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Kultur
Donnerstag, 26. April 2018 16° 3

Carmina Burana

Gelungener Tanz, reifer Gesang

Beim Pupils’ Dance Project vertanzen 200 Mittelschüler beeindruckend Orffs großes Werk im Velodrom. Auch und vor allem die Sänger überzeugten.
Von Michael Scheiner, MZ

Die Schüler tanzten mit großem Einsatz und sichtlicher Lust zur Musik der Gesangssolisten und Chöre – und beeindruckten das Publikum. Foto: Scheiner

Regensburg. Volle Zuschauerränge. Die Bühne voll. Der Orchestergraben voll. Und dann waren auch noch die Chöre unterzubringen. Oben auf der Galerie des Velodroms, links und rechts des unten sitzenden Publikums, sind die Chorphilharmonie und die Vorchöre der Regensburger Domspatzen platziert worden. Wo sonst auch noch Zuhörer sitzen, standen nun dichtgedrängt Sängerinnen und Sänger. Eines der wenigen organisatorischen Mankos eines überzeugenden pädagogisch-künstlerischen Projektes, denn der Schall steigt nach oben. Damit entwickelten die Stimmen bei der Aufführung nicht ganz die Kraft, fast Gewalt, mit der Carl Orffs berühmtestes Werk am besten zur Geltung kommt.

„Carmina Burana“, ein bombastisches Chorwerk, haben sich die Initiatoren ausgeguckt, um es zusammen mit Schülern mehreren Mittelschulen aus der Stadt und dem Landkreis als Tanzprojekt auf die Bühne zu bringen. Nach dem Vorbild der Filmdokumentation „Rhythm Is It!“ mit den Berliner Philharmonikern und 250 Berliner Kindern und Jugendlichen, die unter der Leitung des Tanzpädagogen Royston Maldoom Igor Stravinskys Ballett „Le sacre du printemps“ tanzten, sollte auch das „Pupils’ Dance Project“ Schüler mit Kunst, Tanz und Musik in einem professionellen Rahmen – vielfach erstmals – in Berührung bringen.

Monatelange Vorarbeit

Das ist voll und ganz gelungen. An die 200 Jugendliche verschiedener Altersstufen waren beteiligt. In monatelanger Vorarbeit lernten sie Schrittfolgen, Sprünge, synchrone Bewegungen und was sie wie mit ihren Körpern ausdrücken können. Die Choreografinnen Chia Yin Ling, Jutta Leidhold, Ruth Wahl und Serkan Cagatay ermöglichten den beteiligten jungen Menschen einen ungewohnten, einen anderen Zugang zu sich selbst, den die Schule(n) mit ihrem üblichem Unterricht sonst nicht zu leisten vermögen. Dabei hatten sie es mit erheblich unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten zu tun.

Auf der Bühne im Velodrom, wo schließlich die verschiedene Choreografien vom Solotanz bis zur klassenübergreifenden Großgruppe zusammengeführt wurden, zeigten sich diese individuellen Unterschiede in kleinen Unsicherheiten einerseits und Tanzenden, die voll und ganz in ihrer neuen Rolle aufgegangen sind andererseits. Mit allen künstlerischen Beschränkungen, die ein solches eher pädagogisch intendiertes Projekt mit sich bringt, war es eine richtige Freude zu erleben, welche Hingabe, welchen Elan und Eifer einige Tanzende entwickelten. Für ein derartiges Mammutunternehmen ist es ganz sicher alles andere als einfach, Choreografien zu (er-)finden, welche die Jugendlichen weder unter-, noch überfordern.

Lustvolle Breakdance-Begleitung

Mit Breakdance-Elementen aus der Hip-Hop-Kultur, von einigen Jungs zu „In taberna quando sumus“ mit Bariton Johannes Beck lustvoll zelebriert, setzten die Tanzpädagogen ganz gezielt an den Erfahrungen aus der Alltagskultur jungen Menschen an. Bei einigen erfahrenen Ballettschülerinnen machten sie sich andererseits deren Erfahrungsschatz in den Choreografien zunutze.

Die großen Choreografien mit allen beteiligen Jugendlichen zum mächtigen Eingangs- und Schlusschor „O Fortuna“ waren sehr einfach, aber wirkungsvoll gehalten und huldigten am Ende den drei Solisten Beck, Ilonka Vöckel (Sopran) und Countertenor Thomas Diestler. Der drang mit seinem Vagantengesang „In Taberna quando sumus“, wo um ihn herum Jungs mit Riesenstreichhölzern Aufstellung nahmen, nur eingeschränkt durch.

Musikalisch überzeugte die Aufführung weitgehend, nur die Hörner schienen sich hie und da ein wenig zu vergaloppieren. Künstlerisch ein Gefälle existierte logischerweise zwischen den Chören mit ihrem nahezu professionellen Auftreten und den wenig erfahrenen Tanzenden.

Was die Produktion und Aufführung insgesamt etwas belastete, ist eine Überbeanspruchung des Publikums mit pädagogischen Kunstprojekten – vorwiegend im Bereich Tanz und Musik. Wenn innerhalb eines Jahres manchmal drei, vier oder mehr Schul-, Schüler- und ähnliche Vorstellungen und Projekte mit großem Aufwand beworben werden, scheint bisweilen das noch Größer, Mehr und noch Gewaltigere vor der eigentlichen – pädagogischen – Zielsetzung zu stehen.

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