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Projekt

Getanzte Architektur im Velodrom

Die Besucher erlebten eine Reise durch die Epochen. Die Tänzer setzten dabei Architekturstile in dynamische Bewegungen um.
Von Angelika Lukesch

Die Tänzerinnen verknüpften künstlerische Bewegung und Architektur. Foto: Jens Niering Photoproductions
Die Tänzerinnen verknüpften künstlerische Bewegung und Architektur. Foto: Jens Niering Photoproductions

Regensburg.Es war ein gewagtes Experiment: Der Versuch, Dynamik in eine Beziehung zur Statik zu setzen, ist den Tänzern des Sosani Tanztheaters, der Balletttanzakademie Bonivento-Dazzi, dem Freien Tanzensemble Ute Steinberger, der Kotch&Rhapsody Tanzcompany Heidi Huber und dem Akrobatik-Showteam des SV Fortuna Regensburg bei der Premiere von „Tanz und Architektur in Regensburg“ im Velodrom gelungen.

Dem Projekt unter der Leitung von Ute Steinberger und Sebastiano Bonivento lag die Idee zugrunde, die darstellende Kunst, also den Tanz, und die Architektur miteinander zu verknüpfen. Die Architekten Stefan Ebeling, Wolfgang Krakau, Albert Schneitl und Florian Lermer sowie beim Initiierungsprozess auch Andreas Eckl bildeten zusammen mit den teilnehmenden Tanzensembles kreative Projektteams, die die Idee der Verknüpfung von Tanz und Architektur an eine chronologische Struktur knüpften und damit den Zuschauern zugänglich machten. Die Bezeichnungen der einzelnen Szenen gaben dem Zuschauer einen Anhaltspunkt vor, um den sich die subjektive Interpretation des Einzelnen ranken konnte.

Emotionalität und klare Vernunft

Beeindruckend entfaltete sich die erste Szene „Human“ auf der Bühne. Vor den in alle Fasern des Körpers kriechenden, vibrierenden, dunklen Bass-Wellen veranschaulichten die Tänzer die Menschwerdung, das Erwachen des Ich-Bewusstseins aus einem animalischen Ursprung. Körperhaft beschrieben wurde der Mensch, der Schutz sucht in Gebäuden, sich im Schutz der Architektur entfaltet und sich gleichzeitig darin verbirgt. Die Tänzer zogen die Zuschauer in den Bann der reinen Emotionalität, die mit der geometrisch klaren Vernunft der Architektur kontrastierte.

Nach der hehren und beherrschenden Präsenz mythologischer Göttinnen, die frei von irdischen Notwendigkeiten wie Gebäuden oder Architektur sind, wurde die Gotik mit all ihrer Strenge, Frömmelei, Angst und Unterdrückung der menschlichen Seelen auf der Bühne beklemmend in Bewegung und Gestik dreidimensional „gemalt“. Die Strenge des damaligen Lebens spiegelte sich auch in den geometrisch-kompromisslosen, himmelwärts strebenden Linien der gotischen Bauwerke wider.

Die Renaissance mit dem Aufbrechen starrer Regeln wurde symbolisiert durch fließende Bewegungen, flatternde Gewänder und Haare. Die üppige Prächtigkeit des Barock, verbunden mit zügellosem Lebensgenuss, vermittelte ein Gefühl davon, wie die Architektur das Lebensgefühl der Menschen jeder Epoche widerspiegelt. Die Szene „Animal in the arena“ beschrieb die Grausamkeit des Menschen, der seine Macht auf Schwächere ausübt.

Krieg als körperlicher Kraftakt

Im zweiten Teil der Tanzaufführung stellte die Schauspielerin Franziska Plüschke sowohl philosophische als auch rationale Überlegungen über das Velodrom, über Le Corbusier und die Charta 33/Sanierung Regensburgs an, die sie auf amüsant-exaltierte Weise dem Publikum nahebrachte. Die Tänzer nahmen den Raum ein und bezeichneten so die Dreidimensionalität, in der Tanz und Architektur die größte Übereinstimmung besitzen.

Das Thema „Ingenieurskunst“ wurden auf anregende, manchmal nicht leicht zu interpretierende Weise tänzerisch umgesetzt, die „Serielle Fertigung“ ließ dagegen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Genial war die Idee, das Thema „Krieg und Wiederaufbau“ vom Akrobatik-Showteam des SV Fortuna Regensburg darstellen zu lassen, denn hier wurden die rohen Kräfte, die bei Krieg und Wiederaufbau entfesselt wurden, durch körperliche Kraftakte abgebildet.

„Wohnen, Arbeiten und das vergoldete Regensburg“ lautete der Titel der letzten Szene, die die Vielfalt des Lebens in den Gebäuden Regensburgs mit Leidenschaft beschrieb. Die Promenade zwischen den Szenen, die von Ute Steinberger und Sebastiano Bonivento getanzt wurde, sorgte für die nötige Distanz zwischen den einzelnen Themen. Livemusik sorgte für die Unmittelbarkeit des visuellen und akustischen Eindrucks – ein Kunstgriff, der für Spannung im Bild der gesamten Aufführung wirkte.

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Das Projekt

  • Musik:

    Die Musiker Heinz Grobmeier (unter anderem Saxophon), Fredy Granzer (Akkordeon, Philipp Ortmeier (Cello) und Elisabeth Merklein (Geige) sorgten für die Livemusik.

  • Organisation: Getragen wurde das Projekt „Tanz und Architektur Regensburg“ von den „Ballettfreunden Regensburg“. Die Proben dauerten ein halbes Jahr.

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