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Glupschäugige Wesen und Tod

Das „Innen-Leben“ von Alfred Kremer und Shinichi Sawada im Museum Lothar Fischer wurde bis 19. Juli verlängert.
Von Michael Scheiner

Die manchmal bizarren, manchmal inspirierenden Werke des japanische Künstler Shinichi Sawada sind in Neumarkt zu sehen. Foto: MICHAEL Scheiner
Die manchmal bizarren, manchmal inspirierenden Werke des japanische Künstler Shinichi Sawada sind in Neumarkt zu sehen. Foto: MICHAEL Scheiner

Neumarkt.Gegenüber dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt liegt ein kleiner See, eher ein Teich, der nichts Dramatisches an sich hat, eher zum Verweilen einlädt. Dennoch scheinen etliche der fantastischen Wesen, die aktuell das Museum bevölkern, im Zwielicht der Dämmerung diesem See entstiegen zu sein, um tagsüber ihre Plätze unter den Glasvitrinen in den Ausstellungsräumen einzunehmen.

Tatsächlich bezeichnet der japanische Künstler Shinichi Sawada seine mythisch-surrealen Fabelwesen mit Stacheln und Glupschaugen, Krallen und Hörnern als Meereswesen. Sehr viel mehr scheint der 38-Jährige über Herkunft und Bedeutung seiner Keramiken aber nicht preiszugeben. In einer kurzen Filmdokumentation erfährt man, dass der in Westjapan lebende Künstler sonst kein Wort über seine Arbeiten verliert. In einer Fürsorgeeinrichtung für geistig eingeschränkte Menschen ist er über Stickerei zur Arbeit mit Ton gekommen. Dabei ist sein großes Talent erkannt und von einem Kunstprofessor in der Einrichtung gefördert worden.

Durch Sawadas Teilnahme an der Biennale 2013 in Venedig ist Museumsleiterin Dr. Pia Dornbacher auf die so fremdartig und gleichzeitig seltsam vertraut wirkenden Gestalten aufmerksam geworden und wusste sofort: „Mit diesem Künstler möchte ich eine Ausstellung machen“. Erst auf einer Japanreise gelang es ihr, die nötigen Kontakte herzustellen und die erste Einzelausstellung Sawadas in Europa zusammen mit dem Berliner Georg Kolbe Museum auf die Beine zu stellen.

Ein Autist macht Kunst

Diese kombinierte sie mit Tuschebilder des in Regensburg geborenen Alfred Kremer zu einer außerordentlich poetischen, faszinierenden Schau zweier „Innen-Welten“. Die bei Mate-rial, Form, sowie inhaltlich und zeitlich weit auseinander liegenden Künstlerpersönlichkeiten stoßen aneinander, weil sie beide ihr Innerstes nach außen kehren.

Sawada, weil er sich als Autist nicht über die Sprache, sondern fast ausschließlich über seine Kunst ausdrückt, die er mit kreativer Energie und konzentrierter Beharrlichkeit gestaltet. Auf die Grundform seiner Wesen, die an Tiergestalten, Dämonen, aztekische oder afrikanische Geister erinnern können, setzt er in akribischer Ruhe eine Dornenreihe an die nächste.

Wobei zwei scheinbar gleiche Figuren durch wenige Details in einem Fall mächtig erschrocken und in einem anderen wie ein zähnefletschendes Ungeheuer, welches gleich mit seinen Krallen zuschnappt und alles zu verschlingen droht, aussehen können. Es ist eine faszinierende Bilderwelt, die sich hier auftut und unweigerlich in ihren Bann zieht. Vielleicht auch, weil man von diesen aufbrausenden, drohenden, verschmitzten und anrührenden Gestalten selbst etwas in sich verspürt.

Das „Innen-Leben“

  • Künstler:

    Gemeinsam mit Ton-Plastiken des Japaners Shinichi Sawada, der erstmals nicht im Kontext der Outsider Art zu sehen ist, werden Tuschezeichnungen des aus Regensburg stammenden Alfred Kremer (1895-1965) gezeigt.

  • Besuch:

    Gruppenbesuche sind im Neumarkter Lothar Fischer Museum nicht möglich, maximal 15 Besucher mit Mund-Nase-Bedeckung dürfen sich gleichzeitig in den Ausstellungsräumen aufhalten.

„Gestalt-Zeichen“ hat Kremer seine kleinformatigen Tuschebilder genannt. Als Ausdruck innerer Auseinandersetzungen und Ängste sind diese in seinen drei letzten Lebensjahren entstanden, als er wegen einer fortgeschrittenen Erkrankung bettlägerig geworden war. Halb liegend entstanden dann expressiv verformte Gesichter, Paare, Tiere und Aufgeknüpfte, in welchen sich Kremer mit Contergan, Tod, der Religion und dem Papst, mit Gefangensein, Erotik und dem „Zahn der miesen Zeit“ beschäftigt, wie eines der Bilder betitelt ist.

Faszinierende Ausstellung

Aber auch Tiere und ihr kreatürliches Dasein gewinnen bei Kremer ein modern wirkendes Eigenleben. Im Ausdruck und der vibrierenden Erregung, die sich in den mit Löschpapier erzeugten Schattierungen zeigt, erinnert das an die Cobra-Leute oder auch an Joseph Beuys und Giacometti.

Die faszinierende Ausstellung konnte nun bis 19. Juli verlängert werden. Sie ermöglicht ein Eintauchen in eine Welt magischer Figuren und symbolträchtiger Zeichen und lässt dabei übliche Zuordnungen wie Art brut oder Outsider Art fast ganz hinter sich.

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