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Konzert

Gibt es glückliche Musik?

Starpianist Sir András Schiff begeistert im Neumarkter Reitstadel. Er spielt und erklärt drei Sonaten von Franz Schubert.
Von Claudia Böckel

András Schiff und ein Prachtstück von Bösendorfer-Flügel Foto: FRITZ WOLFGANG ETZOLD
András Schiff und ein Prachtstück von Bösendorfer-Flügel Foto: FRITZ WOLFGANG ETZOLD

Neumarkt.Ganz persönliche Worte findet Sir András Schiff, wenn er in sein Konzertprogramm im Neumarkter Reitstadel einführt und über drei Sonaten von Franz Schubert spricht. Davon, wie schwer es sei, nach Beethoven überhaupt noch Klaviersonaten zu schreiben. Davon, dass diese Sonaten ein geschlossenes Buch bleiben, wenn man Schuberts 600 Lieder nicht kenne.

Und schon hat er Vergleichsmöglichkeiten an der Hand, spielt Liedanfänge, gleich in die richtige Tonart transponiert, um den Schubertschen Kosmos zu veranschaulichen, zu zeigen, wo es Ähnlichkeiten und Anknüpfungspunkte gibt. Spektakulär ist auch das Erscheinungsbild des Bösendorfer-Flügels, der auf der Bühne steht und den schönen Steinway des Reitstadels für diesen Abend zur Seite drängt. Es ist ein Paradiesvogel unter den Konzertflügeln, in rotem Pyramiden-Mahagoni, strahlend rotes Holz mit dunkler Maserung in Pyramidenform. Das Modell wurde eigens für Schiff gefertigt und auf Hochglanz poliert. Schiff ist ja ein erklärter Fan der Bösendorfer Klaviere. Auf ihnen ließen sich eine große Klangfarbenvielfalt und erstaunliche Differenzierungen besonders im Pianissimobereich erzielen; zudem habe sich in ihnen der Geist der Wiener Hammerklaviere des frühen 19. Jahrhunderts erhalten.

Anklänge an wienerische Tänze

Diese Aussagen ließen sich bei den Neumarkter Konzertfreunden durchaus verifizieren. Schiff hatte drei Sonaten Schuberts ausgewählt, die sogenannte Sonatentrias I mit den Werken in a-Moll D 845, D-Dur D 850 und G-Dur D 894. Diese Sonaten entstanden 1825/26 und werden als die „mittleren“ bezeichnet, um sie von den drei späten Sonaten zu unterscheiden. Anklänge an den Volkston und an wienerische Tänze gibt es in allen Sonaten.

Das ausgebreitete Material ist relativ einheitlich und von Schubert in der Anlage so ähnlich auch für die späte Sonatentrias aus dem Todesjahr konzipiert. Auf eine dramatische erste Sonate in Moll folgen eine „frühlingshafte“ zweite und eine „lyrische“ Sonate in Dur. Martin Gecks Grundaussage zum romantischen Lied, „Natur, Liebe, Tod - gehören zur existenziellen Grunderfahrung; von ihnen zu singen, ist zweite Natur“, lässt sich auf die Sonatentrias anwenden, wenn man die Reihenfolge ändert: „Tod, Natur, Liebe“ ist eine zwar vereinfachte, aber leicht begründbare Deutung der dreifachen Variation eines zugrunde liegenden Themenmaterials in der jeweiligen Sonatentrias.

Sir András Schiff

  • Ungarn:

    Schiff wurde 1953 in Budapest geboren. Er gibt Klavierabende auf der ganzen Welt, außer in Ungarn, um auf die alarmierende politische Entwicklung aufmerksam zu machen.

  • Zyklen:

    Besonders Klavierzyklen sind ihm wichtig. Seit 2004 hat er in 20 Städten alle 32 Beethovenschen Klaviersonaten gespielt.

Der Kopfsatz der a-Moll-Sonate verwendet einen Ausschnitt aus dem zeitgleich komponierten Lied „Totengräbers Heimwehe“, die D-Dur-Sonate könnte eine autobiografische Beschreibung der Naturerfahrung auf einer Reise durch Oberösterreich sein und das Dreiklangmotiv der G-Dur-Sonate findet sich in einigen Liedern zum Thema Liebe. András Schiff bringt diese Inhalte zum Klingen mit unglaublicher Klarheit. Er lässt große Abbrüche im Hauptsatz der a-Moll-Sonate zu, analysiert sezierend genau – und gestaltet gleichzeitig mit innerer Wärme und äußerster Anteilnahme.

Die schönste der Sonaten

Der zweite Satz ist ein Lied in C-Dur mit fünf Variationen, die mal hell und luftig, dann tänzerisch, insistierend, rauschend und mit Glockenklang daherkommen. Das Scherzo changiert zwischen leichten, gaukelnden Themengestalten und heftigen, meist synkopischen Akkordschlägen. Leise und schlicht beginnt Schiff das Sonatenrondo, den vierten Satz, lässt ein fugato lebhaft aufblitzen und hängt eine heftige Stretta an.

Schiff berichtet zur Einführung in die D-Dur-Sonate, man hätte Schubert gefragt, warum seine Musik so traurig sei und er hätte geantwortet: „Gibt es überhaupt glückliche Musik?“. Fröhlichkeit ist zu finden in Schiffs Spiel, Extrovertiertheit, helle Farben, lichte Welten. Er leuchtet alles von Pianissimo bis Fortissimo aus, zeichnet unglaublich feine Linien nach, mit unglaublicher Weichheit im Ton. Die G-Dur-Sonate sei überhaupt die Schönste, meint er. Und spielt sie mit großem Atem, betörend schön in der Diktion, schlicht und unaufgeregt, intensiv und gelassen, genauso wie die Ungarische Melodie der Zugabe.

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