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Ausstellung

Gefahrloser Aufstieg zum Gipfel

Zwei Expressionisten setzen sich in Bernried mit der Natur auseinander: Bernd Zimmer trifft auf Ernst Ludwig Kirchner.
Von Matthias Kampmann, MZ

Ein Bild von Bernd Zimmer: „Kirchner reloaded: Tinzenhorn VII“
Ein Bild von Bernd Zimmer: „Kirchner reloaded: Tinzenhorn VII“ Foto: Hans Döring/VG Bild-Kunst, Bonn, 2015

Bernried.Der Aufstieg beginnt. Am Horizont liegen die Bayerischen Alpen im Glast des hochsommerlichen Mittags. Betritt man die Kühle des wunderbar transparenten Gebäudes von Peter Behnisch, kann von Anstrengung keine Rede sein. An diesem Sonntag ist es heiß, sehr heiß, so dass die Erleichterung groß ist, wenn man die sanfte Brise über sich hinwegziehen spürt, die vom Starnberger See her durch das Buchheim-Museum weht. Doch jetzt ruft wirklich der Berg. Denn das Haus lädt ganz unangestrengt zum geschmeidigen „Gipfeltreffen“, so der Titel einer spannend inszenierten Ausstellung mit Werken von Brücke-Star Ernst Ludwig Kirchner und einem Neuwilden der 1980er Jahre, der sich kontinuierlich in seiner Ausdruckshaftigkeit weiter entwickelt hat: Bernd Zimmer.

Erst einmal klingt es so vermessen wie die Hybris heutiger Allerweltsbergtouristen, die meinen, der K2 wäre im Nachmittagsspaziergang zu nehmen. Selbst wenn man keinen großen Heldenkult fahren will, erscheint es nicht gerade wie ein gleiches Kräfteverhältnis. Ist der 1948 geborene Zimmer denn dem großen Brücke-Kirchner ebenbürtig? Doch darum geht es nicht. Das wäre ein Missverständnis der Schau, die unter der Schirmherrschaft eines absoluten Profis, des Hochgebirgskletterkünstlers Reinhold Messner, steht. Es geht hier um diesen speziellen Berg, den sich Kirchner, Jahrgang 1880, in mehreren Gemälden vorgenommen hat. Von Davos, dem Ort von Kirchners Freitod im Jahr 1938, bemerkt man gleich die charakteristische 3173 Meter hohe Spitze des Tinzenhorns, die wie abgeknabbert ausschaut. In der Ausstellung sieht man auch diesen Gipfel, aber mit alpiner Wirklichkeit hat das bei beiden Künstlern nicht viel gemein.

Das Museum öffnet sich

Von Ernst Ludwig Kirchner: „Dame in Rosa“, 1922
Von Ernst Ludwig Kirchner: „Dame in Rosa“, 1922 Foto: Buchheim Museum der Phantasie

Dramaturgisch hat Direktor Daniel J. Schreiber den Aufstieg in Form von Vegetationsstufen inszeniert. Die Ausstellung startet mit einer Passage in kräftigem Grün: „Kristallwelten“ (2012) oder „Puyuhuapi“ (2013) oder „Reflexion. Am Fluss“ (2010/2012) von Bernd Zimmer etwa. Der Maler geht in diesen großen Bildern an die Grenze von Ungegenständlichem und Wiedererkennbaren, indem er undurchdringliche kräftige Dickichte aus Farbklecksern formuliert, in denen Anklänge an Figürlichkeit den Wald andeuten. Knapp die Hälfte von diesen Formaten misst Kirchners Wald in „Wettertannen“ (1919), die abendlich-stählern anmuten. Übrigens ein Gemälde der Pinakothek der Moderne.

War das Buchheim-Museum bislang nur dem eigenen Bestand gewidmet, öffnet es sich dankenswerter Weise seit Schreibers Dirigat dem Museumsleben im Lande, so dass Buchheims Kostbarkeiten jetzt auch andernorts goutiert werden können, und im Austausch ist dann externes Material in der Traum-Location in Bernried in Augenschein zu nehmen.

Die Natur – Anlass für eruptive Farb-Ausbrüche

Das „Gipfeltreffen“ an diesem hervorragenden Ausflugsziel meint nicht den Gipfel der Kunstgeschichte. Muss es auch nicht. Kirchner sehen wir in der Auseinandersetzung mit den Schweizer Bergen und mit einem späten Bild in seinem aus heutiger Sicht unbeholfen erscheinenden Suchen nach Avantgarde-Anschluss kurz vor dem Freitod. Zimmer wiederum positioniert sich mit seinen Gipfeln als Maler, der Assoziationen über Andeutungen weckt. Die Wirklichkeit erscheint in seinen Gemälden nur mehr als Anlass auch für eruptive Ausbrüche klarer Acryl-Farbigkeit, die sich umso präsenter gegen Kirchner inszeniert, als der Expressionist damals seine Farben mit Benzin verdünnte, was den Bildern im Laufe der Zeit ihre farbliche Präsenz geraubt hat.

Von Bernd Zimmer: Kirchner reloaded: Tinzenhorn-Nebel I
Von Bernd Zimmer: Kirchner reloaded: Tinzenhorn-Nebel I Foto: Hans Döring/VG Bild-Kunst, Bonn, 2015

Zimmers Expressionen haben darüber hinaus etwas Etüdenhaftes. In der je verschiedenen Farbauffassung kommt eine Auseinandersetzung mit den Tageszeiten zum Ausdruck. Es sind und bleiben allerdings Bilder einer Natur, die sich in ihrer Gravität in diesen Darstellungen – und das haben Kirchner und Zimmer gemein – als nicht fassbar erweist. Das verdeutlichen gemalte Bilder eher als ein realer Aufstieg. Und so geht der heiße Sommertag zu Ende, indem man eine völlig gefahrlose Bergtour hinter sich gebracht hat, die allerdings – bei genauerem Nachdenken – durchaus eine Schwierigkeit in sich birgt: Sie zwingt dazu, sich mit dem Verhältnis von Mensch zu Natur in der Malerei auseinanderzusetzen

Gipfeltreffen in Bernried

  • Die Ausstellung

    Die Schau ist als imaginärer Aufstieg inszeniert und zeigt Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, dem berühmten Maler der Brücke, und die Auseinandersetzung mit dem Tinzenhorn im Werk seines „Nachfahren“ Bernd Zimmer. Deutlich lassen sich die Entwicklungen zweier Expressionisten in ihrer Auseinandersetzung mit einem markanten Stück Natur nachvollziehen, wobei sich der Jüngere gelegentlich auf den Älteren direkt bezieht.

  • Die Laufzeit

    Die Ausstellung „Gipfeltreffen“ ist bis zum 11. Oktober im Buchheim-Museum zu sehen: Bernried am Starnberger See, geöffnet im April bis Oktober jeweils Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog kostet 25 Euro.

Gipfeltreffen im Buchheim-Museum

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