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Literatur

Gleichberechtigung beim Attentat

Wissenschaftler spüren in dem Buch „Dschihadistinnen“ dem neuen Selbstverständnis von Frauen im islamistischen Terror nach.
Von Harald Raab

Im Dschihad wollen Frauen nicht mehr nur Helferinnen sein. Foto: Boris Roessler/dpa
Im Dschihad wollen Frauen nicht mehr nur Helferinnen sein. Foto: Boris Roessler/dpa

Regensburg.Als Dschihad-Bräute und Opfer männlichen Radikalismus‘ werden oft Frauen in westlichen Medien dargestellt, die nach Syrien oder in den Irak gereist sind und sich dem IS angeschlossen haben. Mit solchen Klischees räumen die beiden jordanischen Sozialwissenschaftler und Islamismus-Experten Hassan Abu Hanieh und Mohammad Abu Rumman gründlich auf. Ihre umfassende Studie zu dem Phänomen liegt nun in deutscher Übersetzung im Dietz Verlag vor, Titel: „Dschihadistinnen - Faszination Märtyrertod“. Übersetzt aus dem Arabischen von Günther Orth.

Ohne eurozentriertem Blick mit „kulturistischen und orientalistischen“ Vorurteilen – Zivilisation versus Barbarei – zeichnen sie ein Frauenbild selbstbewusster Persönlichkeiten, die glaubten und zum Teil immer noch glauben, auf ihrer Identitätssuche als Muslima im IS ihren Sehnsuchtsort mit Vollendung in der Scharia gefunden zu haben.

Frauen sind oft gut ausgebildet

Die beiden Wissenschaftler zeichnen zahlreiche Frauenbiografien nach, die im IS mündeten. Frauen aus Saudi-Arabien, dem Sudan, aus Marokko, Jordanien, Palästina und Kuwait, aber auch aus Europa, vornehmlich Großbritannien, Frankreich und Belgien, sowie aus den USA. Außerdem gewähren sie einen Einblick in die intensiv geführte Diskussion islamischer Rechtsgelehrter und Islamistenführer zu dem Phänomen Dschihadistinnen und deren Opferbreitschaft für die Sache Allahs. Während al-Qaida-Chef Osama bin Laden Frauen als Kämpferinnen abgelehnt hatte, sei ihre Nützlichkeit an der Terrorfront heute unumstritten – nicht nur beim IS.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Ausgangssituationen in den einzelnen Ländern zeigen sich auffallende Gemeinsamkeiten: Die Frauen stammen häufig aus der Mittelschicht und haben oft eine gute Ausbildung, selbst Universitätsabschlüsse. Sie lebten in konservativen, gläubigen Familien oder haben sich vor ihrem Comingout intensiv dem islamischen Glauben zugewandt. Ohne religiöse Unterfütterung hätten sie wohl kaum Gefahren für Leib und Leben in Kriegsgebieten oder den Märtyrerinnen-Tod auf sich genommen.

Das Buch

  • Titel:

    Dschihadistinnen – Faszination Märtyrertod

  • Autoren:

    Hassan Abu Hanieh und Mohammad Abu Rumman

  • Verlag:

    Dietz

  • Seiten:

    299

  • Preis:

    22 Euro

Augenfällig wird das an der Syrerin Iman al-Bugha abgehandelt, der bekanntesten Theoretikerin, Propagandistin und Ideologin des IS. Die Scharia-Professorin hatte einen der gefragtesten Prediger und Islam-Gelehrten des Nahen Ostens zum Vater. Sie saß im Weltrat für die Wunder des Korans. Ihr Selbstzeugnis: „Ich war schon für den IS, bevor es ihn gab, und seither weiß ich, dass es für Muslime nur eine Lösung gibt, nämlich die des Dschihad.“

Zunehmend mehr Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass die Quellen des radikalen Dschihadismus nicht nur im Salafismus liegen, sondern auch in der traditionellen islamischen Rechtslehre. In Bezug auf al-Burgha bekennt der syrische Scharia-Gelehrte Muhammad Habash ungewöhnlich religionskritisch: „Ich glaube nicht, dass sie an einem psychischen oder sozialen Komplex leidet. Sie setzt lediglich streng das um, was ihr beigebracht wurde. Sie ist kein Ausnahmephänomen und keine Irrläuferin.“ Man habe ihr via Koran die Legitimität von Grausamkeiten vermittelt, wie diese: „Wer seinen Glauben wechselt, den tötet.“ Das alles gehöre für Muslime zu Gottes Gesetz und zur Sunna des Propheten.

Frauen geben Ideologie weiter

Für die Autoren sind Frauen längst nicht mehr passive Wesen, Anhängsel der Männer beim Dschihad.“ Sie spielen zunehmend eine aktive Rolle, speziell in der Internetpropaganda, und fordern das Recht auf den Märtyrerinnentod ein. Sie können aus der Sicht des IS bei extremistischer Gewalt mitwirken – als Sympathisantinnen, Rekrutiererinnen, Beschützerinnen oder auch als Täterinnen. Die Mehrzahl der Muslime lehne die Gräueltaten des IS zwar ab, haben aber allzu großes Verständnis für die Motive der Islamisten.

Verhängnisvoll für das Klima im Islam, der die Terroristen des IS und anderer Gruppierungen zu Randerscheinungen herunterreden will, ist die Verehrung von Märtyrern: „Für Gott zu sterben, hat in muslimischen Gesellschaften höchsten moralischen Wert und ein Märtyrer, der das tut, genießt größtes Ansehen. (...) Muslimen bedeutet bei allen Differenzen und unterschiedlichen Konfessionen der Tod für die Sache Gottes den direkten Übergang ins ewige Leben.“ (Koran, Sure 3)

Die westliche Sicht, die dschihadistischen Selbstmordattentate würden einer nihilistischen Einstellung geschuldet sein, sei grundlegend falsch. Abu Hanieh und Abu Rumman argumentieren dagegen: „Der Dschihadismus, ja der Islamismus insgesamt, zieht keine Grenzen zwischen diesseitig und jenseitig, zwischen materiell und symbolisch. Wählt der Dschihadist freiwillig den Tod , so glaubt er, eben dadurch den Tod zu besiegen, indem er dem bequemen Leben entsagt.“

Etwa 5000 Frauen sind dem Lockruf des IS gefolgt, davon 500 aus Europa. Wird mit der Zerschlagung des Kalifats der Horrorspuk sein Ende finden? Die jordanischen Wissenschaftler warnen vor der Hoffnung auf eine Lösung des Problems mangels eines Islamischen Staates. Sie sagen: „Es ist schwer vorstellbar, dass man Menschen, die aus verfestigten dschihadistischen Gemeinschaften stammen, der dschihadistische Ideologie in absehbarer Zeit entreißen kann.“ Die Ideologie werde, speziell von Frauen, an die Nachwuchsgeneration weitergegeben.

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