebeneinander zu kommen. Das Existenzrecht Israels, zumal eines jüdischen Staates Israel, wird von der palästinensischen Führung nach wie vor bestritten. Man glaubt, ein Recht auf das ganze Land zu haben, spiegelbildlich zu national-religiösen jüdischen Siedlern , die sich auf die Bibel berufen. Amos Oz plädiert für einen klaren, aber immer noch zionistischen Ansatz: „Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen. (...) Wenn jemand kommt, egal von welcher Seite der Barrikaden, und sagt: Dieses Land vom Mittelmeer bis zum Jordan gehört mir und nur mir allein – dann riecht das nach Blut.“

Lust am Diskurs

Wer die alten, ewig neuen Geschichten von der Katastrophen-Region im Nahen Osten nicht mehr hören kann, sollte dennoch das Buch zur Hand nehmen. Ein faszinierender Essay ist nämlich der Kultur des Judentums gewidmet – einer „Kultur des Verhandelns, des Ausdiskutierens und der Abwägung“. Seit Generationen beruhe die Kultur des Volkes auf der kreativen Spannung zwischen Priestern und Propheten. Lust am Diskurs, ein Urelement der Demokratie, habe in Israels Geschichte eine tief verwurzelte Tradition. Die These des Schriftstellers: Es sei nicht die Thora allein, die über Jahrtausende hinweg das Judentum existieren lasse. Es sei vor allem „die Kraft von Millionen Juden, die sich über viele Generationen hindurch für eine jüdische Identität entschieden“ haben.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht