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Kultur
Sonntag, 27. Mai 2018 29° 2

Turmtheater

Gerwin Eisenhauer inszeniert Thriller

Ein Autor in der Gewalt einer Psychopathin: Der Regensburger Drummer bringt Stephen Kings „Misery“ auf die Bühne.
Von Peter Geiger

In einer Probenszene zu „Misery“: Steffi Denk als Annie Wilks und Martin Hofer als Paul Sheldon Foto: Peter Geiger

Regensburg.Klar, im Haupt- und Brotberuf ist Gerwin Eisenhauer Jazzdrummer. Und, man darf sagen, einer der namhaftesten, nicht nur hierzulande, sondern mit seinem „Trio Elf“ auch an internationalen Kriterien gemessen. Aber wenn er einem so gegenüber sitzt, im Café, und von den Proben erzählt, die er gerade als Regisseur von Stephen Kings „Misery“ leitet, dann ist einem sofort klar: Diese menschgewordene Beatbox vermag all das, was sie ansonsten an Takten und Rhythmen ins Drumset einspeist, auch direkt in kreative Energie umzusetzen.

Gerwin Eisenhauer ist ein Inszenierungs-Fanatiker, ein charmanter Träumer und ansteckender Visionär, einer, der begeisternd über seine Leidenschaften zu reden vermag. Beispielsweise über die, die er für Stephen King hegt (den Vornamen spricht er, der in New York am Drummers Collective studiert hat, übrigens aus mit e, sehr hartem f und norddeutschem st). King hat Eisenhauer in Schülertagen schon für sich entdeckt, und Sommer für Sommer im Freibad gelesen, in den 80ern im heimischen Weiden.

Ein Broadway-Besuch hat Folgen

Die Faszination für diesen „Seismographen der Angst“, der viel mehr sei als ein bloßer Horrorautor, sie sei nie abgerissen. Weshalb sich Eisenhauer 2017 (da wurde er 50) auch die Broadway-Inszenierung seines King-Favoriten „Misery“ nicht entgehen ließ, mit der begeisternden Laurie Metcalf in der Titelrolle. „Sie kannte ich ja schon aus den Roseanne-Verfilmungen!“

Über ihren Bühnenpartner Bruce Willis freilich musste Gerwin Eisenhauer den Kopf schütteln. Denn der Hollywood-Star fremdelte offenkundig mit der Bühne und hatte solche Probleme beim Textlernen, dass er während der Aufführung kleine Knöpfe in den Ohren benötigte – als Dauer-Souffleuse. Trotzdem war der Gast aus Regensburg so begeistert, dass er noch im Foyer des „New York Theater“ zu seiner Tochter sagte: „,Misery‘ muss auch in Regensburg auf die Bühne: und zwar im Turmtheater!“

Premiere im Turmtheater am 16. Februar

  • Der Thriller:

    Stephen Kings Thriller „Sie“ (Originaltitel: „Misery“) erschien 1987. Rob Reiner verfilmte den Stoff 1990 unter dem Titel „Misery“, mit Kathy Bates in der Hauptrolle. Das Drehbuch zum Film schrieb William Goldman. Von William Goldman stammt auch die Bühnenfassung, die am Broadway für Furore sorgte. Die deutsche Übersetzung stammt von Hagen Horst. Im Regensburger Turmtheater (Am Watmarkt) hat die Inszenierung von Gerwin Eisenhauer am Freitag (20 Uhr) Premiere, in den Hauptrollen: Steffi Denk und Martin Hofer.

Zwei weitere Aspekte waren für Gerwin Eisenhauer ausschlaggebend, weshalb er Martin Hofer den Vorschlag unterbreitete, den Stoff zu inszenieren (und obendrein den Turmtheater-Chef auch noch als Hauptdarsteller gewann): Zum einen möchte er dazu beitragen, das Profil des Hauses Am Watmarkt zu erweitern und „wegzukommen von Komödien über ältere Paare, die sich verrannt haben in ihrer Beziehungseinsamkeit“. Zum anderen will er auch Steffi Denk dazu verhelfen, ihr Spektrum zu erweitern: Weg von bloßer, mit Gesang unterfütterter Heiterkeit. Hin zu tragischen Rollen, die sich durch Drama und Tiefe auszeichnen.

Der Jazzdrummer Gerwin Eisenhauer als Regisseur: Im Turmtheater inszeniert er „Misery“. Foto: Peter Geiger

Um Martin Hofer zu überzeugen, bedurfte es natürlich in erster Linie eines spannenden Stoffes. Und den liefert „Misery“. Die Geschichte um Schriftsteller Paul Sheldon, der nach einem Autounfall inmitten der Schneewüste von Colorado gesundgepflegt wird von der Krankenschwester Annie Wilkes – sie entpuppt sich als knallharte Entführungsstory.

Wie verrückt ist Annie?

Annie ist nämlich zugleich der größte Fan des Autors Paul – und weil sie ihn jetzt schon mal in ihrer Gewalt hat, kann sie von ihm verlangen, was sie will. Dass er sein Herzensprojekt aufgibt. Und dass er ihre Lieblingsfigur „Misery“ – Heldin einer Kitsch-Serie – nicht wie geplant sterben lässt. Das Zwei-Personen-Stück verwandelt sich unversehens in eine Parabel über das Nah-Verhältnis von Autor und Leser, von Künstler und Rezipient. Das ist der Punkt, der Eisenhauer in seiner Regie-Arbeit am meisten fesselt: „Darüber haben wir im Vorfeld auch wahnsinnig intensiv geredet: über den Grad von Annies Verrücktheit.“ Annie habe sich christlich-fundamentalistischen Heilslehren verschrieben und verehre obendrein mit dem Pianisten Liberace „einen König des Kitschs, der in seiner Brutalität und Schlichtheit an die Propaganda Donald Trumps erinnert“.

Und so wird die Begegnung mit „Misery“ unversehens zu einer Reise, tief hinein ins Herz der amerikanischen Finsternis.

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