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Ausstellung

Glänzende Ansichten von der Welt

Da passt das Konzept zum Werk: Fünf junge Künstler zeigen in der Kebbel-Villa in Schwandorf ihre Visionen vom „Draußen“.
Von Helmut Hein, MZ

„Goldjunge“ Stefan Bircheneder, frisch gekürter Regensburger Kulturförderpreisträger 2015: Seine Werkstücke von „Fronberg Guss“ glänzen wie Goldbarren.
„Goldjunge“ Stefan Bircheneder, frisch gekürter Regensburger Kulturförderpreisträger 2015: Seine Werkstücke von „Fronberg Guss“ glänzen wie Goldbarren. Foto: Gabi Schönberger

Schwandorf.Eine wunderbare Ausstellung! Wunderbar, weil in der Kebbel-Villa etwas Rares geschieht: dass nämlich das Konzept zu den einzelnen Arbeiten passt und sie stark macht; dass der Gedanke das Bild klärt; und das Bild den Gedanken.

Aber was soll das heißen: „Draußen“? Andrea Lamest, die die Schau kuratiert hat, setzt an das Ende ihres Einführungs-Essays ein Bild von „Mr. Spock“ im Star Trek-Einsatz und untertitelt es: „Einer von ganz weit draußen“. Aber auch diesseits der Ränder des Universums finden sich interessante Kontraste: Metropole und Provinz; Innenwelt und Außenwelt; oder, wie einst bei Peter Handke: die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.

Man lernt die Welt kennen; und Zugangsweisen zur Welt. Denn die fünf Künstler sind nicht nur Maler (Stefan Bircheneder, Jan Gemeinhardt), sondern auch Fotografen (Eveline Kooijman), sie radieren (Christina Kirchinger) oder reaktivieren eindrucksvoll eine eher dubiose Technik wie den Linolschnitt (Sebastian Speckmann). Es fällt auf, dass nicht auf den ersten Blick klar ist, wer in welchem Medium arbeitet. Da können Kinder irritiert sein und mit einer gewissen Festigkeit die Auffassung vertreten, bei Bircheneders Malerei handele es sich um Fotografie. Dafür entdecken dann Erwachsene in Eveline Kooijmans Fotos malerische Züge. Nicht nur die Welt draußen verschwimmt, sondern auch unsere Wahrnehmung.

Gussstücke in verstörendem Gold

Fünf junge Künstler und eine Ausstellung wie aus einem Guss (von links): Stefan Bircheneder, Jan Gemeinhardt, Christina Kirchinger, Sebastian Speckmann und Eveline Kooijman
Fünf junge Künstler und eine Ausstellung wie aus einem Guss (von links): Stefan Bircheneder, Jan Gemeinhardt, Christina Kirchinger, Sebastian Speckmann und Eveline KooijmanFoto: Gabi Schönberger

Stefan Bircheneder, frisch gekürter Kulturpreisträger 2015, dürfte in Regensburg unter den fünf Künstlern der mit dem höchsten Wiedererkennungswert sein. Seine Bilder sind menschenleer. Er lässt sich lieber von den Spuren der Menschen, oft auch von Resten ihrer Tätigkeit faszinieren. Seine Aufmerksamkeit gilt Industriebauten, Maschinen am Ende ihrer Laufzeit. Der beginnende Verfall macht manches sichtbarer. Solche Arbeiten sind auch im Künstlerhaus zu sehen.

Aber jetzt kommt die Überraschung: Bircheneder hat sich für eine eigene Serie wochenlang mit „Fronberg Guss“ beschäftigt. Die Industrieanlage in der Nähe der Kebbel-Villa produziert nach wie vor; und ihre Betreiber sind eng mit dem Künstlerhaus verbunden. Ein Vorfahr ließ Ende des 19. Jahrhunderts die Villa erbauen, die erst später von einem Herrn Kebbel übernommen wurde. Noch bis heute ist „Fronberg Guss“ dem Haus mäzenatisch verbunden. Bircheneders Dokumentation der Firma ist beides: die Bestandsaufnahme einer unternehmerischen Realität und die Überhöhung, ja fast Mythisierung der Maschinen und Werkstücke, die bei ihm verstörend golden glänzen.

Die Natur wird rätselhaft

Jan Gemeinhardt treibt es in seinen Acryl- und Öl-Arbeiten hinaus in die Natur, die bei ihm aber so reduziert und verdichtet wird, dass sie zu „glänzen“ beginnt: ein „Schein“, der einen Wald durchleuchtet oder eine Brandung akzentuiert. Alles wird rätselhaft: der Hase, der, an den Hinterpfoten gefesselt, senkrecht ins Bild hineinhängt; ein Tisch, dessen Funktion man nicht erkennen kann; Wildnis, die in Ausschnitten sichtbar wird.

Fünf junge Künstler in der Kebbel-Villa (von links): Christina Kirchinger, Jan Gemeinhardt, Stefan Bircheneder, Sebastian Speckmann und Eveline Kooijman
Fünf junge Künstler in der Kebbel-Villa (von links): Christina Kirchinger, Jan Gemeinhardt, Stefan Bircheneder, Sebastian Speckmann und Eveline KooijmanFoto: Gabi Schönberger

Ganz anders ist die Natur bei Eveline Kooijman. Sie ist ja bekannt geworden durch ihre Dokumentation von Schlachtfeldern vergangener Zeiten, die heute harmlos, idyllisch, bieder daherkommen. Da ist Gras über vieles gewachsen; anderes wurde wegasphaltier. Ungeheuer (im Wortsinn) atmosphärisch, wie im Grunde die ganze Ausstellung, sind ihre See-Stücke. Immer vom selben Standpunkt aus wie durch ein Bullauge oder ein Fernrohr aufgenommen, bezaubern sie durch Licht, Nebel, Wetterumstände. Auch Natur sind ihre Ansichten nackter Rücken, die dadurch besonders wirken, dass sie sie „vektoriert“, Hautunreinheiten so durch Linien strukturiert, dass diese mit einem Mal an Sternbilder erinnern.

Wenn es um Natur geht, geht es immer auch um Räume. Aber selten so radikal wie in Christina Kirchingers Radierungen. Da bleiben von der Welt nur architektonische Fragmente, unheimliche Szenen für Taten, von denen niemand mehr weiß.

Frappierend sind Sebastian Speckmanns Linolschnitte. Bei ihm ist nichts harmlos, sondern alles eher zauberisch und ästhetisch sehr avanciert. Um solche Architektur-Landschaften zu schaffen, bedarf es einer präzisen Fantasie; das Material verzeiht keine Fehltritte. Zur Entspannung nimmt sich Speckmann Drucke aus historischen Bildbänden vor und verändert sie zur Kenntlichkeit, indem er Pigmente wegradiert. Eine faszinierende Ausstellung.

„Draussen“ in der Kebbel-Villa

  • Die Vernissage

    Die Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf-Fronberg eröffnet am Sonntag, 28. Juni, 11 Uhr, und ist bis 16. August zu sehen. Andrea Lamest, Leiterin des Hauses, führt in die Werke der fünf Künstler ein. Als Überraschungsgast bei der Eröffnung hat sich Mario Schönhofer von der Band „LaBrassBanda“ angekündigt: mit Elektromusik.

  • Künstlergespräche:

    Stefan Bircheneder, Christina Kirchinger und Eveline Kooijman stehen am Sonntag, 19. Juli, 14.30 Uhr, in der Kebbel-Villa zum Künstlergespräch bereit. Sebastian Speckmann und Jan Gemeinhardt stellen sich am Sonntag, 16. August, 14.30 Uhr, Fragen der Besucher.

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