MyMz

Kunst

Flugzeuglärm inmitten Weltlandschaften

Wolken-Schinken und Elysium-Behausungen: Die „Aspekte“-Ausstellung„Surroundings“ im DEZ gerät zu einer Stil-Melange.
Von Michael Scheiner, MZ

Mehrdimensionale Wirkung: „Frax_122“ von Raoul KauferFoto: Scheiner
Mehrdimensionale Wirkung: „Frax_122“ von Raoul KauferFoto: Scheiner

Regensburg.„Bei den Bildern von Lena Schabus gibt es schon einen Top-Favoriten bei den Besuchern“, lächelt Ausstellungsmacherin Anjalie Chaubal verschmitzt. „Erraten Sie, welchen?“, wirft sie bei der Eröffnung der Ausstellung „Surroundings“ im Donau-Einkaufszentrum fragend in die Runde. „Das mit Schinken?“, fragt ein Umstehender zurück, nachdem er über die Schulter geschaut und wie alle anderen die knallbonbonbunten Fotografien mit den üppigen Wolkenformationen der jungen Künstlerin gemustert hatte.

„Der Schinken!“, bestätigt die Kunsthistorikerin. Und wie zur Bekräftigung gesellen sich zwei weitere Leute dazu und fahren mit ausholenden Gesten die schweinchenrosafarbene Wolkendecke entlang.

Ein surrealer Blickfang

Farbintensive Verfremdungen und ästhetisch wie handwerklich subtile Überlagerungen, Durchdringungen von gänzlich unzusammenpassenden Motiven gehören zu den auffallendsten Merkmalen von Schabus’ digital bearbeiteten Bildern. Die Serie „Surroundings“ mit Panoramen und Skylines von Großstädten und Landschaften gerät so zu einem surrealen Blickfang. Die gebürtige Passauerin hat die exquisiten Fotoarbeiten eigens für diese Ausstellung im Rahmen der „Aspekte“-Reihe entwickelt.

Neben Schabus sind in diesem Jahr Jürgen Böhm mit Installationen, Alexander Rosol mit Multimedia-Arbeiten, die Digitalpioniere der Künstlergruppe „Pomodoro Bolzano“, der Serealist – wie er sich selbst bezeichnet – Raoul Kaufer und Berthold Kraus aus einer alteingesessenen Regensburger Künstlerfamilie mit dabei. Eine Besonderheit bildet die Beteiligung von Studenten des Vorstudienjahres der Akademie für Gestaltung. Unter Leitung des Dozenten Johannes Paffrath gestalteten die Projektteilnehmer auf den 45 Metern Fläche der Außenwände rasante Geschichten im Stil von Comics und originellen Bildgeschichten. Damit werden neben jungen Leuten, auf die diese „Bildersprache“ unmittelbar zielt, ziemlich sicher auch noch deutlich mehr Konsumflaneure und kunstferne Besucher angesprochen. Ein geschickter Schachzug und eine attraktive Kooperation, die geradezu nach einer Weiterführung schreit.

„Blick und Sinne schulen“

Den englischen Titel „Surroundings“ („Umgebungen“) überträgt DEZ-Geschäftsführer Thomas Zink in seiner Begrüßung in Richtung „Heimat“ und attestiert den beteiligten Künstlern, dass sie „unseren Blick, unsere Sinne schulen“ wollen, damit künftigen, „künstlichen Lebenswelten ein menschliches Maß“ gegeben werden könne. Für Anjalie Chaubal stehen weniger die städtebaulichen Entwicklungen im Fokus der ausgestellten Kunst. Vielmehr seien es „aktuelle politische Gefüge, konstruierte Weltlandschaften, urbane Utopien, veränderte Raumperspektiven“ oder Aspekte unerschlossener Orte, die aus den Bildern und Objekten sprächen.

Durchaus erschlossene Orte aus verschiedenen Epochen, Personen der Zeitgeschichte, Architektur und Objekte packt der Pädagoge und Künstler Berthold Kraus in seine „Weltlandschaften“ genannten Wimmelbilder. Kolossal dicht bevölkerte, großformatige Utopien ziehen beinahe magisch in einen Strudel assoziativer Häppchen und verdichten sich zu einer rätselhaften Aufführung – eine eigenwillige Position zwischen politisch motivierter Pop-Art, sanftem Pointillismus und handwerklich akribischen dreidimensionalen Pop-up-Gebilden.

Auch Raoul Kaufers Serie „Frax“ geschichteter und digital vereister Kompositionen fotografischer Vorlagen wirkt mehrdimensional. Perspektivisch komplex und manchmal klobig wie Heavy Metal erinnern sie gelegentlich an animierte japanische Science-Fiction-Filme. Bei Alexander Rosols poetisch-sanften, unbestimmten Arbeiten „Bodennullpunkt“ (urbane Architektur und industrielle Formen) baut sich beinahe unwillkürlich eine Verbindung zu den experimentellen Fotoarbeiten des Bauhaus-Künstlers Lásló Moholy-Nagy auf.

bis einschliesslich 13. Mai geöffnet

  • Die Reihe „Aspekte“,

    getragen vom BBK Niederbayern-Oberpfalz und der Kaufleute-Vereinigung im DEZ und von der Stadt unterstützt, gilt inzwischen als eine der profiliertesten Schauen für zeitgenössische Kunst aus der Region.

  • Die Ausstellung „Surroundings“

    im Donau-Einkaufszentrum Regensburg, Weichser Weg 5, ist bis einschließlich 13. Mai wochentags von 9.30 bis 20 Uhr geöffnet; der Eintritt ist frei. Kostenlos ist auch der zugehörige 44-seitige Katalog.

Der Jetelova-Schüler Jürgen Böhm spricht mit seiner Installation aus Campingzelten, Fotocollagen und Flugzeuglärm gleich mehrere Ebenen und Sinne an. In abgewandelter Form hat er seine kritisch-humane Auseinandersetzung mit dem Leid und Los von Flüchtlingen, „Elysium. Point of View“ betitelt, bereits vor einem Jahr in der Kunstpartner-Galerie in Adlmannstein der Öffentlichkeit präsentiert. Eine bemerkenswerte Arbeit, die das Potenzial hat, Aggressionen auszulösen und sogar zerstört zu werden.

Unzerstörbar dagegen „Out Take 02.06.2007“ von Max D. Well, Chris Wittkowsky und Johannes Riedmann alias Pomodoro Bolzano. In ihrem Ausschnitt aus dem Projekt „Virtual Haidplatz“ trafen sich virtuelle Musiker und spielten als „Avatar Orchestra Metaverse“ zusammen. Wegen des ungleichmäßig hohen Umgebungslärms im Einkaufszentrum ist nur wenig zu hören. Spaß macht es dennoch.

Weitere Kulturnachrichten lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht