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Premiere

Faust als orientierungsloser Lüstling

Goethes Urfaust in einer Fassung für Jugendliche ab 14 Jahren: Eigentlich schade, dass diese Tragödie nur 90 Minuten dauert
Von Ulrich Kelber, MZ

Regensburg. Von wegen „Verweile Augenblick, du bist so schön“: Am Ende kommt Mephisto mit einem großen Kehrbesen und schiebt den am Boden liegenden Faust einfach beiseite, räumt ihn so achtlos weg, als handele es sich um den Kadaver einer Ratte. Schon in der Kerker-Szene, wo Faust doch eigentlich Gretchen befreien und zur Flucht überreden will, ist der gelehrte Doktor nur noch eine schlaffe, leblose Puppe. Dafür wird Gretchen das Wort „gerettet“ gegönnt, das Goethe 1775 in seinem „Urfaust“ noch gar nicht vorgesehen hat.

Regisseurin Caroline Ghanipour zeigt eine sehr eigenwillige, sehr selbstbewusste, aber auch sehr reduzierte Interpretation des Faust-Stoffes. An einen Comic-Strip erinnert bereits das liliputartige Bühnenbild von Peter Engel. In vier Kästchen ist der Raum aufgeteilt. Unten hausen Mephisto und Faust, dessen Studierstube beklemmend eng und niedrig ist.

Darüber residiert Marthe Schwerdtlein, deren Zimmer fast bordellartig wirkt, während der andere Raum völlig kahl bleibt, nur einen Duschvorhang gibt es, hinter dem dann Gretchen erscheinen darf – züchtig und brav genug fürs Jugendtheater. Immerhin lassen sich so Lacher ernten für den Satz: „Nicht jedes Mädchen hält so rein.“

Monolog im Readers-Digest-Format

Mephisto rückt in den Mittelpunkt, wird zu einem diabolischen Marionettenspieler und einer Art Conférencier, der die Handlung mit Prolog und Epilog kommentieren darf. Dazu hat Regisseurin Ghanipour den „Urfaust“ angereichert mit Textpassagen zu Wette und Pakt, die dem späteren, dem eigentlichen „Faust“ entlehnt sind. Mit dem „faustischen Streben“, mit dem verzweifelten Ringen an der Unfassbarkeit der Welt, mit der Frage nach Schuld hat die Regisseurin nicht viel im Sinn. Den großen Monolog verknappt sie auf Readers-Digest-Format, die Schüler-Szene komplett gestrichen. Es geht nicht darum, „was die Welt im Innersten zusammen hält“: Ihr Faust ist ein sexuell frustrierter junger Mann auf der Suche nach Abenteuer.

Modern gibt sich die Inszenierung, zelebriert das aber nicht aufgesetzt und verkrampft. Mephisto, ganz jugendlicher Kumpel, trägt Jeans und kommuniziert per Smartphone. Auf ganze vier Personen wird das Stück beschränkt. Nicht großes, bildmächtiges Theater ist angesagt, geboten wird ein feines Kammerspiel. Schade nur, dass es rigoros auf die Kinolänge von 90 Minuten hin getrimmt wurde, denn viele Szenen hätten es verdient, genauer und intensiver ausgespielt zu werden.

Frau Marthe auf High Heels

Zu sehen ist ein Frauendrama, eine Liebestragödie, wobei Gretchen von der Regisseurin eher konventionell gezeichnet wird. Sie ist kein emanzipiertes Mädchen von heute, das selbstbewusst mit der Sexualität umzugehen weiß. So spielt denn auch Yvonne Klamant dieses Gretchen schwärmerisch und romantisch, mit fast naiv anmutender Liebessehnsucht.

Das ist in der Empfindsamkeit und Verletzlichkeit durchaus bezaubernd, aber ausreichend Zeit, große darstellerische Kontur zu zeigen, bekommt sie erst in der Kerker- und Wahnsinnsszene. Frau Marthe ist ganz und gar nicht abgetakelt, sondern übt sich in lasziven Posen und stakt auf High Heels einher. Doch Beate Weidenhammer vermittelt auf beklemmende Weise auch die desillusionierte Frau mit den unerfüllten Lebenshoffnungen.

Markus Hamele als Mephisto gibt sich als smarter Zyniker oder auch als gelangweilter und angeekelter Spieler, der die Menschen mit böser Freude ins Verderben rennen sieht. Heikel bleibt die Rolle des Faust (János Kapitány), denn sie verengt sich in Ghanipours Inszenierung zu sehr auf den unbedarften Lüstling.

Wenn man bedenkt, dass die begrenzten Mittel fürs Jugendtheater einen engen Rahmen gesetzt haben, so ist an der Aufführung ein hohes Maß an Virtuosität zu bewundern. Sie hat viele packende Momente, vermittelt auch die ungestüme Atmosphäre, die den „Urfaust“ auszeichnet. Und dass sie beim Publikum ankommt, zeigte der riesige Beifall bei der Premiere.

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