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Schauspiel

Fatale Mechanismen unbegrenzter Macht

Weltall-Satire mit Anspruch: Das „ueTheater“ holt Stanislaw Lems Kurzgeschichte „Im Namen des Drachen“ in die Neuzeit.
Von Veronika Lintner, MZ

  • Für einen Hungerlohn schneidern teilnahmslose Näherinnen den „Drachenversorgern“ Hosen. Fotos: Lintner

Regensburg.„Wir sind bislang das einzige, dezidiert politisch-gesellschaftskritische Ensemble an der Uni Regensburg“ – so kämpferisch stellt sich das „ueTheater“ im Programmheft vor. Das Ensemble präsentiert derzeit die Science-Fiction-Posse „Vom Nutzen des Drachen“. Die fantasievolle Story hat Biss – eine Weltall-Satire mit hohem politischen Anspruch.

Kurt Raster ist in Personalunion Autor und Regisseur – und ein Revoluzzer auf dem Theater-Campus. Vor 15 Jahren gründete er das „ueTheater“. Schon seit Jahren kämpft er für eine Umbenennung des „Theaters an der Universität“. So klebt auch an diesem Montag der Name „Elly-Maldaque-Theater“ über allen Türen des Foyers. Auf diese Weise will Raster an die Lehrerin Elly Maldaque, ein frühes Opfer des Nationalsozialismus, erinnern. Mit diesem Anliegen stößt er jedoch auf Widerstände und kreuzt die Klingen mit dem Studentenwerk.

Die Bühnenadaption: schlicht

Bei allem Theater um das Theater geht fast unter, welch kreative Energie in dieser Truppe steckt. Diesmal wagen sich die Studierenden in den Weltraum. Die Kurzgeschichte „Im Namen des Drachen“ des Polen Stanislaw Lem erzählt von den Abenteuern des Raumfahrers Ijon Tichy. Er bekommt davon Wind, dass ein gefräßiger Tyrann den Planet Abrasien bedroht. Ein gigantischer Drache herrscht, frisst und wütet dort. Doch jeder huldigt ihm und wirft sich ihm zu Füßen. Tichy begibt sich also nach Abrasien, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Die Bühnenadaption gibt sich schlicht. Drei Zuschauertribünen und eine Großleinwand umranden die Spielfläche. Tichy meldet sich auf der Leinwand zu Wort. Der Abenteurer erzählt in seinem Videotagebuch von überaus verstörenden Beobachtungen auf dem Planeten. Dort begegnet er hungernden Feldarbeitern, die in braune Säcke gekleidet sind. „Ehre sei dem Drachen“, predigen sie. Er trifft auf Näherinnen, die den „Drachenversorgern“ für einen Hungerlohn Hosen schneidern.

Der blinde Gehorsam schockiert

Tichy, wunderbar gemimt von Barbara König, schockiert der blinde Gehorsam vor dem Drachen. Schließlich besucht er eine Attentäterin, die den Despoten beseitigen wollte. Doch sie sitzt nun hinter Gittern.

Lems Geschichte zeichnet mit viel Zynismus ein düsteres Szenario. Rasters Inszenierung ist minimalistisch, aber liebevoll gestaltet. Bühnenzauber? Funktioniert auch ohne Requisitenschlacht. Die Bildprojektionen untermalen eindrücklich die Szenen.

Stanislaw Lem spielte einst spitzfindig auf die Missstände in der Sowjetunion an. Kurt Raster holt die Geschichte in die Moderne, mit Zitaten und Collagen. Demonstranten marschieren auf, während im Hintergrund Bilder von Anschlägen auf Asylheime aufflackern. Und in der Nähfabrik zitiert die Vorarbeiterin aus den Richtlinien des umstrittenen Textil-Discounters Kik.

Abgründiges Bild des Kapitalismus

Diese Mosaiksteine formen in der Summe ein abgründiges Bild des Kapitalismus. Umweltverschmutzung, Armut, Aufrüstung – ein Rundumschlag gegen die Verwüstung der Zivilisation. Dabei schreckt das Stück nicht vor moralischen Schwarz-Weiß-Kontrasten zurück.

Der Plot schlägt aber auch unerwartete Haken. Ist der Drache wirklich die Gefahr? Oder sind es vielmehr seine Handlanger? Und darf eine Revolution mit allen Mitteln kämpfen? So gewinnt die politische Botschaft an Vielschichtigkeit. In diesem Drachen vereinen sich schließlich die fatalen Mechanismen der unbegrenzten Macht. Dabei sind Sorge und Panik das wahre Kraftfutter des Untiers. Tichy weiß: „Macht und Angst sind ein perfektes Paar, denn sie bedingen einander.“

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