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Ausstellung

Geschöpfe aus lauter Papierschnipseln

Seo malt mit handgeschöpften farbigen Blättern – zum Beispiel Hunde mit samtigem Fell, zu sehen im Kunstkabinett Regensburg.
Von Claudia Böckel, MZ

  • Galeristin Marianne Schönsteiner-Mehr vor zwei Werken von Seo, geklebt aus Abertausenden kleinster Papierstückchen Foto: Tino Lex
  • Besucher vor einem Bild von Seo, geklebt aus zigtausenden von Papierschnipseln. Foto: Tino Lex
Kamele traben ungerührt über eine Wasserfläche – auf einem Bild von Seo, zu sehen im Kunstkabinett.
Kamele traben ungerührt über eine Wasserfläche – auf einem Bild von Seo, zu sehen im Kunstkabinett. Foto: Tino Lex

Regensburg. Seo malt mit Papier. Ihre großformatigen Arbeiten, im Kunstkabinett zu sehen, wirken wie Gemälde, mit breitem Pinsel gemalt. In Wirklichkeit entstehen sie aber aus unendlich vielen, gerissenen Papierschnipseln, die auf die Leinwand mit der Vorzeichnung geklebt werden.

Seo, 1977 in Gwangju in Seoul/Korea geboren, lässt das Hanji-Reispapier in ihrer Heimat von Hand schöpfen und in über 800 verschiedene Tönungen einfärben. Aus diesem Material entstehen in langwieriger Kleinarbeit ihre Werke, oft ganze Serien wie die großen und kleinen Formate der „Hunde auf Teppichen“. Treuherzig blicken die Tiere den Betrachter an oder wirken vertieft in die orientalischen Teppichmuster, die die Bilder völlig bedecken. Es ist fast immer viel drauf auf Seos Bildern. Etwa der „Traumbaum“ (2015): Er steht im Wasser, wirkt fast wie eine ganze Stadt, ist besetzt mit Baumhäusern, Straßen, Alleen, geheimnisvoll und eher unruhig in der Wirkung, mit Blättern, aber auch mit geometrischen grünen Strukturen.

Sie stach aus den Studenten heraus

Besucher vor einem Bild von Seo, geklebt aus zigtausenden von Papierschnipseln.
Besucher vor einem Bild von Seo, geklebt aus zigtausenden von Papierschnipseln. Foto: Tino Lex

Konstruierte Landschaften gibt es, bei denen Gletschergebirge neben grünen Hügeln stehen. Verschiedene Jahreszeiten finden sich wie bei Piero della Francesca auf einem Bild, Kamele gehen ungerührt durch eine Wasserwüste auf Felsformationen zu, schneebedeckte Berge im Hintergrund. Die Globalisierung sei eines ihrer Urthemen, sagt ihr Berliner Galerist Michael Schultz, der Seo schon seit Studientagen als Meisterschülerin von Georg Baselitz betreut und am Freitagabend im Kunstkabinett in ihr Werk einführt. Sie sei aus der Reihe der Studenten heraus gestochen, aufgefallen durch ihr großes Maul und ihr Selbstbewusstsein. Ihr Werk ist eine Mischung aus asiatischer Malerei und deutschen Einflüssen. Eines Tages sei sie in seine Galerie gekommen und entgeistert darüber gewesen, das deutsche Wort „Warum“ geträumt zu haben. Bis dahin hätte sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache geträumt. Aus dieser Begebenheit entstand dann eine ganze Bilderserie, Traumbilder von Deutschland, die bestimmte typische Begriffe ins Bild setzen wie die „Gartenzwerge“. Seos Werke sind in vielen öffentlichen Sammlungen vertreten, allein das Moma in New York kaufte neun Werke an.

Im Jahr 2015 kommt Seo wieder ein wenig mehr zur Malerei, allein schon deshalb, weil ihre Klebetechnik sehr zeitaufwendig ist. Jetzt mischt sie Malerei und Collage mehr als früher. Heraus kommen ungewöhnliche Bilder wie „Airfishing“ auf glatt weißem Grund, das zwei in sich versunkene sitzende Männer und ihre Schatten darstellt. Über den Köpfen hängen blühende Kirschblütenzweige, an asiatische Farbholzschnitte erinnernd.

Ein buntes Karo ploppt auf

Szene von der Vernissage, mit einem Weizenfeld-Bild von Seo
Szene von der Vernissage, mit einem Weizenfeld-Bild von Seo Foto: Tino Lex

Waren zum Beispiel ihre Erntebilder bis auf ein klein wenig Himmel zur Gänze geklebt, sieht man jetzt weiße Leinwand oder ein Straße im Gebirge, darauf ein Mann mit Eselskarren, alles ganz realistisch. Im unteren Bilddrittel allerdings ploppen abstrakte Farbflächen auf, ein buntes Karo, das nichts mit dem Bildraum und seiner Illusion zu tun hat. An dieser Schnittstelle verselbstständigt sich Seos bunte Schnipselwelt.

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