mz_logo

Kultur
Dienstag, 17. Juli 2018 29° 3

Kunst

Götter sind auch nur Menschen

Markus Lüpertz zeigt uns Helden als gereifte Geschöpfe. Nach der Vernissage bei Bäumler Regensburg wechselt er ans Klavier.
Von Marianne Sperb, MZ

Regensburg. Markus Lüpertz als Maler, Grafiker und Bildhauer, als Musiker und Dichter und auch noch höchstpersönlich: Mehr Lüpertz geht kaum. Der Malerfürst, einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, ist am Montagabend in Regensburg in all seinen Facetten künstlerischen Ausdrucks zu erleben, Selbstinszenierung inklusive.

Nach der Eröffnung einer üppigen Ausstellung in der Galerie Bäumler nimmt er er beim Jazzclub im Leeren Beutel am Klavier Platz und jazzt bis in die Nacht mit der legendären Formation TTT. Am Ende seines Regensburg-Gastspiels ist der Künstler, abgesehen von ein paar zarten Schweißtröpfchen auf der Stirn, noch ebenso wie aus dem Ei gepellt wie vier Stunden zuvor, bei der Vernissage.

Auftritt eins: Lüpertz schreitet die drei Stufen von den Büros der Galerie Bäumler in den Ausstellungssaal herab, das Stimmengewirr der vielen Menschen, die sich bis auf die Obere Bachgasse hinaus drängen, legt sich, und klar wird: Hier steht der Fixstern des Abends. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zeigt sich stolz auf „einen großen Abend für Regensburg“. Seine Begrüßung ist eine bemerkenswerte Geste, wenn man an den krachenden Abschied denkt, den Galeristin Andrea Madesta vor Jahren, in der Ära Hans Schaidinger, als Leiterin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie hatte. Madesta selbst, die eine wunderbare Kunstvermittlerin ist, steigt extra auf ein Podest, um in Lüpertz’ Ringen mit Göttern und Bürgern einzuführen, – „weil ich leider nicht so groß bin“. „Nicht so lang“, korrigiert der Ehrengast galant.

Der Malerfürst weiß, was er seinem Image schuldet. Er trägt den obligaten Gehrock mit Einstecktuch, die schwarze Seidenkrawatte wird von einer juwelenbesetzten Schlange am Hemd fixiert und ein Tick Punk glitzert in dicken Armbändern und Ring im Ohrläppchen. Die Linke stützt der Meister auf einen seiner vielen Gehstöcke; für Regensburg hat er das Modell Silbereule ausgewählt. Auf seine pompösen Ringe hat er verzichtet: Er bildhauert gerade viel, „Ringe mit geschwollenen Fingern – das geht nicht“.

Der Tabubruch als roter Faden

Der maximal konventionelle Habitus des Gentleman aus dem 20. Jahrhundert – Lüpertz mosert auch noch ein bisschen über „all diese Menschen in Jeans“ – kontrastiert mit dem maximalen Tabubruch im Werk eines Künstlers, der immer wieder an der Spitze der Avantgarde marschiert ist. Der kalkulierte Bruch zieht sich als roter Faden durch das Schaffen. Markus Lüpertz arbeitet sich an den Göttern der Antike ab; er zeigt uns mythologische Helden als Menschen und hinterfragt die Genies der Vergangenheit auf ihren Wert für die Gesellschaft von Heute. Er beruft sich auf Traditionen und schreitet dabei scharf die Grenzlinien der Toleranz ab.

Markus Lüpertz zeigt uns Heroen als deformierte, versehrte Geschöpfe, die reifen mussten, und macht unsere Idealgestalten zu Individuen. Das provoziert. Seine Aphrodite in Augsburg trat nach Protesten den Rückzug in den halbprivaten Raum an, sein Mozart in Salzburg wurde als beleidigend angeprangert und zuletzt, 2014, erregte sein Beethoven in Bonn die Bürgerschaft. Verehrt oder verteufelt – dazwischen bleibt bei Lüpertz wenig Raum. Vor allem seine Skulpturen polarisieren. Die Ausstellung in Regensburg ist jetzt eine Einladung, sich eigener Reizschwellen bewusst zu werden, Vorbilder neu zu verorten und im Göttlichen das Menschliche zu entdecken.

Andrea Madesta hat eine opulente, gleichzeitig kostbare Schau zusammengestellt. Sie zeigt ein beeindruckend geschlossenes Werk, mit konsequent weitergedachten Themen, meisterhaft ausgeführt in verschiedenen Techniken. Rund 60 Arbeiten auf Papier und Skulpturen sind in der Galerie Bäumler versammelt, ein Lüpertz-Rausch mit Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten bis in die Gegenwart, vielfach in kleinster Auflage produziert oder sogar als Unikat, wie „Der Hirte“ (1987). Der Holzschnitt, im umwerfenden Format von rund zwei mal zwei Metern, dominiert den Eingangsraum mit Goldgelb, Sattgrün und einem Bronzebraun, der schimmert wie ein Schatz.

Lüpertz schrumpft das stolze Wappentier

Mit dem Hirten greift Lüpertz ein Thema auf, das Georg Baselitz immer wieder bearbeitet hat. Dem Künstlerfreund beschied Lüpertz einmal, er halte ihn für einen der besten lebenden Künstler – „aber das Genie bin ich“. Auch bei den Adler-Blättern blinkt die Assoziation zu Baselitz auf. Bei Lüpertz kommt das politisch-ideologisch aufgeladene Wappentier aber nicht monumental und auf dem Kopf gestellt daher: Lüpertz hinterfragt das Emblem, indem er es schrumpft. Seine Adler sind kaum größer als Spatzen und sie schauen nicht würdevoll, sondern ziemlich grantig, ein bisschen böse und sehr hilflos.

„Hölderlin ist einer meiner Götter“, bekennt Lüpertz. Ihm hat er eine Serie von Kaltnadel-Radierungen gewidmet, Blätter mit leuchtend-farbigem Hintergrund, die Madesta in Pop-Art-Manier auf einer Wand arrangiert hat. Davor steht eine Stele mit Hölderlin in Bronze: ein Mann mit geradem Rücken, die Knie gebeugt. Lüpertz verwendet Bronze, das Material mit Ewigkeitsanspruch, mit einer Offenheit, die „fast impressionistisch anmutet“ (Madesta), und bemalt es satt mit Gelb, Blau, Rot und Rosa.

In „Genius“ umkreist Lüpertz auch das eigene Genie. Die Grafik zeigt, auf wenige Linien reduziert, eine männliche Figur, nicht sehr muskulös, nicht bildsprengend, nicht heroisch-stolz, sondern etwas gebeugt, vielleicht sogar ängstlich, und wir sehen: Das Genie ist ein Mensch.

„Ich kann alles malen“, sagt Lüpertz später, „mit der rechten Hand, mit der linken Hand. Aber in der Grafik bin ich Anfänger.“ Vor ihr habe er sich immer gedrückt. Da kokettiert Lüpertz allerdings: Die Blätter in der Galerie Bäumler zeigen einen Strich, der so zupackend, expressiv und zwingend ist wie in seiner Malerei. Lüpertz besteht darauf: Bis heute habe er in der Grafik den Zustand der Zufriedenheit noch nicht erreicht. Die permanente Unzufriedenheit aber hält ihn jung und ist sein Antrieb, Kunst immer wieder neu zu versuchen. „Insofern“, sagt der 73-Jährige bei der Vernissage, „bin ich ein junger Künstler, der vor Ihnen steht und versucht, den Göttern da oben den Arsch aufzureißen.“

Den Regensburg-Trip beinahe abgesagt

Er sei wegen Andrea Madesta nach Regensburg gereist, sagt Lüpertz zu Journalisten, weil er sie mag und schätzt. Das stimmt nicht ganz: Weil er am Dienstag um 8 Uhr in Paris sein soll – Vorbereitungen für seine große Retrospektive im Musée d’Art Moderne in Paris, die am 16. April eröffnet – hätte er seinen Regensburg-Trip am Montagabend beinahe abgesagt. Dass er dann doch kommt, liegt am sanften Druck der Musiker von TTT, mit denen ein Konzert beim Jazzclub im Leeren Beutel angekündigt ist.

Eine gute Stunde lang post und parliert der Meister in der Galerie, dann wechselt er die Bühne – zu Auftritt zwei, beim Jazzclub. Frank Wollny (Bass), Wolfgang Lackerschmid (Vibrafon), Gerd Dudek (Saxofon) und Guido May (Schlagzeug): Die Augen von Jazz-Fans leuchten bei den Namen aus dem harten Kern von TTT. Die legendäre Band, die ein Stück deutscher Jazz-Geschichte verkörpert, tritt im Leeren Beutel an, um dem Mann am Klavier zu folgen.

Das Etikett Free-Jazz hat offenbar viele abgeschreckt; im Saal sind noch etliche Plätze frei. Was Lüpertz und TTT dann aber spielen, ist absolut hörbar, nicht wüst, schrill oder provokant, dafür energiegeladen, stimulierend, differenziert und ausgesprochen interessant.

Lüpertz gibt den Ton an, dann fädeln sich die TTT-Musiker nach und nach ein. Zu Anfang noch suchend, holprig, dann zunehmend aufeinander eingehend rollt die Formation einen vibrierenden Klangteppich aus, spinnt einzelne Stränge weiter, wechselt zu anderen Motiven und entwickelt eine Klangwelle, die sich sanft aufbäumt, auseinander driftet, wieder anschwillt und schließlich sachte verklingt.

Intensive Beinarbeit am Klavier

Lüpertz hackt auf die Tasten, verzichtet auf große Läufe und übernimmt den Part des Widerborsts. Er zeigt intensive Beinarbeit und bewegt das Pedal, als ob er das Klavier aufpumpen wollte. Gerd Dudek und noch mehr Frank Wollny halten sich weitgehend zurück. Die Szene beherrschen, neben Lüpertz, vor allem Wolfgang Lackerschmid mit luziden, delikaten, in chirurgischer Präzision gesetzten Tönen, und Ryan Carniaux, der bei TTT die junge Generation vertritt und der den Klangwolken erst mit der Trompete, später am Horn, glitzernde Lichter aufsetzt. Eine echte Entdeckung ist Stephanie Schlesinger. Die Sängerin interpretiert Lüpertz-Gedichte, Zeilen zwischen Romantik und Dada: „Gar lieblich schmeckt der Mandelwein, O Herz, da lebt sich’s besser“. Später stellt Schlesinger mit Lackerschmid einen Ausschnitt aus dem gemeinsamen Programm „Herzschmerz“ vor, flüstert, schmatzt und haucht und elektrisiert mit kühler Erotik.

TTT hält das Programm kurz. Das Publikum, das konzentriert mitgegangen war, ist einverstanden: Nach dem letzten Stück gibt es freundlichen Applaus – aber nach Zugabe verlangt niemand.

Lüpertz bei Bäumler

  • Die Ausstellung:

    Die Galerie Bäumler (Inhaberin: Dr. Andrea Madesta) zeigt bis 16. Mai rund 60 neue Arbeiten auf Papier und Skulpturen von Markus Lüpertz: Obere Bachgasse 16, Dienstag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr, und nach Vereinbarung, Telefon (09 41) 899 39 802, Info: www.galerie-baeumler.de.

  • Der Künstler:

    Markus Lüpertz, Maler, Grafiker und Bildhauer, zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Er tritt immer wieder mal als Pianist mit der Jazzband TTT auf, schreibt Gedichte und gibt die Kunst- und Literaturzeitschrift Frau und Hund heraus. 1988 bis 2009 war er Rektor der Kunstakademie Düsseldorf. Lüpertz lebt und arbeitet in Berlin, Karlsruhe, Düsseldorf und Florenz. Sein Atelier hat er in Teltow. In der Öffentlichkeit stilisiert er sich als exzentrischer Maler mit Geniekult. Lüpertz ist verheiratet und hat fünf Kinder. (Quelle: Wikipedia)

Markus Lüpertz in Regensburg
Markus Lüpertz jazzt

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht