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Bücher

Gedichte sind Geschenke von Gott

Friedrich Hirschls Lyrik skizziert den Alltag auf feine Art. Am 15. September erscheint ein neuer Band.
Von Emma Miesler, MZ

  • Wenn die Worte kommen, drängen sie aus ihm heraus und er muss sie zu Papier bringen: der Passauer Lyriker Friedrich Hirschl. Foto: Nicole Schaller
  • Ausschnitt aus dem Cover von „Stilles Theater“ Foto: Lichtung Verlag

Passau.Kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig – so versucht Friedrich Hirschl in seinen Gedichten Eindrücke und Erlebnisse aus seiner Umwelt einzufangen und auf Papier zu bringen. Nach fünf Jahren Schaffenszeit erscheint am 15. September der bereits achte Gedicht-Band des Passauer Lyrikers. In einer Zeit, in der Gedichte oft als antiquiert, als nicht zeitgemäß gesehen werden, schreibt er beharrlich weiter – weil er nicht anders kann, sagt er. Wenn die Worte kommen, dann drängen sie aus ihm heraus und er muss sie zu Papier bringen, darf dieses Geschenk an Zeilen nicht einfach so weggeben. „Ein Geschenk von Gott“, erklärt der studierte Theologe. Und der sei in den Gedichten des Lyrikers immer latent anwesend, schließlich schreibe er ja über Gottes Schöpfung.

Am Schreibtisch finden die Gedichte ihren Weg aufs Papier. Sie entstehen aber anderswo. Mindestens eine Stunde pro Tag streift Hirschl durch Wälder und stille Ecken seiner Umgebung. Er sammelt Bilder, Eindrücke, die ihm in den Sinn kommen, wenn er alleine ist oder seine Familie beobachtet. Und so entstehen der fürsorgliche Herbst, der unter einer Decke aus Blättern Autos zudeckt, oder die Gerippe von Bäumen, die der Wind in einer Aufwallung von Heißhunger überfallen hat.

Der Lyriker hat das Warten gelernt

Oder liebevolle Beobachtungen der Familien-Katze Peggy, der er sogar ein Gedicht gewidmet hat: „Dein Schatten“, das Lieblings-Gedicht seiner 16-Jährigen Tochter und deswegen auch sein bevorzugtes Gedicht. „Sie hat sich so darüber gefreut, dass ich ein Gedicht über ihre Katze geschrieben habe, deshalb liegt es mir auch besonders am Herzen“, erklärt er.

„Man lernt zu warten.“

Friedrich Hirschl über die Zeit, in der Eingebungen auf sich warten lassen

Es gibt auch Zeiten, da will es mit den Eingebungen einfach nicht klappen. Hirschl nimmt das mit Humor: „Man lernt zu warten“, lacht er. Für den Passauer ist klar: Lyrik ist sein Leben und das Schreiben ein wichtiger Teil von ihm. Während seines Philosophie- und Theologie-Studiums zogen ihn die Gedichte des expressionistischen Lyrikers Georg Trakl in den Bann und in ihm kam der Wunsch auf, seine Eindrücke in keine andere Form als Gedichte zu hüllen. 1987, mit 31 Jahren, veröffentlichte er sein erstes Werk: „Erdzeit“, eine Sammlung lyrischer und prosaischer Texte.

Das Schreiben wird sein Hauptberuf

Jahrzehntelang arbeitete Hirschl als Pastoralreferent in Passau und gab 18 Jahre lang Religionsunterricht – nun möchte er Papier und Stift hauptberuflich zur Hand nehmen und sich auf seine Arbeit als freiberuflicher Schriftsteller konzentrieren. Der Aufgabe als Seelsorger will er aber dennoch mindestens fünf Stunden in der Woche nachgehen. Für ihn ist das ein großes Wagnis, aber er folgt damit seiner Berufung. Für den Entschluss musste der 61-Jährige seinem Herzen einen Ruck geben – und ihn vor allem mit seiner Frau besprechen. Doch er wirkt recht optimistisch, dass er mit seiner Arbeit über die Runden kommen wird.

Honoriert wird er auf jeden Fall in verschiedenster Weise: Er erhielt nicht nur zahlreiche Auszeichnungen, wie unter anderem 2015 den Kulturpreis des Landkreises Passau auf dem Gebiet der Literatur, sondern konnte vier Monate lang beobachten, wie sein Gedicht „Ein Poller von Interesse“ durch die Straßen Stuttgarts fuhr. Im Rahmen des Projekts „Lyrik unterwegs“ wurde es in den Bahnen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ausgehängt. Es erfreute bis zu 600 000 Fahrgäste täglich.

„Der Müllbehälter / Du hast ihn vollgestopft / Machst es ihm unmöglich / die Klappe zu halten.“

Friedrich Hirschl,aus „Stilles Theater“

Nach dem Tod seines früheren Herausgebers Karl Stutz, wird der neue Gedichtband vom Lichtung Verlag veröffentlicht. Den Wechsel nahm Hirschl zum Anlass, sein Buch auf eine für ihn unübliche Weise zu strukturieren und in einzelne Themenbereiche zu gliedern. Sechs Wochen lang versuchte er, eine Ordnung in den Haufen an Gedichten zu bringen – was herausgekommen ist, erscheint wie eine Reise durch den Jahreszyklus, von der Märzsonne, die die Riesenportion Wintergericht verspeist, vorbei an Ackerwinden, die wie kleine Grammophone erscheinen, unter einem farbenprächtigen Laubfeuerwerk hindurch bis hin zum Festnachtsschnee. Oder auch ein Gang durch den Tag, an dem der Vorhang für den Morgen geöffnet wird, man verschiedenen Menschen begegnet und sich am Abend unter Sternen bettet, die bereits wachsam auf ihrem Posten stehen.

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Als aufmerksamer Beobachter streift Hirschl durch die alltägliche Welt und entdeckt die Schönheit und das Besondere im Gewöhnlichen – und plötzlich strahlen die Blätter hoch oben im Ahorn als Sterne und der Winter, ein harter Bursche, polstert sich lieber die Parkbank mit einer weichen Schicht Schnee. Es sind Bilder, die im Trubel und der Hektik für viele Menschen verlorengehen. Nur wenige nehmen sich noch die Zeit, in Ruhe die Umgebung zu beobachten – oder über die kurzen Zeilen eines Gedichts nachzudenken. Hirschl findet das seltsam. „Es ist eine so schnelllebige Zeit und die Menschen sind immer eingespannt, da sollten kurze Gedichte doch eigentlich die Literatur-Gattung schlechthin sein. Auch wirkt es doch ungemein beruhigend, abends ein Gedicht zu lesen und in Gedanken daran, ins Bett zu gehen.“

Bei der Lektüre seiner Gedichte entstehen vor dem inneren Auge kleine Bilder. Keine großen, mächtigen Gemälde voller Details, überbordend von Handlungen oder strotzend vor Prunk und Protz, sondern vielmehr Skizzen. Feine Tuschezeichnungen, höchstens mit Farbklecksen aus Aquarell koloriert.

Die Flucht aus dem Nebelnest

Immer wieder kommt in den Gedichten seine Verbundenheit zur Heimat Passau durch. So erzählt er von den Nestflüchtern, die im Herbst aus dem Nebelnest der Stadt der Flüsse fliehen und schüttelt metaphorisch den Kopf über den Inn, der über die Ufer getreten ist.

„Es gibt bei der Interpretation meiner Gedichte kein Richtig oder Falsch“, stellt Hirschl fest. „Je nachdem, in welcher Tagesverfassung jemand ist, deutet er das Gelesene anders.“ Darum stört er sich auch an den erzwungenen Interpretationen alter Meister in der Schule – als Lyriker denke man nicht immer genau darüber nach, wieso man jetzt etwas so oder so schreibt. Das komme einfach.

Mehr Kultur gibt’s hier.

Zwei Lesungen in der Region

  • Hirschl Privat

    Friedrich Hirschl wurde 1956 in Passau geboren. Dort lebt er heute mit seiner Frau, seinen zwei Töchtern und der Katze Peggy.

  • Lesungen

    Lesungen in der Umgebung finden am 12. Oktober (19.30 Uhr) im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg statt und am 29. November (19 Uhr) im Literaturzentrum Nord KUNO e.V. in Nürnberg.

  • Das Buch

    Der neue Gedichtband von Friedrich Hirschl heißt „Stilles Theater“. Das Buch wird am 15. September im Lichtung Verlag erscheinen.

  • Informationen

    Weitere Informationen erhalten Sie hier .

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