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Literatur

Franzen wird 60 – Kopfstand für Mephisto

Der US-Romancier Jonathan Franzen unterhält seine Leser auf höchstem Niveau. Jetzt feiert er seinen 60. Geburtstag.
Von Helmut Hein

Der amerikanische Bestseller-Autor Jonathan Franzen bei der Vorstellung seines Romans „Unschuld“ im Jahr 2015 in Hamburg“  Foto: Axel Heimken/dpa
Der amerikanische Bestseller-Autor Jonathan Franzen bei der Vorstellung seines Romans „Unschuld“ im Jahr 2015 in Hamburg“ Foto: Axel Heimken/dpa

New York.Jonathan Franzen hat seit den späten 1980er Jahren fünf Romane veröffentlicht. Die ersten beiden („Die 27ste Stadt“ und „Schweres Beben“) floppten, die anderen drei („Korrekturen“, „Freiheit“, „Unschuld“) machten ihn zu einem der meistgelesenen und -diskutierten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Und es kommt bei Franzen noch das „Farbenlehre“-Syndrom hinzu. So wie einst Goethe seine Untersuchungen zur Optik für weitaus bedeutender hielt als alles, was er sonst noch geschrieben hatte, den „Faust“ inklusive, so ist Franzen, seinem Selbstverständnis nach, zwar auch ein rarer Autor und Leser, vor allem aber versteht er sich als „bird watcher“, als ein buchstäblich mit allen Wassern gewaschener Vogelkundler.

Das musste ein Kritiker der „Süddeutschen“ leidvoll erfahren, der Franzens Europa-Aufenthalt dazu nutzen wollte, sich ausgiebig mit ihm über poetische und politische Fragen zu verständigen, sich dann aber unversehens in Gummistiefeln und Windjacke im Schilf-Dickicht eines Seeufers wiederfand – und das einzige, was er dem eher stummen Tierbeobachter entlocken konnte, waren ornithologische Expertisen, gepaart mit dem knappen Hinweis, dass es nur noch einen Roman aus seiner Feder geben werde, dessen Helden alle gefiedert seien. Schöne Aussichten!

Die Lektüre macht süchtig

Denn Franzen-Lektüre kann süchtig machen und einen nach mehr „Stoff“ verlangen lassen. Das liegt vielleicht daran, dass dieser Amerikaner, der viele Jahre studienhalber in München und Berlin verbrachte, eine durchaus paradoxe und das heißt: „weite“ Natur ist. Einerseits fühlt er sich so sehr als Demokrat, dass er seinen Roman „Freiheit“, bevor er noch in die Buchhandlungen kam, ins Weiße Haus sandte, weil er im frischgekürten Präsidenten Obama seinen ersten und besten Leser vermutete. Andererseits aber ist er ein Erz-Konservativer, der den Verlust der Familienwerte (die es so vielleicht nie gab) betrauert und mit allen seinen Kräften um die Integrität der Natur, auch der menschlichen, kämpft. Wobei er aber schöne Lügen, die heutzutage berühmt-berüchtigten „fake news“, als strategische Mittel scheut, weshalb seine dicken Bücher zu den besten, weil präzisesten und detailreichsten Sozio- und Psychogrammen der Mentalitäten, Lebensformen und Gesellschaftsstrukturen der Post-Millennium-Jahre wurden.

Dass er der neuen Zeit wie kaum ein anderer den Puls fühlen konnte, lag – noch ein Paradox – auch daran, dass der „Vatermörder“ Franzen die in seinen Augen ich- und sexbesessenen Exerzitien der unmittelbaren Vorgänger Philip Roth und John Updike entschieden ablehnte und stattdessen seine Vorbilder im 19. Jahrhundert suchte, bei Tolstoi, bei Balzac und Flaubert, bei Dickens und ein wenig auch bei Thomas Mann. Bei Letzterem, weil der bereits virtuos Erzählung und Essay verband und selbst die subtilste Reflexion so gestaltete, dass sich jeder Leser bestens unterhalten fühlen konnte. So verhält es sich bekanntlich auch mit Franzen. Sollten in einer vollkommen durchdigitalisierten Welt alle Informationen verloren gehen – wovon gerade die „Perry Rhodan“-Serie erzählt, die ja ihrer Zeit meist ein wenig voraus ist – und es blieben nur die Romane Franzens übrig, so könnte man aus ihnen ohne weiteres einen großen Teil des aktuellen Wissensbestands rekonstruieren. Denn Franzen schreibt so kenntnisreich über post-strukturalistische Philosophie und die Tücken politischer und moralischer „Korrektheit“ an amerikanischen Universitäten wie über die letzten Jahre der DDR, der „Republik des schlechten Geschmacks“, wie er sie in „Unschuld“ nennt, ohne das übermäßig denunzierend zu meinen.

Buch

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Dass Franzens Romane so reich an Material und an Einsichten sind, verdankt sich der Tatsache, dass er konsequent polyphon und polyperspektivisch erzählt, dass wir also alles – anders als bei Philip Roth – nicht nur mit den Augen eines hervorgehobenen Helden sehen, sondern aus den durchaus verschiedenen, aber sich wunderbar ergänzenden Blickwinkeln vieler Protagonisten erfahren. Es bereitet eine fast schon detektivische Lust, das, was wir schon zu kennen meinen, noch einmal kennenzulernen. Franzens poetisches Prinzip lautet: Panorama. Oder vielleicht besser: Mosaik, wo jeder Einzelne, wie sehr er auch glänzen und glitzern mag, nur Bruchstück, „Scherbe“ ist, die erst zusammen mit anderen zu einem „gerechten“ Text sich verdichtet.

Korrekturen am eigenen Dasein

Hegel hatte einst gesagt, jede Philosophie, die etwas tauge, liefere ihre Zeit „in Gedanken erfasst“. Das gilt natürlich nicht weniger für Literatur, sofern sie von Belang ist. Das entscheidende Kriterium für ihren Rang ist die strikte Zeitgenossenschaft. Franzen hatte da, bei allen Talenten und Verdiensten, über die er zweifellos verfügt, immer auch ein wenig Glück. „Korrekturen“ erschien in den Tagen nach dem 11. September, der ja nicht nur für die USA Zeitenwende und Anlass zur Besinnung war. Warum „Korrekturen“? Weil in diesem – wie immer bei Franzen – Mehr-Generationen-Roman die Nachgeborenen genau zu sehen meinen, durch welche Fehler ihre jeweiligen Eltern ihr (gemeinsames) Leben unheilbar beschädigt haben; was vielleicht sogar zutrifft.

Sie hängen aber auch dem anmaßenden Irrglauben an, ihr eigenes Dasein durch „Korrekturen“ rein und paradiesisch machen zu können; wodurch es freilich erst recht höllenhaft wird. Es bereitet dem an Thomas Mann geschulten Ironiker Franzen eine böse Lust, das dem Leser bis in die letzten Zuckungen vorzuführen.

Damit der daraus lernt? Man kann nur hoffen, dass er vor allem eins begreift: dass nichts so fatal ist wie diese Hybris. In Goethes „Faust“ gibt es einen armen, weil in der Hierarchie nicht sehr weit oben stehenden Teufel namens Mephisto, der „stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Dialektik nannten das die Goethe-Zeitgenossen. Franzen führt uns „gute“ Menschen (jedenfalls in ihrem Selbstverständnis) vor, die aber nur rasendes Unglück für sich und andere produzieren. Das kann komisch sein; wenn man es nicht doch vorzieht, leise zu weinen.

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