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Innovation

Für 20 Euro wird jeder zum „Artionär“

Im Museum Ulm präsentieren die Regensburger Künstler Raoul Kaufer und Peter Nowotny ihr Kunstprojekt „Artperium“.
Von Harald Raab, MZ

Das Kunstobjekt im Lichthof des Ulmer Museums      Foto: Nowotny
Das Kunstobjekt im Lichthof des Ulmer Museums Foto: Nowotny

Ulm.Als Aktionär Millionär zu werden – wer träumt nicht davon? Und wenn man dann auch noch prestigeträchtige Millionenkunstwerke erstehen könnte, was wollte man mehr? Zumindest das potenzierte Selbstwertgefühl kann man jetzt auch über die Teilnahme an einem weltumspannenden Kunstwerk und Millionenspiel erwerben.

Kunst als Wert und als Ware: Über die Internet-Kunstplattform „Artperium“ kann man für kleines Geld „Artionär“ werden und sich nebenbei an der Entstehung eines fußballfeldgroßen Bildes beteiligen. Das Ulmer Museum propagiert: „Artperium ist ein dynamisches, partizipatorisches Projekt, das den Kunsthandel zum Kunstgegenstand macht und dabei einen Einstieg bietet, in einem wachsenden Netzwerk mitzuwirken. Auf der Artperium-Plattform lassen sich namhafte Kunstwerke aus verschiedenen Epochen in virtueller Auflösung finden.“

Das Museum der schwäbischen Stadt stellt zurzeit ein Beispiel für den analogen Teil des ansonsten meist virtuell-digitalen Projekts vor. Autoren sind die Regensburger Künstler Raoul Kaufer und Peter Nowotny. Sie sind schon öfter als innovative Grenzgänger zwischen bildender Kunst und Sozialem, Analogem und Digitalem, In-stallation und Performance in Erscheinung getreten.

Nur ein winziger Ausschnitt

Im Museum Ulm geben sie an einer elf Meter hohen Wand analog Einblick in ihr originelles Konzept. 452 Täfelchen aus Alu-Dipond, jedes 20 mal 20 Zentimeter groß, repräsentieren einen winzigen Ausschnitt aus dem berühmten Schüchlin-Gemälde „Erhebung der Heiligen Maria Magdalena“. Jedes Täfelchen bildet vier mal vier Pixel des digital umgesetzten Kunstwerks ab. Über 60 000 Täfelchen wären notwendig, um das gesamte Gemälde darzustellen. Das wäre ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Um aus der gigantischen Auflösung wieder das Schüchlin-Bild für das menschliche Auge erkennbar machen zu können, bedürfte es eines meilenweiten Abstands.

Die Grundidee des hochartifiziellen Projekts beschreibt Raoul Kaufer so: „Ausgangspunkt ist das Geschehen auf dem hypertrophen Kunstmarkt, das wir auf seinen Kern heruntergebrochen haben. Ihn machen wir zum Inhalt unserer Kunst, das Spiel um den Warenwert und den ideellen Wert im Kunstgeschehen. Es geht dabei auch um reales Geld.“

Man wird zum Mitbesitzer

Der Besitz von 16 Pixel unter der Bezeichnung Merce, durch ID-Nummer bestätigt, kostet 2,50 Euro im virtuellen Teil des Projekts. Wer eines der materialisierten Täfelchen erwerben will, muss 20 Euro überweisen. So wird man gleich einem Aktionär als „Artionär“ Mitbesitzer eines Kunstwerks. Wenn Begehrlichkeit vorhanden ist, könnte der Wert jedes Anteils beträchtlich steigen und zu einem intensiven Handelsgeschehen beitragen – Kunst als Spekulationsobjekt einmal anders herum gesehen.

Peter Nowotny erläutert: „Jeder Mensch, der ein oder mehrere Merce erwirbt, wird selbst Teil des Kunstwerks. Wenn er sich die Täfelchen an die Wand hängt, dann hat er im Kopf das ganze Bild. Das Täfelchen ist ein winziger Ausschnitt. 16 Pixel, das ist ja gar nichts. Die unterschiedlichen Farbflächen haben die Anmutung von konkreter Kunst und sind doch Teil eines historischen Bildwerks.“

„Wir schaffen Kunstbesitz für alle“

Auch rechtlich seien die Mitspieler und Käufer auf der sicheren Seite: Einbezogen in das Projekt würden nur Bilder, bei deren Abbildungen die Urheberrechte abgelaufen seien. Sie müssen in der Regel älter als 70 Jahre sein. Der Künstler weiter: „Wir schaffen sozusagen Kunstbesitz für alle und machen eine Kunstperformance. Weltweit kann man daran teilnehmen.“

Mit einer speziellen Software sind die Abbildungen der Gemälde im Internet dargestellt. Interessierte können sich wie bei Google Maps in die Bildfläche einzoomen und sich genau die Stellen des Werks heraussuchen, die sie möchten. Durch den Erwerb werden sie für andere Liebhaber gesperrt. Der Besitzer kann seine Merce jedoch auch zum Weiterverkauf anbieten. Später soll eine eigene Plattform dazukommen, auf der die Pixel gehandelt werden können. So entstünde über das Bild ein soziales Netzwerk. Um jedes Bild könnte sich eine eigene Interessengemeinde formieren.

Ein Spiel mit den Widersprüchen

Raoul Kaufer hat das „Artperium“-Kunstprojekt zusammen mit seinem Partner Peter Nowotny initiiert. Er sagt: „Indem wir ein Bild millionenfach zerlegen, machen wir ein Massenprodukt daraus. Das entspricht exakt der kapitalistischen Produktionsweise. Wir spielen gewissermaßen mit den Widersprüchen im System.“

Einerseits sei es ein Auflagenprodukt, andererseits stelle es sich als Unikat vor. „Ein ganzes Bild in all seinen Pixeln zusammenzubekommen, das wäre der Idealfall. Es käme zu einer Woge der Spekulation, auf der geritten werden könnte“, so Kaufer. Man kann sich unter www.artperium.com über das Kunstprojekt informieren und „Artionär“ werden.

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