MyMz

Fritsch erfasst die Welt im Wortsinn

Werner Fritsch, der einzige Oberpfälzer Autor, der bei Suhrkamp verlegt wird, feiert seinen 60. Geburtstag im Norden Afrikas.
Von Peter Geiger

Vor knapp vier Jahren erhielt Werner Fritsch in Amberg den Kulturpreis des Freistaats Bayern in der Kategorie „Literatur“. Seinen 60. Geburtstag aber feiert er unter dem schützenden Himmel Marokkos.  Foto: Peter Geiger
Vor knapp vier Jahren erhielt Werner Fritsch in Amberg den Kulturpreis des Freistaats Bayern in der Kategorie „Literatur“. Seinen 60. Geburtstag aber feiert er unter dem schützenden Himmel Marokkos. Foto: Peter Geiger

Rabat.Nein, natürlich darf ein Geburtstags-Gratulationstext über Werner Fritsch nicht auf jenen Satz verzichten, den ihm der große Herbert Achternbusch einst – da war er 15 und noch Schüler am Kepler-Gymnasium in Weiden – ins Stammbuch diktiert hat. „Schau auf Deine Provinz!“

Werner Fritsch, der heute 60 Jahre alt wird, beherzigt diesen Auftrag schon sein gesamtes Künstlerleben lang. Seine Interpretation freilich hat ganz und gar nichts Provinzielles, Beschränkendes oder Ausschließliches. Im Gegenteil: Sein Blick ist stets darauf gerichtet, vom Ausgangspunkt der eigenen Herkunft, seiner höchst persönlichen Provenienz also, die ganze Welt im Wortsinne zu erfassen.

Das war so mit seinem Romandebüt „Cherubim“ (ausgezeichnet mit dem Robert-Walser-Preis), mit dem er 1987 einem Außenseiter, dem Knecht Wenzel, der auf dem elterlichen Hof der Hendlmühle ganz in der Nähe von Tirschenreuth lebte, ein Denkmal aus Sprache errichtete. Und das zieht sich auch durch sein preisgekröntes Hörspielwerk (unter anderem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ und der „Prix Marulic“), etwa in „Bach“. Darin wird das Geräusch des Hendlmühlbachs als generationsübergreifendes Moment verewigt: „Ich bin, das Rauschen dieses Baches im Ohr, hier geboren worden. Genau so, wie mein Vater.“

Exemplarisches Familiendrama

Was da aber so leichtfüßig und aus dem Brunnen der Autobiografie geschöpft daherkommt, das ist der Ausgangspunkt eines Dramas von kaum vorstellbarer Wucht: Die Eltern seines Vaters nämlich wurden erschossen, bei eben diesem Geräusch des Baches, in den ersten Tagen nach dem Zweiten Weltkrieg. Und zwar von einem vormaligen Konzentrationslagerhäftling, der in Auschwitz das Grauen dieser Welt erfahren hatte. Dieses Motiv der Herkunft wiederum greift Werner Fritsch auch in seinem Mammutwerk „Faust Sonnengesang“ auf. Es ist multimedial angelegt und möchte, wie die Finger einer Hand, alle fünf Kontinente der Erde umfassen. Ausgangs- und Anfangspunkt wiederum ist seine eigene Geschichte. Im zweiten Teil nämlich widmet sich Werner Fritsch der höchstpersönlichen Familiensaga – und führt sie exemplarisch vor, für dieses Land.

Nach einem Horrorwinter ist Werner Fritsch im Februar in Marokko gelandet. Dezember und Januar hatten ihm so viel abverlangt, dass er Tag und Nacht damit beschäftigt war, Projekte zu Ende zu bringen. Als Gastprofessor für das Fach „Dramatik / Neue Medien“ unterrichtet er Studierende am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und erarbeitet mit ihnen die Weltgeschichte der Dramen, von Sophokles bis Beckett.

Das afrikanische Licht

Dann musste ein neues Drama fertiggestellt werden, ein Stück über die „Zeichen und Wunden der Resl von Konnersreuth“. Jetzt, zu seinem Geburtstag, hätte es am Stadttheater in Ingolstadt uraufgeführt werden sollen. Auch die TV-Fassung des vierten Teils seines Sonnengesangs musste in die Post-Production.

Als er endlich am Ende war, floh Fritsch, wie einst Goethe, zwar nicht nach Italien, aber ins so lichtstarke Marokko. Er ließ das lärmende Berlin, wo er im Stadtteil Mitte sein Arbeitszelt aufgeschlagen hat, hinter sich und besuchte „Kraftorte“. Der Oberpfälzer begab sich auf die Spuren der Beat-Generation und stand am Grab von Jean Genet. Dort filmte er und sammelte Material für den fünften, nunmehr afrikanischen Teil des Sonnengesangs. Und dann kam Corona.

Zwei Frauen, Dr. Susanne Baumgart vom Goethe-Institut und Alicia Padros, ist es zu verdanken, dass er Schutz finden konnte unter dem Himmel der ebenfalls von Ausgangsbeschränkungen betroffenen marokkanischen Hauptstadt Rabat. Hier trinkt Werner Fritsch den frisch gepressten Saft der Sonnenfrucht Orange, liest viel, arbeitet, schreibt und macht Yogaübungen. Und hält digital Verbindung zu allem, was seine Herkunft ausmacht.

Weitere interessante News und Artikel aus unserem Kulturressort gibt es hier.

Werner Fritschs Mammutwerk

  • Film:

    „Faust Sonnengesang“ gibt es auch als Film. Pünktlich zum 60. Geburtstag hat Werner Fritsch die ersten zwölf Stunden und damit die Hälfte „im Kasten“. Darin unternimmt er den Versuch, die „um den Globus geballte Faust aus Gier, Geiz und Gewalt zu öffnen“.

  • Notwendig:

    Fritsch will der Welt Hoffnung spenden, und zwar im Namen aller derer, die noch mehr Atem in der Brust haben und die Möglichkeit, gegen die Wirklichkeit zu setzen. Das ist nämlich das, was in den Augen des Oberpfälzers nottut. Es ist das Not-Wendige.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht