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Ausstellung

Geprägt von den Meistern der Moderne

Der Nachfahr denkt nach: Künstler Ludwig Gebhard ist in der Galerie Dr. Erdel Miro, Klee, Leger und Picasso auf der Spur.
Von Helmut Hein, MZ

Ludwig Gebhards Witwe Conradine pflegt das Werk ihres Mannes in der Galerie in Landsberg. Zur Eröffnung der Ausstellung kam sie auch nach Regensburg (hier vor „Flächenüberlagerung“ und „Zahlenwerk“). Foto: altrofoto.de

Regensburg. „In aller großen Kunst ist ein wildes Tier: gezähmt“, zitiert Dr. Wolf Erdel in seiner Vernissagen-Rede den Philosophen Wittgenstein. Wittgenstein, dieser zerrissene Heros der Moderne, weiß wovon er redet. Diese Sublimierung der Bestie, diese Verwandlung des dionysischen Wütens in reine Form, von der hier die Rede ist, beschreibt aber auch bestens, meint zumindest Erdel, die Lebens- und Arbeitsweise Ludwig Gebhards.

Gebhard (1933-2007) war ein Wüterich und Workaholic. Man konnte ihn schon um sechs Uhr früh in seinem Atelier finden – und abends um elf immer noch. Und überdies war er ein später Romantiker. Weniger in seiner Arbeit, aber in seinen sonstigen Bedürfnissen. Sehnsüchtig nach dem unendlichen Gespräch. Ein Virtuose des Kontakts zu anderen Künstlern, Politikern, Wissenschaftlern. Bereit zu raschen Freundschaften. Ein Netzwerk-Arbeiter schon zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch kaum gab.

Neuerer auf vermintem Terrain

War Gebhard, dieser „Dynamiker“ (Erdel), anlehnungsbedürftig? Entdeckte er sich selbst in dem, was andere waren und taten? Ein Blick auf sein Werk legt diese Vermutung nahe. Gebhard liefert Kommentare, Meta-Bilder. „Reflexionen der Moderne“ nennt Dr. Erdel seine dritte Gebhard-Ausstellung. Gebhard ist durchdrungen, geprägt von den Meistern der Moderne. Von Miro und Klee, vor allem aber von Leger und Picasso. Wenn man auf seine Bilder schaut, sieht man ihre. Dennoch ist Gebhard nie Epigone oder gar Plagiator. Er bleibt stets beides: ein fast schon byzantinischer Archivar des bereits Erreichten; und ein „versucherischer“ Avantgardist, ein Neuerer auf vermintem Terrain.

Vor allem aber ist Gebhard ein versierter Handwerker. Ein „Könner“. Einer, der mit den unterschiedlichsten Materialien und Techniken experimentierte. Es gab fast nichts, was der Stipendiat der Florentiner Villa Romana verschmäht hätte: von der klassischen Malerei und solidesten Zeichnung bis zu Schmuck- und Textildesign. Aktuell aber ist in der Galerie am Fischmarkt vor allem Druckgraphik zu sehen: Radierungen und Lithographien. Und, am verblüffendsten, Linolschnitte. In diesem puristischen Verfahren, das jede Ungenauigkeit bestraft und Präzision belohnt, setzte Gebhard zeitlebens „benchmarks“. Man muss nur nachlesen, wie begeistert sich der eher kühle Pavel Liska, der frühere Leiter der Ostdeutschen Galerie, über diese Arbeiten äußert, um ihren Status zu ermessen.

Gebhard erforscht als Linolschneider entschieden die Möglichkeiten der konkreten Kunst – und damit, in gewisser Weise, unserer Sensibilität. Denn es stimmt ja nicht, dass es in der konkreten Kunst nur um Formen und Farben und abstrakteste Relationen geht, dass diese Kunst, sehr viel mehr noch als die abstrakte, nicht bloß von Gegenständlichkeit, Darstellung, „Repräsentation“ gereinigt ist, sondern auch von aller Subjektivität. Es mag sein, obwohl man auch darüber streiten kann, dass Ausdruck und Geste hier keinen Platz haben. Dass sich alles gewissermaßen „more geometrico“ entwickelt. Aber fern von allem Menschlichen, Physischen ist sie deshalb nicht. Es werden nur andere Potenzen angesprochen. Oder soll man sagen: aktiviert.

Unübersehbarer Dialog mit Picasso

Sobald die Figuration ins Spiel kommt, merkt man, dass Gebhard konzeptuell denkt und arbeitet. Er setzt die Erfindungen und Einsichten von Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus immer schon voraus. „Reflexionen der Moderne“ heißt hier: schauen, wohin ein Gedanke einen führt, wie er Bild wird, wo er abbricht. Reflexion verschmäht die Wiederholung nicht. Sie ist sogar ihr Metier. Manches sieht man erst, wenn man es noch einmal sieht, ein wenig anders. Als figurativer Künstler beschäftigt Gebhard vor allem der Kopf bzw. das Gesicht. Sie sind die Träger der Idee, der Ort des Traums, die Fläche, wo sich alles abzeichnet, also auch Ausdruck möglich wird. Das nur Individuelle, der Reiz des Aparten, spielt bei Gebhard kaum eine Rolle. Ihn fasziniert der Typus. Und zwar in seiner archaischsten Form, nah am Mythos. Der Dialog mit Picasso, für den das ganze Leben, die ganze Kunst corrida war, Stierkampf, ist unübersehbar. Und auch das surrealistische Faible für das Trans-Personale. Das Ich verschwindet in der Masse oder erscheint als deren Produkt. Wenn das Ich rein rauschhaft wird, „antlitzlos“, beginnt das Regime des Ornaments. Alles wird Chiffre, Ahnung des Anderen, von dem man noch nichts weiß.

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