MyMz

Höchstpersönlich

Galeristin mit Lust an der Entdeckung

Andrea Madesta setzt mit ihrer Regensburger Galerie Akzente. Ihr Weg hin zur eigenen Galerie gleicht einer Achterbahnfahrt.
Von Helmut Hein, MZ

Andrea Madesta ist Inhaberin der Galerie Madesta in der Obere Bachgasse. Foto: altrofoto.de
Andrea Madesta ist Inhaberin der Galerie Madesta in der Obere Bachgasse. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Danach“, sagt Andrea Madesta und sitzt dabei ganz gelassen im sonnendurchfluteten Wintergarten mit Blick auf den Dörnbergpark, „danach war ich karrieretechnisch vernichtet.“ Eigentlich will sie über ihren jähen „Rauswurf“ (O-Ton Madesta) aus der Ostdeutschen Galerie in Regensburg überhaupt nicht mehr reden. Sie hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Alles ist gut. Aber ein Verständnis dieser Ereignisse ist zu wichtig für ihre Biographie, um sie vollkommen außen vor lassen zu können. Was waren die Gründe für das Zerwürfnis, was die Motive der Beteiligten?

Unmittelbarer Auslöser der Krise war Madestas Idee, Andy Warhol zu zeigen. Das hätte der Galerie zwar überregional Renommee verschafft, aber vielen passte die ganze Richtung nicht. Ihr Argument: Was hat denn dieser „Amerikaner“ mit dem Stiftungsauftrag der Ostdeutschen zu tun? Der galt einst der Pflege der Kunst aus den früheren deutschen Siedlungsgebieten im Osten Europas, nach 1990 dann auch dem Austausch und der Zusammenarbeit mit den neuen post-kommunistischen Gesellschaften. Viele, die Warhol partout nicht wollten, wussten offenbar gar nicht, dass die Familie Warhola, so der ursprüngliche Name, direkt aus diesen Gebieten stammte, dass der „Amerikaner“ Warhol also auch, wie so viele Deutsche, gewissermaßen ein Vertriebener war.

Eine Reihe exzellenter Ausstellungen realisiert

Madesta wurde jedenfalls irgendwann zu Hans Schaidinger zitiert und der damalige Oberbürgermeister präsentierte ihr einen fertig ausgearbeiteten Auflösungsvertrag, den sie sofort unterschreiben sollte. Die völlig überraschte Andrea Madesta weigerte sich. Nur wenige Stunden später erschien dann ein Bote in der Ostdeutschen, der ihr die fristlose Kündigung aushändigte. Ein Einschnitt, der sich für Madestas Karriere zunächst als fatal erwies. Andrea Madesta konnte sich so oft und wo auch immer sie wollte bewerben: Die fristlose Kündigung schreckte potentielle künftige Arbeitgeber ab.

Dabei, sollte man meinen, war Madesta zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr naiv, sondern mit allen Wassern des politischen Geschäfts gewaschen. Schließlich leitete sie fünf Jahre lang (von 2004 bis 2009) das Museum Moderner Kunst Kärnten. Landeshauptmann in Klagenfurt war zu dieser Zeit der berühmt-berüchtigte Jörg Haider. Und wie war Haider als Chef? „Eher zurückhaltend, er hat sich nicht eingemischt, persönlich war er ganz charmant. Und: Seine Frau – die offenbar etwas von Kunst verstand – war ein Fan von mir.“

Zu Recht. Denn Andrea Madesta realisierte in dieser Zeit eine Reihe exzellenter Ausstellungen: zum Beispiel eine wunderbare Georg-Herold-Retrospektive mit Bildern, Plastiken und Holzarbeiten des Künstlers (2005), im Jahr darauf dann „Körperbilder“ von Maria Lassnig, die schon damals als die wichtigste österreichische Künstlerin galt und deren internationaler Ruhm jetzt, postum, größer denn je ist. 2007 schließlich eine Werkschau „Skulptur und Malerei“ des amerikanischen Künstlers Donald Baechler. Allein diese drei Namen zeigen, auf welchem nicht-provinziellen Niveau Madesta damals dachte und arbeitete. Sie hatte aber nicht nur die „big names“ im Auge, sondern man spürt an vielen ihrer Ausstellungen ihre Lust an der Entdeckung, ihre Neu-Gier nach neuen Formen und Inhalten der Kunst, die Patenschaft, die sie für junge Künstler übernahm.

Markus Lüpertz (l.) beim Rundgang durch seine Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Foto: altrofoto.de
Markus Lüpertz (l.) beim Rundgang durch seine Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Foto: altrofoto.de

Man merkt bei Andrea Madesta immer, dass sie beides ist: Kunstwissenschaftlerin (promoviert wurde sie mit einer Arbeit über Ernst Ludwig Kirchner) und Kuratorin. Wenn sie Ausstellungen konzipiert, dann ist immer auch der forschende Blick unübersehbar. Etwa wenn sie unter dem Titel „Von Morphiumteufeln und Nebenmenschen“ Alfred Kubins „Nebenwelten“ erkundete; oder sie sich bei der umfassenden Werkschau des Avantgardisten Adolf Hölzel (1853-1934) nicht nur für den Künstler, sondern auch für den Theoretiker interessierte. In der Ostdeutschen Galerie zeigte sie auch Arbeiten von Markus Lüpertz, der bis heute zu den Fixsternen an ihrem Kunsthimmel gehört.

Und was kam nach der ersten Regensburger Zeit? Da muss Andrea Madesta, mitten im Gespräch, doch tief durchatmen: eine Phase der Desorientierung. So könnte man das, was sie sagt, zusammenfassen, eine harte Zeit der Abweisungen. Sie lernte unsere Gesellschaft als alleinerziehende Mutter ganz von unten kennen; dort geht es nicht schön und nett zu. Und sie fiel – Schwäche macht einen bedürftig und gutgläubig – einem Betrüger in die Hände. Sie will darüber nicht groß reden. Nur so viel: „Der sitzt heute in Moabit“, dem legendären Berliner Knast. Man spürt bei diesem knappen Hinweis die Genugtuung und kann sich in etwa vorstellen, was Andrea Madesta widerfuhr.

Aber 2013 war sie wieder obenauf. Für das Museum Frieder Burda in Baden-Baden gestaltete sie eine große Emil-Nolde-Ausstellung. Titel: „Die Pracht der Farben.“. Und dann, mittendrin in der schönsten Arbeit, kam der Moment der Entscheidung. Sie erfuhr, dass Peter Bäumler, der große Galerist, der die Regensburger Kunst-Szene über Jahrzehnte geprägt hat, seine Galerie schließen wollte. Das hatte sie gerüchteweise schon öfter gehört, weil schließlich der Weg in den Ruhestand lang und umwegereich ist. Aber diesmal war es wirklich so weit: Bäumler hörte auf.

Die schönen Räume in der Bachgasse haben es ihr angetan

Und in Andrea Madesta regte sich sofort eine Art Lüsternheit – die schönen Räume in der Oberen Bachgasse, das Renomme der gut etablierten Galerie – und auch eine Menge Wagemut: Andrea Madesta, die bisher fast immer im „öffentlichen Dienst“ gearbeitet hatte – vor ihrer Zeit in Regensburg und Klagenfurt auch schon in der Kunsthalle Nürnberg –, wollte sich selbständig machen! Peter Bäumler, der an seiner Galerie hing, sah das mit Wohlwollen – natürlich auch, weil Madesta ihm eine Ablösung zahlte. Und so machte, kurz nachdem sie geschlossen hatte, die „Galerie Peter Bäumler“ wieder auf. Und man musste schon sehr genau hinschauen, um den Zusatz zu entdecken: „Inhaberin Andrea Madesta.“ War das ihre Idee oder seine? „Das war meine Idee und Peter Bäumler war einverstanden“, sagt die Galeristin.

Der alte Name sollte so eine Art Sicherheitsnetz sein, der doppelte Boden beim beginnenden Drahtseilakt. Aber den hat die Wagemutige seit einiger Zeit offenbar nicht mehr nötig: Die neue alte Galerie heißt jetzt ganz offiziell nach der, die sie betreibt: „Andrea Madesta“. Und Andrea Madesta setzt, vorsichtig, aber unübersehbar, neue Akzente. Im Vergleich der beiden Galerien – Bäumler und Madesta – kann man beides entdecken: Kontinuität und Veränderung. Was bleibt, ist die Vorliebe für die amerikanische Moderne und Postmoderne, nicht zuletzt für Pop Art. Ein wenig auf der Strecke geblieben sind die lokalen Kunst-Heroen: Peter Wittmann und Günter Kempf, die Bäumler über Jahrzehnte zeigte und pflegte. Madesta hat es, auch aus Loyalität, noch mit einer Kempf-Ausstellung versucht. Aber das Resultat war wohl für beide Seiten nicht befriedigend. Madesta betont, dass sie sich internationaler orientieren möchte.

Kommunikation mit den Kunden ist der Galeristin wichtig

Und wie kommt man zu „seinen“ Künstlern? Sie beschreibt die üblichen Verfahren: Besuch möglichst vieler Messen, Katalogstudium, Empfehlungen von Künstlern, mit denen man schon zusammenarbeitet und denen man deshalb vertraut. Und sie geht auch neue Wege bei der Kommunikation mit den Kunden, veranstaltet zum Beispiel Vor-Vernissagen mit geladenen Gästen. Auch in der Hoffnung, in diesem Rahmen besser ins Gespräch zu kommen. „Das ist nicht ganz billig“, sage ich, der Autor und Kunstliebhaber, in der Erinnerung an das üppige Catering. „Das stimmt“, bestätigt Andrea Madesta, „aber dafür schalte ich lieber keine Anzeigen.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht