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Regensburg.

Fünf klickende Damenbeine im Kreis

Veronika Schneider und ihre Schleichmaschine „Puppenrhizom“

Früher war das Original-Equipment in der Strumpf-Boutique. Foto: Zwicknagl

Von Uta von Maydell, MZ

Kaum hat man sich an die Oba-Manie gewöhnt, schleicht ein neues Virus in unsere Stadt. Es hat ebenfalls Spätfolgen und hört auf den Namen „Puppenrhizom“. Das heißt: Hören kann es eigentlich nicht – wegen angeborener Kopflosigkeit. Aber eben das macht seinen Witz aus.

Die Rede geht von Veronika Schneiders aktueller Ausstellung in der Sigismund-Kapelle; und nach anfänglicher Irritation geht sie dem Betrachter so schnell nicht aus Kopf: Fünf einzelne Damenbeine, an einem kreisförmigen Metall-Rahmen fixiert, scheinen auseinanderzustreben, jeweils in Laufrichtung. Besagte „Gehwerkzeuge“ sind von makelloser Form, haben früher im Schaufenster einer Strumpf-Boutique posiert und stehen in harschem Kontrast zu ihrem kruden Halter: Attribute weiblicher Schönheit kontra karge Technik. Das ist die „Schleichmaschine“, per Knopfdruck in Gang zu setzen. Wirklich gehen kann sie freilich nicht; die einzelnen Extremitäten zucken und trippeln in fünf verschiedene Richtungen, treten buchstäblich auf der Stelle.

Als ähnlich folgenlos erweist sich die vorgebliche Dynamik zweier Puppenrhizome. Ein Zelluloid-Körperchen – wie sie unzählige Kinderzimmer bevölkern – sprießt da aus Schulter- oder Hüftgelenk des anderen und jedes geht ständig neue Verbindungen ein. Etwas Gruseliges hat dieses Gewirr aus knubbeligen Armen und Beinen, denn Schneider hat ihre „models“ sämtlich enthauptet und macht so deutlich: Es reicht eben nicht, wenn etwas Hand und Fuß hat. Entstanden sind amorphe Massen, führungslos und in sich selbst gefangen. Spannend ist der Kontrast zum architektonisch ausgewogenen Kapellen-Raum, und lediglich ein androgyner, lebensgroßer Torso vor der Apsis vermittelt Menschenwürde. Mit einigen Zeichnungen geht die junge Künstlerin auf den biologischen Hintergrund von Rhizomen ein, „erzählt“ von Ingwer-Knollen oder Schwertlilien, die nach dem Prinzip gedeihen; ergänzend ein Video von Jürgen Jagoda über unendliches Gemüse-Putzen und andere Küchenarbeit, eine Woche lang.

Die Ausstellung „Puppenrhizom“ ist zugleich Diplomarbeit; Schreiner studiert an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein (Halle). Beim Aufgabengebiet „Figurative Rauminstallation“ war ihr klar: „Du musst wirklich etwas damit anfangen können!“ Und das Phänomen der Rhizome hat in der Philosophie immer wieder eine Rolle gespielt (Bei Deleuze/Guattari etwa). Im Einführungsgespräch mit Kunst-Kämpfer Jürgen Huber fielen erhellende Stichworte zum Thema: Bedeutung der Puppen im Surrealismus, des Rhizoms im Poststrukturalismus, Phantasien sexueller Gewalt, Kindchen-Schema und Bedeutung der Puppe als Frauenbild oder der Rhizom-Methode als Möglichkeit, Normierungen zu sprengen. Ein weites Feld also, da kann jeder wieder ins Grübeln kommen. Zur Vernissage machte sich die Schleichmaschine auch akustisch auf die Beine, Dank Pomodoro Bolzano und Transponder-Fish. Jedes Klicken und Knacken der „Gelenke“ und alle Geräusche im Ausstellungsraum wurden per Mikro zu einer faszinierenden Klang-Kulisse verwoben.

Bis 29. November in der Sigismundkapelle im Thon-Dittmer-Palais

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