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Ausstellung

Georg Tassev schaut in die Abgründe

Der Regensburger Künstler blickt den Menschen ins Herz: Er zeigt Gier und Niedertracht, aber auch Sehnsucht und Hingabe.
Von Michael Scheiner, MZ

Georg Tassev zeigt, was im Menschen steckt: hier vor den „36 Zeitgenossen“ beim Neuen Kunstverein am Schwanenplatz.
Georg Tassev zeigt, was im Menschen steckt: hier vor den „36 Zeitgenossen“ beim Neuen Kunstverein am Schwanenplatz. Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Wenn ein Hase von der Liebe – eher: dem Begehren – ergriffen wird, fliegen die Fetzen. Ausgerechnet einen Wanderweg „Hasenliebe“ zu nennen, um damit die Bedeutung der Nächstenliebe zu unterstreichen, wie es die Schweizer tun, entbehrt also nicht einer gewissen Komik. Klüger ist es, mit Kind und Kegel die Ausstellung von Georg Tassev im Neuen Kunstverein zu besuchen. Seine expressive Zeichnung vermittelt ein realistischeres Bild von „Hasenliebe“. Da zeigen sich zwei erbittert Kämpfende die berühmten Hasenzähne, wie um sie gleich als gefährliche Hauer dem Widersacher in die Kehle zu stoßen. Das tut der gemeine Rammler in Wirklichkeit nicht. Er belässt es bei herausgerissenem Fell und büschelweise Haaren. Bei gegnerischen Menschen ist das manchmal anders.

Auch wenn gelegentlich noch andere Tiere in Tassevs künstlerischem Kosmos auftauchen, ist der Regensburger mit bulgarischen Wurzeln weder Tiermaler noch Allegorist. Sein großes Thema ist der Mensch. Und das, was in ihm steckt: An Bosheit, Gier und Verzweiflung. an Sehnsüchten, Begierden und Niedertracht, aber auch an Schwäche, erotischer Hingabe und ängstlicher Zuwendung. Knapp gefasst: Tassev malt und zeichnet Emotionen und Triebe. Er verleiht dem Menschlichen – das gern einmal auf Tiere übertragen wird – Gesicht und Ausdruck, ähnlich wie es der belgische Symbolist James Ensor in einigen seiner berühmtesten Bilder getan hat, in denen er durch eine groteske Maskenhaftigkeit das Falsche, Gemeine in den Menschen entlarvt.

Sechs Zeichnungen von Georg Tassev: „Hasenliebe“, „Warum bin ich da?“, „Verletzlichkeit“, „Hol mich heraus“, „Guter Tag“ und „Ganz brav“
Sechs Zeichnungen von Georg Tassev: „Hasenliebe“, „Warum bin ich da?“, „Verletzlichkeit“, „Hol mich heraus“, „Guter Tag“ und „Ganz brav“ Foto: Michael Scheiner

Tassev geht einen deutlichen Schritt weiter. Er beschränkt sich nicht auf die düstere, die verwerfliche Seite. Er schaut den Menschen ins Innere, blickt ihnen sozusagen ins Herz. Und er bemüht sich, auf diese Weise zu erkennen, was sein Gegenüber ausmacht, wie die Personen im Kern tatsächlich beschaffen sind. Das packt er, einer Fotografie vergleichbar, in eine Momentaufnahme, die freilich immer eine allgemeine Wahrheit über den Menschen enthält.

36 Fratzen an die Wand gepinnt

Im Unterschied zum viel exakteren Abbild der Fotografie, die uns täglich als millionenfacher Betrug entgegentritt, decken Tassevs schiache, grotesk verzerrte und lächerlich entstellte Fratzen etwas auf. Vor allem in den „36 Zeitgenossen“, eine direkt auf die Wand gepinnte Ansammlung von sechs mal sechs Köpfen gleicher Größe, kann man – mit etwas Fantasie – alles entdecken, was an Voreingenommenheiten und Abneigungen in jedem von uns steckt: Den schrecklichen Nachbarn, die Visage eines Terroristen, einen geldgeilen Banker, geisterhafte Junkies oder die missgünstige Kollegin.

Ein Ausstellungsbesucher mit Handy vor den „36 Zeitgenossen“ von Georg Tassev in Regensburg
Ein Ausstellungsbesucher mit Handy vor den „36 Zeitgenossen“ von Georg Tassev in Regensburg Foto: Michael Scheiner

Es ist ein Panoptikum grausamster Karikaturen von verletzender Offenheit. Hier lässt sich eine Parallele zu den „Charakterköpfen“ des Barockbildhauers Franz Xaver Messerschmidt ziehen, der eine ganz ungewöhnliche Reihe von Büsten mit grotesken Grimassen zur Erforschung von Affekten geschaffen hat. Es lässt sich aber auch der empfindsame, verletzliche Künstler in der Ausstellung „Vom Grund und Abgrund“ beim Neuen Kunstverein entdecken: im schalkhaften „Einsamer Hase“ ebenso wie in manchen der entstellten Köpfe. Bei genauerem Betrachten wirken manche Geschöpfe eher mitleiderregend als abstoßend.

„Animalische Harmonie“ von Georg Tassev, zu sehen beim Neuen Kunstverein am Schwanenplatz
„Animalische Harmonie“ von Georg Tassev, zu sehen beim Neuen Kunstverein am Schwanenplatz Foto: Michael Scheiner

„Wie viel Liebe braucht der Mensch?“, fragt Tassev in einer der zahlreichen kleinen Zeichnungen, die den zweiten Raum der Galerie am Schwanenplatz einnehmen. In dem Bild „Animalische Harmonie“ wird die enge Umarmung zweier Paare durch zugespitzte Krallenfinger, scharfe Zähne und einen aufgerissenen Mund, der gleich zubeißen könnte, wieder in Frage gestellt.

Seine Bilder springen einen an

Meisterlich versteht es Tassev, mit entschiedenem Strich und dichtem Gekritzel, schwarzen Ecken und expressiv überhöhtem Ausdruck Betrachter in Aufruhr zu versetzen. Seine Bilder lassen wohl nur wenige kalt, viele springen den Betrachter förmlich an. Dabei ist es sekundär, ob man – im Gedränge der bestens besuchten Eröffnung – von den Abgründen, die sich in den starken Zeichnungen und wenigen Gemälden auftun, gefesselt oder abgestoßen wird. Die sehr gelungene Hängung trägt mit dazu bei, die hochemotionalen Arbeiten von „einem der wichtigsten Künstler der Region“, wie Reiner R. Schmidt vom Kunstverein bei der Vernissage hervorhob, mit weit offenen Augen in sich einzusaugen.

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Ausstellung verlängert

  • Die Ausstellung

    „Vom Grund und Abgrund“ (hier vor dem Bild „Animalische Harmonie“) wurde bis 30. Januar verlängert, die Finissage ist am 30. Januar (15 Uhr). Die Schau beim Neuen Kunstverein (Schwanenplatz 4) ist geöffnet: Donnerstag und Freitag 16 bis 19 Uhr, Samstag 12 bis 15 Uhr

  • Der Künstler

    Georg Tassev hat in Sofia/Bulgarien an der staatlichen Kunst-Akademie studiert und 1990 seinen Abschluss gemacht. Seit 1991 arbeitete er an zahlreichen Projekten und Ausstellungen in Deutschland und im Ausland, seit 1994 ist er freischaffend als Maler, Zeichner und Gestalter tätig. Georg Tassev lebt und arbeitet in Regensburg.

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