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Musik

Frische Töne und satte Klangfülle

Die Russische Nationalphilharmonie beeindruckte die Zuhörer im Audimax ebenso wie der junge Pianist Ivan Bessonov.
Von Claudia Böckel

Die Russische Nationalphilharmonie mit Dirigent Vladimir Spivakov überzeugte mit sattem Klang. Foto: altrofoto.de
Die Russische Nationalphilharmonie mit Dirigent Vladimir Spivakov überzeugte mit sattem Klang. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Russische Seele in Reinform bot die Tschaikowsky-Gala bei Odeon Concerte. Man spielte ein reines Tschaikowsky-Programm, nur kurz unterbrochen von der Zugabe des jungen Pianisten Ivan Bessonov, der Chopins Fantasie-Impromptu op.66 zauberhaft und mit jugendlicher Frische interpretierte, im Mittelteil die Melodie charmant herausarbeitete.

Dieser 16-jährige Junge, aus einer St. Petersburger Musikerfamilie stammend, gewann Ende August den Wettbewerb „Eurovision Young Musicians 2018“, mit der Interpretation von Tschaikowskys drittem Satz des 1. Klavierkonzerts. Auch bei anderen Wettbewerben holte er erste Preise, komponiert und spielt nicht nur Klassik, sondern auch Jazz.

Seit er als begnadeter Geiger, als Gründer und Leiter der berühmten Moskauer Virtuosen sowie als Dirigent den Westen eroberte, ist Vladimir Spivakov weltweit hoch angesehen. Foto: Tatyana Andreeva
Seit er als begnadeter Geiger, als Gründer und Leiter der berühmten Moskauer Virtuosen sowie als Dirigent den Westen eroberte, ist Vladimir Spivakov weltweit hoch angesehen. Foto: Tatyana Andreeva

Zusammen mit der Russischen Nationalphilharmonie unter der Leitung von Vladimir Spivakov spielte er eben jenes erste Klavierkonzert Tschaikowskys, das im Dezember 1874 fertig skizziert war. Der Widmungsträger Nikolai Rubinstein empfand es allerdings als unspielbar und kritisierte es scharf. Daraufhin änderte der Komponist die Widmung zugunsten Hans von Bülows, der überschwänglich antwortete: „Ihr Konzert ist so originell in den Gedanken (aber niemals gekünstelt), so vornehm, so stark, so interessant in den Details… Kurz, es ist eine wirkliche Perle, und Sie verdienen den Dank aller Pianisten.“

Nicht poetisch – aber frisch

Die schwungvolle Melodie der Introduktion zum Kopfsatz entstammt der ukrainischen Folklore, ist der „Gesang der Bettler“. Dieser immer wieder überwältigende Einstieg mit den mächtigen Klavierakkorden, den Hornrufen und den korrespondierenden Tutti-Schlägen im Orchester hatte zwar in dieser Interpretation nichts Poetisches, nichts Geheimnisvolles, nichts besonders Raffiniertes, kam aber frisch und ungestüm daher.

Spivakov ist kein Dirigent der kleinteiligen Arbeit. Er stellte eher Klangflächen nebeneinander und vertraute auf den satten Klang seines sehr groß besetzen Orchesters. Der Streichersound ist bei ihm nicht unbedingt auf Klarheit getrimmt, da stehen schon dichtestes Vibrato und absolute Klangfülle im Vordergrund. Umso schöner kontrastierte dazu der meist durchsichtige Klavierklang, der nur in den höchsten Lagen manchmal ein wenig blechern schien. Hier kann der technisch mit allen Wassern gewaschene junge Pianist, der sonst erstaunlich viele kräftige Farben aus dem Klavier herausholte, mit Körperspannung noch einiges erreichen.

Schicksalsproblem als Idee

Der zweite Satz geriet weitgehend duftig, changierte zum Ende hin sehr schön mit feinen Klängen, wenn auch die Orchesterpizzicati oft nicht zusammen waren. Die Kadenz des Schlusssatzes nutzte Bessonov dann, um wirklich in die Tasten zu donnern. Das muss bei Tschaikowsky auch mal sein.

Der 5. Sinfonie e-Moll op. 64 liegt als poetische Idee das Schicksalsproblem zugrunde. Ein marschartiges Thema eröffnet die Sinfonie und wird vom Komponisten als Motiv der „vollständigen Beugung vor dem Schicksal“ gedeutet. Es erscheint in allen vier Sätzen quasi als Generalthema. Die Russische Nationalphilharmonie vereinigt die musikalische Elite St. Petersburgs und Moskaus.

Die Musiker

  • Die Russische Nationalphilharmonie:

    Das Orchester ist im Jahr 2003 gegründet worden und ist mittlerweile ein Symbol des neuen und modernen Russlands, Es ist eins der bedeutendsten Orchester Moskaus. An der Spitze steht Vladimir Spivakov.

  • Ivan Bessonov:

    Seit dem Jahr 2012 studiert er Klavier an der Moskauer „Zentralen Musikschule für besonders begabte Kinder“ beim Moskauer Konservatorium bei Vadim Rudenko. Im Alter von sechs Jahren hat er mit dem Klavierunterricht begonnen.

Die Bläser erwiesen sich bei dieser Sinfonie als die großen Stars. Der Solohornist, die Klarinetten agierten mit unglaublicher Präsenz auch in extremen Lagen. Der Dirigent holte diese Passagen auch immer wieder aus dem Klanggeschehen heraus, obwohl er sonst wieder eher flächig, nicht unbedingt strukturierend interpretierte. Manchmal gab er den Musikern einfach zu wenig Raum zum Atmen und zu wenig Freiheit. Dann wieder gelangen ihm große Aufschwünge, mit viel Entwicklungspotential.

Beeindruckend ist diese Musik immer. Allein der unglaublichen Klangfülle kann man sich nicht entziehen, man kann darin baden wie in den Weiten der russischen Landschaft und der russischen Seele.

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