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Kultur
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Konzert

Frische Kraft für die Woodstock-Legenden

Zwei neue Bandmitglieder haben Ten Years After einen Tritt in den Hintern versetzt. Das gab’s in Burglengenfeld zu hören.
Von Alois C. Braun

Gitarrist Marcus Bonfanti spielt seine Soli mit ganzem Körpereinsatz. Foto: Braun
Gitarrist Marcus Bonfanti spielt seine Soli mit ganzem Körpereinsatz. Foto: Braun

Burglengenfeld.Die Karriere von Ten Years After kann man wohl in vier Kapitel aufteilen. Am Anfang war die erfolgreichste Ära rund um ihren epochalen Woodstock-Auftritt. Der 2013 verstorbene Alvin Lee wurde damals mit der Bandhymne „I’m Going Home“ zur Gitarrenlegende. Nach dem erstmaligen Auseinanderbrechen folgte zwischen 1989 und 1991 eine Reunion in Originalbesetzung. Dann war Schluss. Teil drei startete 2003 mit Joe Gooch an der Gitarre. Packende Konzerte brachten Ten Years After weltweit zurück auf die Club- und Festivalbühnen.

Als sich Originalbassist Leo Lyons und Gooch 2014 nur noch auf ihr eigenes Projekt Hundred Seventy Split konzentrierten, wurde das vierte Kapitel geöffnet. Altrecke Colin Hodgkinson am Bass und Marcus Bonfanti komplettieren mit den Originalen Ric Lee (Drums) und Chick Churchill (Keyboards) seitdem das Line-up. Und die beiden „Neuen“ schaffen es, dieser Band noch einmal einen gewaltigen Tritt in den Hintern zu versetzen. Und das zeigt sich auch beim Konzert im Burglengenfelder VAZ.

Die Soli mit ganzem Körpereinsatz gespielt

Bonfanti spielt seine Soli mit ganzem Körpereinsatz, steht auch als Sänger im Mittelpunkt. Klar, er spielt oft sehr schnell. Das erfordern die bekannten Songs von Ten Years After. Aber er hat auch das richtige Gefühl für diese im Bluesrock geerdeten Lieder, brilliert ebenso in den langsamen Parts. Ric Lee sagte dazu im Gespräch vor dem Konzert: „Marcus hat mit Leuten wie Big Bill Broonzy oder John Lee Hooker die gleichen Wurzeln wie damals Alvin Lee. Sein Spiel hat die Spontanität zurückgebracht und wie zu Alvins Zeiten jammen wir nun wieder sehr viel.“

Einer der Höhepunkte der Show ist zweifellos Colin Hodgkinsons Basssolo. Es ist schier unglaublich, wie filigran er mit dem Daumen seiner linken Hand in atemberaubender Geschwindigkeit die Saiten anschlägt. Der Linkshänder hat über die Jahre als Musiker in unzähligen Bands definitiv seinen eigenen Stil entwickelt.

Wer Innovation sucht, ist bei Ten Years After falsch

Während des Konzertes ist schnell klar: Diese Band muss sich nichts mehr beweisen, produziert Musik zum eigenen Vergnügen. Locker und gelassen stehen und sitzen Lee, Churchill und Hodgkinson (alle jenseits der 70) auf der Bühne, überlassen Marcus Bonfanti die Show. Und das Publikum in Burglengenfeld zeigt von Anfang an, dass es genau diese fast unbekümmerte Art der Darbietung sehen und hören will. Gepaart mit großartiger Musik natürlich. Aber klar, wer Innovation sucht, der ist bei einem Ten Years After-Konzert definitiv falsch.

Diese Musik ist aus der Zeit gefallen, hat aber trotzdem nichts an Relevanz verloren. Das beweist die Band auch mit ihrem aktuellen Album „A Sting In The Tale“. Wie im Konzert wurde auch im Studio auf höchstem musikalischen Bluesrock-Niveau munter drauflos gespielt. Lee bestätigt, dass man gar nicht erst versuchte, den neuen Songs einen gewohnten Sound aufzuzwingen. Wohl gerade deshalb ist es aber das typischste Ten Years After-Album seit vielen Jahren geworden. Drei Songs davon sind im VAZ auf der Setlist des 100-Minuten-Programms. Einer davon, „Land Of Vandals“, eröffnet das Konzert.

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Ansonsten gibt es natürlich die bekannten Titel zu hören. Der schwere, zäh groovende Blues „One Of These Days“, das dynamisch aufgebaute „I’d Love To Change The World“ oder das locker dahinpolternde „Hear Me Calling“ zeigen die Stilbreite, in der sich die Band bewegt. Dazu kommen die zum Allgemeingut avancierten Riffs der Rockgassenhauer „Love Like A Man“ und „Good Morning Little Schoolgirl“. Letzteres wartet als Highlight mit einem feurigen, weil teilweise improvisierten Bass-/Gitarrensolo auf.

Aktuelle Besetzung spielt klasse Rock-Konzerte

Bonfanti und Hodgkinson stehen sich ohne Bandbegleitung Auge in Auge gegenüber, fordern sich heraus und feuern sich an. Auch diese Szene ist ein Beleg dafür, dass diese Zwei nochmal Frische in die Band gebracht haben. Aber seit Woodstock, seit 1969, ist viel Zeit vergangen. Die verschiedenen Band-Inkarnationen, mit Alvin Lee, Joe Gooch und jetzt mit Marcus Bonfanti, kann man nur bedingt vergleichen. Fakt ist, dass die aktuelle Besetzung klasse Rock-Konzerte spielt und nicht nur in Burglengenfeld das Publikum begeistert. Die beiden Rock ‚n‘ Roll Songs „I’m Going Home“ und „Choo Choo Mama“ sind da am Ende des Konzertes nur noch das Sahnehäubchen. Es verwundert nicht, dass die Fan-Schlange am Merchandisestand recht lang ist, als die Band dort Autogramme gibt.

Nach Ten Years After gingen Rough Silk auf die Bühne und boten mit einem ausgefeilten und durchdachten Progrock einen wunderbaren Kontrapunkt zum Gitarrenrock der Headliner. Begonnen hatte der Abend mit Tana Nile. 28 Jahre lang waren die Regensburger nicht mehr in Triobesetzung aufgetreten. In Burglengenfeld überzeugten sie als Anheizer mit ihrem eingängigen Gitarrenrock. Diese Band hat einfach Klasse und deshalb das Publikum vom ersten Moment an auf seiner Seite. Aber wer hätte von diesem Urgestein auch etwas anderes erwartet.

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