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Kultur

Film zeigt die Welt aus van Goghs Augen

Der Künstler und Regisseur Julian Schnabel erzählt das Leben des Malers als große Passion in der Nachfolge Christi.
Von Helmut Hein

Willem Dafoe, erfahren in der Darstellung von Getriebenen und Erlösern, verkörpert Van Gogh in „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“. Foto: picture alliance/dpa
Willem Dafoe, erfahren in der Darstellung von Getriebenen und Erlösern, verkörpert Van Gogh in „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“. Foto: picture alliance/dpa

Regensburg.„Sind denn alle Künstler verrückt?“ Vincent van Goghs Antwort ist klar und bestimmt: „Nur die guten.“ Er gibt sie einem Mitinsassen, während er interniert ist, weil ihn wieder einmal seine inneren Dämonen jagen. In diesem Zustand ist er gefährlich für sich und andere. Vor allem aber bringt er das soziale Leben all der anderen, der „Normalen“ durcheinander. Sein Leben wirkt so verstörend wie seine Kunst. Eine Kunst, welche die Verwalter der allgemein anerkannten Wahrheiten – die Lehrerin, der Pfarrer – nicht als Kunst erkennen können oder anerkennen wollen.

Parallelen zu Nietzsche

Van Gogh geht es so wie zur selben Zeit Nietzsche. Wer der Philosoph oder der Maler künftiger Generationen ist, muss in der Gegenwart leiden, weil diese sich der Umwertung all ihrer Werte aggressiv widersetzt. Wer die Brüchigkeit der herrschenden Verhältnisse erkennt und benennt, wird zum Außenseiter (gemacht). Weil er die Ordnung, die Sicherheit überkommender Überzeugungen, in denen man es sich bequem macht, durcheinander bringt. Die Tradition hat für ein solches Wesen einen treffenden Namen: „diabolos“, der, der alles durcheinanderbringt, zu deutsch: der Teufel.

Regisseur Julian Schnabel weiß, dass man das, was man gern – um es von sich fernzuhalten – „verrückt“ nennt, die Folge gestörter oder verweigerter Kommunikation ist, die einen in die Einsamkeit treibt und mit den eigenen Gedanken allein lässt. Für Schnabels van Gogh ist das Malen eine Art Notwehr. Nur so kann er sein dissidentes Denken halbwegs beruhigen, weil er es in Form von Bildern zum Vorschein bringt, vergegenständlicht. Aber genau wegen dieser fremden Intensität werden diese Bilder auch zum Skandal. Man will nicht sehen, was sie zeigen. Denn sie sind wie eine Wunde, durch die ansonsten verdrängte oder verleugneten Wirklichkeiten in den Alltag eindringen.

Die letzten Jahre in Arles

Schnabel schildert in seinem Film vor allem die letzten zwei Lebensjahre van Goghs, die er in Arles, damals ein kleines Dorf im Midi, dem französischen Süden verbringt. Wie die Impressionisten vor ihm, nur heftiger, ist er auf der Suche nach dem Licht und seinen Wirkungen. Vincents Bruder Theo, ein Kunsthändler, unterstützt ihn finanziell, aber die Größe seiner Kunst kann er kaum ermessen. Der Einzige, der halbwegs versteht, was van Gogh malend um- und antreibt, ist Paul Gauguin (Chris Isaak), der einige Zeit mit ihm in Arles verbringt.

Aber selbst Gauguin nennt ihn einen „Kopisten“, weil er sich so ungeschützt der Natur, dem Vorhandenen aussetzt, statt seine inneren Visionen, das, was sich in seinem Kopf abspielt, aufzuzeichnen. Vincent van Gogh sieht da keinen Gegensatz. Er ist auf der Suche nach dem Ort, wo sich Innen und Außen berühren, wo deshalb das innere wie das äußere Leben verwandelt wird. Van Gogh ist ein religiöser Mensch – er wollte einst Priester werden – in einer säkularen Welt. Er sucht nach Transzendenz, der Film sieht ihn, ein wenig arg pathetisch, „an der Schwelle zur Ewigkeit“.

Auf der Jagd nach dem Licht

Der Regisseur, der selbst Maler ist, geht ein hohes Risiko ein. Er versucht, dem Zuschauer das vor Augen zu führen, was man eigentlich nicht sehen kann: wie van Gogh seine Umwelt wahrnimmt und erlebt, wie er getrieben durch die Landschaft streift, auf der Jagd nach dem Licht und auf der Flucht vor der inneren Unruhe. Schnabel arbeitet exzessiv mit der Handkamera. Die Bilder wackeln, überschlagen sich halb oder entziehen sich der Entzifferung. Und er versucht die Ebenen und Hügel, die Bäume, Blätter, das Schilf, die verdorrten Sonnenblumen so in Szene zu setzen, wie sie auf van Goghs Bildern erscheinen. Ob und wie das gelingt, hängt auch vom Blick des Betrachters, von seiner Bereitschaft ab.

Die Schauspieler des Schnabel-Films

  • Hauptrolle:

    Unbestritten sind die großartigen schauspielerischen Leistungen, vor allem die Willem Dafoes als Vincent van Gogh.

  • Nebenrollen:

    Mads Mikkelsen ist der Priester, der bei aller Bereitschaft fassungslos vor van Goghs Bildern und Erfahrungswelt steht und sich weigert, mit dem bibelkundigen Maler über die Passion Christi zu diskutieren. Emmanuelle Seigner verkörpert Madame Ginoux, die angesichts der Bilder van Goghs und Gauguins eine fremde Faszination empfindet.

Willem Dafoe ist eine Generation älter als der van Gogh, den er darstellt. Aber man merkt das kaum, es stört jedenfalls nicht. Der Schauspieler hat Erfahrung in der Darstellung von Getriebenen und Erlösern, er hält sich gern in Grenzbereichen auf. Verrisse wie in der FAZ verdient Schnabels Film nicht. Eher ist er ein bemerkenswertes Zeit-Dokument – der Zeit van Goghs wie unserer eigenen.

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